02.12.2006 · Der Fall Litwinenko wird immer brisanter: Auch bei Mario Scaramella, einer Kontaktperson des ehemaligen russischen Agenten, wurden radioaktiven Spuren im Urin entdeckt. Bei der Obduktion von Litwinenkos Leichnam soll angeblich eine Polonium-Dosis nachgewiesen worden sein, die einem Beschaffungspreis von 30 Millionen Euro entspreche.
Im Zusammenhang mit dem Strahlentod des früheren russischen Agenten Alexander Litwinenko in London ist zeitweise auch in Italien Alarm ausgelöst worden. Experten hätten allerdings keine Hinweise gefunden, daß es in Italien eine Kontaminierung gebe. „Im Augenblick besteht kein Gefahr für die Bevölkerung“, sagte Gesundheitsministerin Livia Turco
Die Befürchtungen in Rom waren ausgelöst worden, nachdem britische Ärzte auch beim italienischen Geheimdienstexperten Mario Scaramella Spuren von Polonium 210 festgestellt hatten. Litwinenko und Scaramella hatten sich am 1. November in einer Londoner Sushi-Bar getroffen. Noch am selben Abend hatte der Exil-Russe über Beschwerden geklagt und sich in eine Klinik begegen. Drei Wochen später starb er an den Folgen einer Vergiftung durch die radioaktive Substanz Polonium 210.
Spurensuche auch in Italien
Scaramella hingegen gab der Zeitung „The Guardian“„ noch am Freitag ein Interview, in dem er von keinerlei
Beschwerden berichtete. Kurz darauf bekam er dann die Nachricht, daß auch bei ihm Polonium-Spuren entdeckt wurden.
Scaramella sei nach dem Treffen mit Litwinenko mit einer Billig-Fluglinie von London nach Neapel und wieder zurück geflogen. Bei Untersuchungen seiner Frau sowie weiterer Familienmitglieder sei keine Kontaminierung festgestellt worden. Auch im römischen Senat war nach Strahlenspuren gesucht worden. Dort war Scaramella Ende November bei einer Pressekonferenz aufgetreten.
Undurchsichtige Persönlichkeit
Nach dem Tod Litwinenkos hatten britische Wissenschaftler am Freitag zunächst einen weiteren Fall einer Vergiftung mit radioaktivem Material gemeldet. Ein Sprecher der Gesundheitsbehörde bestätigte, bei einer Person aus dem direkten Umfeld von Litwinenko sei Polonium 210 nachgewiesen worden. Die entdeckte Menge sei erheblich, sagte der Sprecher. Es bestehe Anlaß zur Sorge um den Gesundheitszustand des Patienten. Die Polizei wollte keine Angaben zur Identität des Patienten machen .Der Fall werde im Krankenhaus weiter untersucht.
Italienische Medien stellten Scaramella als undurchsichtige Persönlichkeit dar, die im Schatten der Geheimdienste agiere. Zugleich löste der Fall innenpolitischen Streit aus: Scaramella war Berater des Forza-Italia-Politikers Paolo Guzzanti. Dieser wiederum ist Vorsitzender einer - während der Regierung von Ministerpräsident Silvio Berlusconi - 2002 eingerichteten parlamentarischen Untersuchungskommission, die angebliche Verwicklungen italienischer Politiker mit dem KGB untersuchen soll. In diesem Zuge gab es in der Vergangenheit immer wieder vage Beschuldigungen gegen den derzeitigen Ministerpräsidenten Romano Prodi.
„Potentiell tödlich“
Ein Anwalt Scaramellas sagte, er wolle auf die endgültigen Ergebnisse warten, bevor er eine Erklärung abgebe. Warum Scaramella zuvor erklärt hatte, er sei nicht verstrahlt, wollte der Anwalt nicht kommentieren. Er sagte jedoch, die laufenden Untersuchungen seien äußerst komplex.
Auch wenn die gefundene Dosis erheblich geringer war als bei Litwinenko, fürchten die Ärzte, daß der Italiener ebenfalls sterben könnte. Die Dosis sei „potentiell tödlich“, berichtet die Tageszeitung „The Guardian“. Befürchtet wird vor allem, daß Scaramella an Krebs erkranken könnte. Möglicherweise wird es mehrere Wochen oder noch länger dauern, bis über die Gesundheitsfolgen
Gewißheit besteht.
Auch bei Litwinenkos Ehefrau Marina (44) wurde eine Belastung mit Polonium 210 festgestellt. Nach Angaben der britischen Gesundheitsschutzbehörde ist die Gefahr für sie jedoch „sehr gering“.
Obuktion des Leichnams
Die Obduktion von Litwinenkos Leichnam wurde unterdessen abgeschlossen. Nach Informationen des „Guardian“ enthielt der Körper eine Polonium-Dosis, die ihn mehr als hundert Mal hätte töten können und einem Beschaffungspreis von 20 Millionen Pfund (29,7 Mio Euro) entsprochen habe. Offiziell wird das Obduktionsergebnis vermutlich erst in einigen Tagen veröffentlicht.
Litwinenko galt als Kritiker des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Er hatte die Führung in Moskau vom Sterbebett aus beschuldigt, seine Ermordung befohlen zu haben. Rußland wies die Vorwürfe zurück. Der Fall Litwinenko führte jedoch zu Spannungen zwischen der britischen und der russischen Regierung und löste umfassende polizeiliche Ermittlungen aus. Inzwischen wurden Spuren von Radioaktivität an zwölf anderen Orten nachgewiesen. Darunter waren auch zwei britische Verkehrsflugzeuge (siehe dazu: Briten stoppen Flugzeuge mit radioaktiven Spuren).
„Der Ball liegt derzeit bei den Briten“
Die russische Atomenergie-Behörde Rosatom schloß inzwischen aus, daß das Polonium aus Rußland stammen könnte. Rußland produziere pro Monat nur acht Gramm der Substanz und exportiere sie über eine einzige Firma vollständig in die Vereinigten Staaten, sagte der Vorsitzende von Rosatom, Sergej Kirijenko.
Der Fall Litwinenko beschäftigte am Freitag auch die britische Außenministerin Margaret Beckett und ihren russischen Kollegen Sergej Lawrow. „Die Russen haben ihre Kooperationsbereitschaft wiederholt“, sagte ein britischer Regierungssprecher nach einem Treffen in Jordanien. Lawrow betonte, seiner Regierung liege kein Hilfsgesuch aus Großbritannien vor. „Der Ball liegt derzeit bei den Briten.“
Zeitweise war auch über eine Verbindung zwischen dem Tod Litwinenkos und der Erkrankung des früheren russischen Ministerpräsidenten Jegor Gajdar spekuliert worden (siehe dazu: Fall Litwinenko: Wer wird der nächste sein?). Gajdars Ärzte in Moskau schließen eine natürliche Ursache für dessen Beschwerden aus.
Der gegenüber Präsident Putin kritische frühere Ministerpräsident war am vergangenen Freitag - einen Tag nach dem Tod Litwinenkos - in Dublin erkrankt. Die britischen Behörden sehen aber keinen Zusammenhang zwischen den beiden Fällen.
94 Gramm Plutonium 210 pro Jahr
Manfred Noethen (bobbydillen)
- 01.12.2006, 21:06 Uhr
Re: 94 Gramm Plutonium 210 pro Jahr
Ionut Georgescu (ionutg)
- 02.12.2006, 00:28 Uhr
Romtelekom
rio ghert (orant)
- 02.12.2006, 10:28 Uhr
Was hat Litwinenko herausgefunden?
Hans Christoph Knobloch (vonKnobloch)
- 02.12.2006, 14:48 Uhr