Keinen Raketenalarm läßt er aus. Auch mitten in der Nacht steigt Hussein Shahristani mit der Gasmaske in der Hand die Treppen zum Luftschutzkeller im Keller des kleinen Hotels in Kuweit-Stadt hinab. Der irakische Atomwissenschaftler hat am eigenen Leib erfahren, daß Saddam Hussein vor nichts zurückschreckt. "Spätestens in der Entscheidungsschlacht um Bagdad wird er Chemiewaffen einsetzen, wenn er noch welche hat", erwartet Shahristani, der bis in die achtziger Jahre das Atomprogramm des irakischen Herrschers geleitet hat - bis er sich weigerte, an der Entwicklung einer Atombombe mitzuarbeiten: Saddam Hussein ließ ihn ins Gefängnis werfen und foltern. Erst nach elf Jahren gelang dem schiitischen Wissenschaftler in einer Bombennacht während des ersten Golfkriegs 1991 die Flucht, die ihn schließlich nach Großbritannien führte. Was der kleine Mann mit dem gepflegten grauen Bart damals in den irakischen Gefängnissen erlebte, läßt ihn bis heute nicht los. Mit einer kleinen Organisation in London versucht er zu helfen: Heimlich unterstützt sie zum Beispiel Angehörige von Hingerichteten und dokumentiert Menschenrechtsverletzungen.
In Kuweit wartet er ungeduldig darauf, nach Basra reisen zu können. Dort will er mit Ärzten und Wasserfachleuten nicht nur den Einwohnern beistehen, sondern sich auch selbst ein Bild machen. Denn, was Shahristani von den Irakern im Süden des Landes erfährt, die er und seine Organisation seit langem gut kennen, beunruhigt ihn sehr. "Die Kriegskoalition hat die Iraker schutzlos Saddams Leuten überlassen", sagt er empört. Amerikaner und Briten seien einmarschiert und oft gleich weitergezogen, ohne in den Orten selbst für Ordnung und Sicherheit zu sorgen - obwohl sie die Genfer Konvention dazu verpflichtet. Kaum seien die Soldaten weggewesen, hätten sich an ihnen Fedaijin und Mitglieder der Baath-Partei und der Republikanischen Garde gerächt: In der kleinen Stadt Kheder bei Nassirija erschossen sie zum Beispiel mehr als zehn junge Männer, wie ihm Augenzeugen berichteten. Sie seien zuvor dabei beobachtet worden, als sie amerikanische Soldaten freundlich begrüßten.
Ähnliche Morde hat es nach Angaben seiner irakischen Vertrauensleute sogar im Grenzort Safwan gegeben: Es war die erste Stadt, die einmarschierenden Soldaten eroberten. Obwohl durch sie rund um die Uhr die Nachschubkonvois von Kuweit aus an die Front rollen, ist dort bis heute die Schreckensherrschaft des irakischen Regimes nicht gebrochen. "Viele Menschen sagen: Früher hatten wir nur Saddam Hussein.
Jetzt haben wir ihn und die Kugeln der Koalition." Sätze wie diese hört Shahristani immer häufiger aus dem Irak. Statt den Angreifern zu vertrauen und gegen den Diktator und seine Palladine aufzubegehren, lähmt sie nach seiner Einschätzung Angst und große Verunsicherung. Dazu trage auch stark das Verhalten amerikanischer Soldaten bei: Daß bei Nadschaf - einem der wichtigsten schiitischen Heiligtümer - an einem Kontrollpunkt mehr als sieben Frauen und Kinder erschossen wurden, habe einen verheerenden Eindruck entstehen lassen: "Die Iraker schießen auf sie, wenn sie fliehen wollen. Die Amerikaner zielen auf sie, wenn sie auf sie zukommen." Shahristani verlangt deshalb, daß die Soldaten viel genauer als bisher zwischen Zivilisten und den Kräften unterscheiden, die zu Saddam Hussein halten.
Das ist jedoch schwierig, denn sie haben sich längst in Zivilkleidung unter die Bevölkerung gemischt. Shahristani schätzt, daß zwischen 50 000 und 100 000 Iraker mit Saddam Hussein bis zum Tod kämpfen werden. Noch während der ersten Kriegstage hätten diese Kräfte ohne große Schwierigkeiten in die Städte und Dörfer des Südens gelangen können, welche die Kriegskoalition mied. Dort terrorisieren sie die Einwohner noch mehr als früher: Sie plündern in den belagerten Orten die Lebensmittelvorräte, Frauen und Kinder müssen ihnen als lebende Schutzschilde dienen; Männer zwingen sie mit Waffengewalt zum Militärdienst. Wer dieser Aufforderung nicht nachkommt, wird getötet - genauso wie diejenigen, die nicht weiterkämpfen wollen. Shahristani berichtet, daß vor kurzem sogar zwei Stammesführer in Basra und Imara vor den Augen ihrer Familien erschossen worden seien: Sie hatten sich geweigert, Angehörige für den Militärdienst zur Verfügung zu stellen. Zwangsrekrutierungen waren nach den Worten des irakischen Wissenschaftlers Anlaß für die Schießerei in Basra in der vergangenen Woche. Saddamtreue Iraker bekämpften auf diese Weise keine Rebellion, was Briten und Amerikanern zunächst vermutet hatten: "Männer wurden mit Waffengewalt an die Front getrieben", sagt er.
Shahristani hält es deshalb für einen Fehler, daß die Kriegskoalition die loyalen Truppen Saddam Husseins nicht erst durch langanhaltende Bombardements so sehr geschwächt hat, daß sie zu solchen Aktionen nicht mehr in der Lage sind. Erst dann hätte die Landoffensive beginnen dürfen. Falsch eingeschätzt haben nach seiner Meinung die westlichen Kriegsstrategen auch die Stimmung in der Bevölkerung. Sie hätten wohl zu sehr auf Exiliraker gehört. Mißtrauen hätten unter ihnen Berichte hervorgerufen, nach denen anstelle Saddam Husseins ein amerikanischer General die Macht übernehmen soll oder eine von Washington ernannte neue Führung. "Für viele Iraker ist aber nur jemand akzeptabel, der in den vergangenen Jahren im Irak dasselbe durchgemacht hat wie sie", sagt er voraus. Wenn es soweit ist, will Shahristani längst selbst wieder im Irak sein. Etwa hundert Mitarbeiter hat sein "Iraqi Refugee Aid Council" ausgebildet, mit Trinkwasser, Medikamenten und Nahrung den Menschen im Süden beizustehen, denen noch Schlimmes bevorstehen könnte: Saddam Hussein könnte mit einer hohen Zahl von zivilen Opfern versuchen, Amerika und Großbritannien in der internationalen Öffentlichkeit so stark unter Druck zu setzen, daß sie den Krieg beenden, befürchtet Shahristani.