24.11.2003 · Kommt er, oder kommt er nicht? Schon in der vergangenen Woche war darüber spekuliert worden, ob der in Georgien bedrängte Eduard Schewardnadse Zuflucht in Baden-Baden suchen würde.
Von Oliver Hoischen und Stephan LöwensteinKommt er, oder kommt er nicht? Schon in der vergangenen Woche war darüber spekuliert worden, ob der in Georgien bedrängte Eduard Schewardnadse Zuflucht in Baden-Baden suchen würde. Nach seinem Sturz wurden die Gerüchte dann vor allem in Deutschland immer lauter, schließlich ist der ehemalige sowjetische Außenminister wegen seiner Rolle beim Zustandekommen der deutschen Einheit hierzulande - anders als zuhause in Tiflis - mehr als gut gelitten.
Am Montag mittag teilte dann sogar ein Sprecher des Bundesgrenzschutzes mit, Schewardnadse sei in Baden-Baden gelandet.Besonders schlaue Beobachter wollten einen Learjet auf dem Rollfeld des Flugplatzes Söllingen bei Baden-Baden gesehen haben, der „sofort in einen abgesperrten Raum" gerollt sei, Augenzeugen machten „sehr viel Polizei" aus - zuletzt stieg sogar ein „blaugelber Hubschrauber" auf.
Gute Gesellschaft in Baden-Baden
Dabei hatten die neuen Herren in Georgien doch ausdrücklich die Sicherheit Schewardnadses garantiert. Hätte er es also tatsächlich nötig, sein Land zu verlassen? Der Bundesgrenzschutz mußte seine Mitteilung am Ende dementieren, aus Georgien hieß es aus angeblich informierten Kreisen, der der Wahlfälschung und der Vetternwirtschaft bezichtigte Schewardnadse habe „bis zum Mittag geschlafen und ist definitiv zuhause."
In Baden-Baden immerhin wäre der Georgier in guter Gesellschaft: Schon heute sollen neunhundert Millionäre in der kleinen Stadt an der Oos Quartier genommen haben, und sicher sind darunter auch einige Russen oder andere Leute aus den Völkern des untergegangenen Sowjetreiches, Künstler, Unternehmer und eben auch Politiker. Sie folgen damit einer Tradition, die in Zeiten des Kaisers Alexander I. im vorvergangenen Jahrhundert begründet worden war: Schon damals ließ sich mancher wohlhabende Fürst in Baden-Baden nieder, und daß er dabei die bettelarmen Dostojewskijs und schwadronierenden Turgenjews morgens in der Trinkhalle und abends im Theater oder am Roulettetisch traf, war ihm nur recht.
Heute kann die Stadt mit dieser Geschichte werben, längst präsentiert sie sich nicht nur im Internet auf Russisch. Bei der "Baden-Baden Kur und Tourismus GmbH" zählte man 1994 erst 1125 Übernachtungen russischer Touristen, 2002 waren es dann schon 25 101 - womit die Russen zumindest in dieser Hinsicht die Amerikaner schlugen, die immer nach wenigen Tagen schon wieder weiterreisen. Sicher ist also, daß auf dem Flugplatz in Baden-Baden gar nicht so selten ein kleines Flugzeug aus Moskau landet - so wie es am Montag gemeldet wurde.
Eigene Immobilie?
Falls Schewardnadse wirklich nach Baden-Baden käme - und sei es nur, um dort Urlaub zu machen -, so müßte er wohl nicht in einem Hotel wie dem „Brenner´s" oder dem „Europäischen Hof" logieren, sondern könnte sich vom Flughafen in sein eigenes Haus fahren lassen. Denn in der Stadt heißt es schon länger, daß der nun gestürzte georgische Präsident eine eigene Immobilie in Baden-Baden habe. In der vergangenen Woche wurde dann berichtet, über eine persönliche Referentin habe er das Haus von Chantal Grundig, der Witwe des verstorbenen Unternehmers, an der Staufenbergstraße gekauft; die Villa mit ihrem 30.000 Quadratmeter großen Grundstück in angeblich unverbaubarer Hügellage war für mehr als zehn Millionen Euro angeboten worden.
Oder war es vielleicht doch eher eine niederländische Firma, die das Haus für den Georgier kaufte, wie am Montag aus Baden-Baden gemeldet wurde. Das „Badische Tageblatt" berichtete vor kurzem, daß mehr als zwanzig Immobilien in edler Lage mittlerweile in russischen Händen seien. Oberbürgermeisterin Sigrun Lang wurde mit den Worten zitiert: „Diejenigen, die etwas kaufen, interessieren sich nicht für eine Doppelhaushälfte." Und daß Häuser über Mittelsmänner erworben werden, scheint in Baden-Baden nichts völlig Ungewöhnliches zu sein. Bei der Polizeidirektion zeigte man sich in ähnlichen Fällen schon besorgt; von Geldwäsche war die Rede.
Verdienste um die Wiedervereinigung
Wäre es irgendein Präsident irgendeiner entfernten Republik, der gestürzt wurde, so würden sich in Deutschland wohl nur die Fachleute (und vielleicht der eine oder andere Bankier) Gedanken über seinen künftigen Verbleib machen. Eduard Schewardnadse aber ist auch denen ein Begriff, die glauben, Georgien sei ein Fürstentum aus einem Ritterfilm. Und man hat ihn in warmer Erinnerung. Das verdankt Schewardnadse seiner Rolle als sowjetischer Außenminister in den Jahren der deutschen Wiedervereinigung. Die Anteilnahme an seinem Schicksal erinnert an den Herbst vor vier Jahren. Da schien - zehn Jahre nach dem Fall der Mauer - ganz Deutschland mitzuleiden an der schweren Krankheit von Raissa Gorbatschowa, die im westfälischen Münster behandelt wurde, und an der Trauer Michail Gorbatschows, als sie starb.
„Sollte Eduard Schewardnadse nach Deutschland kommen wollen, so wäre er auch wegen seiner Verdienste um die deutsche Einheit willkommen": So lautet die vom Regierungssprecher am Montag noch einmal bekräftigte Einladung der Bundesregierung. "Ein Freund der Deutschen", so nennt ihn der CDU-Außenpolitiker Friedbert Pflüger. "Was immer in Georgien geschehen ist, die historischen Verdienste Schewardnadses um die Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas bleiben," sagt Hans-Dietrich Genscher, der in den entscheidenden Jahren von 1989/90 Schewardnadses deutscher Partner und Gegenpart als Außenminister war. Wie das gegenseitige Vertrauen Helmut Kohls und Michail Gorbatschows, so bildete auch das gute Verhältnis der beiden Außenminister zueinander eine entscheidende Rolle dafür, daß die Sowjetunion sich dem Prozeß der deutschen Einheit nicht entgegenstellte.
Vertrautes Verhältnis mit Genscher
Gorbatschows Vertrauen zu Kohl wuchs, so erzählt es der frühere Kanzler gern, nach einem Besuch des Russen im Juni 1989 in Bonn. Da erzählten sie einander von ihrer Herkunft, ihrer Kindheit, vom Krieg; und Kohl wies im Park hinter dem Kanzlerbungalow auf den Rhein und sagte, so sicher wie der Fluß zum Meer fließe, so sicher werde die deutsche Einheit kommen. Ein ähnliches Erlebnis Schewardnadses mit Genscher ist nicht überliefert, und vielleicht widerspräche es auch der Natur zumindest des damaligen deutschen Außenministers. Ein ähnlich tiefes Vertrauen aber, das sollten die folgenden Ereignisse zeigen, hatten auch sie zueinander gefaßt.
Das zeigte sich, als sich tausende Deutsche aus der DDR in die deutschen Botschaften in Warschau und vor allem in Prag flüchteten. Die DDR wollte von einer Ausreiseerlaubnis zunächst nichts wissen. Als Genscher aber, so berichtete damals diese Zeitung, Schewardnadse die Lage an den Botschaften schilderte, zeigte der sich betroffen. Gorbatschows Mann gab zu erkennen, mit ihm sei zu reden; die Telefondrähte begannen zu glühen. So verhalf Schewardnadse Genscher zu seiner wohl größten Stunde auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag.
Ähnlich bewährte sich die politische Freundschaft der beiden Chefdiplomaten an den unzähligen Klippen in den folgenden zwölf Monaten auf dem Weg zur Deutschen Einheit. Dabei schlug Schewardnadse keineswegs immer den milden Ton an. Als Kohl seinen Zehn-Punkte-Plan vorlegte, wetterte der Georgier beim nächsten Treffen mit Genscher: „Nicht einmal Hitler hat sich etwas derartiges erlaubt"; Gorbatschow sprach zurückhaltender von einem „Fehlschuß". Zustimmung des Deutschen vermerkt das Protokoll natürlich nicht. In Deutschland aber machte der Koalitionspartner Kohls aus seiner Kritik an diesem Schritt keinen Hehl. Was die beiden Außenminister außerhalb des Protokolls miteinander besprachen, ist nicht überliefert.
Noch am Sonntag abend, gleich nach seinem Rücktritt, kündigte Schewardnadse an, er wolle nun seine Memoiren schreiben. Vielleicht ist das ruhige Baden-Baden dafür der richtige Ort.
"Ohne die mutige Politik von Michail Gorbatschow und Eduard Schewardnadse wäre Deutschlands Einheit weder zu jenem Zeitpunkt noch in dieser Form möglich gewesen. Sie haben Europa und die Welt zum Besseren verändert."
Hans-Dietrich Genscher am zehnten Jahrestag der Unterzeichnung des "Zwei-plus-vier-Vertrages" am 12. September 2000 in Berlin.