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Exil-Iraker „Wir wären auch zu Fuß gekommen“

25.01.2005 ·  Viele der knapp 60.000 wahlberechtigten Exil-Iraker, die in Deutschland leben, nehmen lange Fahren und Warteschlangen auf sich, um sich in München, Köln, Mannheim oder Berlin für die Wahl im Irak registrieren zu lassen.

Von Mechthild Küpper
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Eigentlich sollte Sonntag der letzte Tag sein, an dem die 80.000 in Deutschland lebenden Iraker sich in einem der Zentren in München, Köln, Mannheim und Berlin für die irakischen Wahlen registrieren lassen konnten; doch wurde die Frist am Wochenende für alle 150 ausländischen Wahlbüros um zwei Tage verlängert.

1,2 Millionen wahlberechtigte Iraker sollen im Ausland leben, in Deutschland wird mit knapp 60.000 Wahlberechtigten gerechnet. Allein am Freitag haben sich in Berlin über zweieinhalbtausend Personen in die Wählerlisten eintragen lassen. In ganz Deutschland ließen sich bis Freitag abend mehr als 16.000 Iraker für die Wahl zur Übergangs-Nationalversammlung eintragen.

In Autos, mit der Straßenbahn, in Bussen

Berlin ist von den vier deutschen Wahlbüros das kleinste. Die Öffnungszeiten sind überall auf der Welt großzügig: von acht Uhr früh bis sieben Uhr abends; nur die holländischen Büros schließen um fünf Uhr nachmittags. Am Sonntag kamen die Exil-Iraker zu Hunderten, in Autos, mit der Straßenbahn, in Bussen zur Albertinenstraße in Berlins Nordosten, um in der nächsten Woche an der Wahl teilnehmen zu dürfen. In 14 Ländern wählen die emigrierten Iraker am 28., 29. und am 30. Januar, im Irak selbst wird am 30. Januar gewählt.

Die Sonne scheint auf die ungewöhnliche Szene, die sich am Sonntag vormittag in einer stillen Seitenstraße in Berlin-Weißensee den Betrachtern bietet. Die Berliner Polizei ist sichtbar präsent; vier Wagen stehen, von fern schon zu sehen, auf der Hauptstraße an der Einmündung zur Straße, wo sich irakische Wähler aus Nord- und Ostdeutschland in einer alten Polizeiwache registrieren lassen können. An den Laternenpfosten kleben postkartengroße Wahlzettel in arabischer Sprache, junge Männer gehen, fahnenschwingend, auf und ab. Die Schlange ist lang und wird rasch länger, die Stimmung ist gut, dabei ist es ungemütlich kalt. Familien posieren für ein Video, junge Männer fotografieren einander. Viele Familien sind gekommen, das kleinste Kind noch im Wagen, die anderen, dick angezogen, streben in den nahen Park am Weißen See. An diesem Sonntag sind, das sieht man an der Tracht, die etliche Männer und Jungen tragen, viele Kurden gekommen, um sich registrieren zu lassen.

„So etwas wie Volksfeststimmung“

Am Samstag habe hier so etwas wie Volksfeststimmung geherrscht, berichtet einer der vielen Polizisten, die recht auffällig auf der Straße stehen. Da sei es auch noch etwas „ungeordneter“ zugegangen, es habe sich ein großes Knäuel von Menschen vor der Sicherheitsüberprüfung gebildet, sagt der Einsatzleiter. Nun habe man das Warten besser organisiert, rot-weiße Absperrgitter kanalisieren die Schlangen. Die Polizei zeigt zwar Präsenz, doch liege die Organisation ganz und gar in Händen der Internationalen Organisation für Migration (IOM), die eine private Firma mit den Sicherheitskontrollen beauftragt habe.

Die Kontrollen hat man sich vorzustellen wie am Flughafen: Das mitgebrachte Gepäck wird auf ein Laufband gelegt und überprüft, die Menschen gehen durch eine elektronische Sperre. Die Leute von der IOM können Kurdisch und Arabisch, so daß die Warteprozedur effizienter geregelt werden kann. Innen gibt es acht Wahllokale; mehrere Dutzend Helfer sorgen dafür, daß es bei der Registrierung mit rechten Dingen zugeht.

Ausgeprägter Sinn für den Ernst der Stunde

Zwei große Zelte vom Roten Kreuz nehmen diejenigen auf, die nicht so lange draußen stehen können. Die Exilanten stehen geduldig in der Reihe, man begrüßt Bekannte, lacht. Diejenigen, die mit deutschen Reportern sprechen, zeigen aber auch einen ausgeprägten Sinn für den Ernst der Stunde. „Wir sind mit dem Bus aus Hamburg gekommen“, sagt eine junge Frau lächelnd, „doch wir wären notfalls auch zu Fuß gekommen.“ Eine andere, ernst und streng schauend, erkundigt sich, wo sie den Bericht über die Wählerregistrierung denn nachlesen könne. Seit sechs Jahren sei er in Deutschland, berichtet ein junger Mann, als Asylbewerber. Eine Frau berichtet, zwei ihrer Brüder seien vom Saddam-Regime getötet worden, der eine sei 16 Jahre alt gewesen.

Die Frauen sprechen gut Deutsch; sie entschuldigen sich dafür, daß es schlecht sei. Für eine Mutter von zwei Kindern dolmetscht ihre stolz in Tracht gewandete, etwa zehn Jahre alter Älteste: Ja, sie wird in Berlin in der nächsten Woche zum ersten Mal wählen. Eine kopftuchtragende Mutter von drei Kindern, eines durch eine Krebserkrankung schwer beeinträchtigt, ist mit ihrer Familie im Bus aus Hannover gekommen. Sie stammt aus Bagdad. Ihr Bruder und ihre Schwester leben noch im Irak. Sie fragt nach der Möglichkeit, den Bericht im Internet zu lesen. Die Kinder laufen in den Park; sie hat keine Zeit mehr zum Reden, sie rennt hinter ihnen her.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.01.2005, Nr. 19 / Seite 7
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Jahrgang 1954, politische Korrespondentin in Berlin.

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