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Ewiger Außenseiter Planet Nordkorea

Wenige Stunden vor Obamas Rede zur Lage Amerikas lässt Nordkorea eine Atombombe platzen. Das ist kein Zufall. Die Steinzeitdiktatur gehorcht ihren eigenen Gesetzen.

Es war sicher kein Zufall, dass Nordkorea wenige Stunden vor der Rede Präsident Obamas zur Lage der Nation seinen dritten Atomversuch unternahm. Die Kunst, „donnernde“ Botschaften an die Welt zu schicken, hat schon der Vater des gegenwärtigen nordkoreanischen Führers beherrscht. Und damit hatte er aus seiner Sicht durchaus Erfolg. Niemand konnte und kann sich mehr erlauben, Nordkorea zu vernachlässigen. Warum also sollte Pjöngjang diese Politik ändern? Dass es sich dabei zum ewigen Außenseiter der Weltpolitik macht, muss das Regime nicht kümmern. Eine Politik des „viel Feind’, viel Ehr’“ kann sogar zur inneren Stabilisierung beitragen. Wenn die Vereinten Nationen Sanktionen verhängen, wenn der Außenhandel eingeschränkt wird, dann fällt es nicht schwer, die desolate wirtschaftliche Lage des Landes auf die böse Welt zu schieben. Das Ausland entlässt auf diese Weise das Regime aus der Verantwortung für das Wohlergehen der Bevölkerung.

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Insofern richtet sich die Botschaft des Atomtests durchaus nicht nur an die Vereinigten Staaten. Auch nach innen demonstriert der junge Staatsführer Kim Jong-un, dass er sich von niemandem Vorschriften machen lässt, dass er die Souveränität Nordkoreas hochhält. Dabei beruft er sich auf Doktrinen, die einst sein Großvater und sein Vater erfanden. Unter anderem gilt weiterhin das Prinzip „Militär zuerst“. Ein Regime, das nichts und niemandem außerhalb der engeren Führung traut, muss die Streitkräfte unbedingt bei Laune halten.

Nordkorea darf sich ziemlich sicher fühlen

Die nordkoreanische Politik folgt einer sehr eigenen Logik. Wo heutzutage die meisten anderen Staaten danach streben, Konflikte nach Möglichkeit nicht zu eskalieren, verfolgt Pjöngjang im Gegenteil das Prinzip, durch das Schüren von Konflikten Vorteile zu erzielen. Es markiert auf diese Weise Grenzen, hinter die es auch durch Verhandlungen nicht zurückzudrängen sein wird. Und weil es ganz offensichtlich seine Gesprächspartner - zum Beispiel bei den Sechsergesprächen über das Atomprogramm - sehr gut einschätzen kann, darf es sich dabei ziemlich sicher fühlen. Ein Angriff zum Beispiel der Vereinigten Staaten ist so gut wie ausgeschlossen, eine Provokation Washingtons also relativ gefahrlos.

Die Vereinigten Staaten sind das einzige Land, mit dem Nordkorea wirklich ernsthaft Gespräche führen möchte. Nur durch eine Vereinbarung mit Washington, so glauben Kim Jong-un und die Seinen, könnten sie sich die Sicherheit verschaffen, die ihr Regime auf Dauer stabilisieren würde. Ein Problem dabei ist nur, dass das Regime von seiner Natur her einer papierenen Vereinbarung nicht trauen kann. In dieser Hinsicht erinnert Nordkorea an die Sowjetunion zu Zeiten Stalins.

Gäbe Pjönjang sein Atomprogramm auf, verlöre es an Bedeutung

Wie auch immer die internationale Öffentlichkeit auf den Atomtest reagiert; ein Ziel hat Nordkorea schon jetzt erreicht: Es steht auf der Agenda wieder ziemlich weit oben. Gäbe es sein Atomprogramm auf, verlöre es seine Bedeutung. Damit schwände auch das Prestige der Führung gegenüber der eigenen Bevölkerung. Allein aus diesen Gründen wird man einen Erfolg der internationalen Bemühungen um eine nukleare Abrüstung im Nordteil der Koreanischen Halbinsel ausschließen müssen.

Das heißt freilich nicht, dass die nordkoreanischen Propagandaparolen von einem bevorstehenden Krieg unmittelbar zum Nennwert genommen werden müssen. Das Atom- und das Raketenprogramm sind meilenweit vom tristen Zustand der übrigen nordkoreanischen Streitkräfte abgehoben. Hartnäckig wird zum Beispiel behauptet, die vielen Panzer hätten nicht genügend Benzin, um im Konfliktfall wirklich weit fahren zu können. Andererseits muss man zugeben, dass man über das nordkoreanische Militär nichts Genaues weiß. Die Uniformträger leben noch mehr auf einem eigenen Planeten als die politische Führung. Sie gebieten über ein vom Rest der Volkswirtschaft abgeschottetes eigenes Wirtschaftsimperium, könn(t)en sich ihre Kriegsbereitschaft also selbst erwirtschaften. Andererseits ist nicht wahrscheinlich, dass ein System, das im normalen Wirtschaftsleben hauptsächlich Armut hervorgebracht hat, ausgerechnet im Militärbereich gute Ergebnisse erzielen sollte.

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Die Atomwaffen, die Nordkorea ohne Rücksicht auf die Weltöffentlichkeit entwickelt, sind also klassische „politische“ Waffen, die allein der Abschreckung potentieller Angreifer dienen sollen. Sie erfüllen ihren Zweck schon jetzt, ohne dass sie bis zur Einsatzreife weiterentwickelt werden müssten. Kim Jong-un steht deshalb auch nicht unter Zeitdruck. Er kann seine Techniker mit Ruhe und Sorgfalt weiterarbeiten lassen. Diese lernen auch aus Fehlschlägen wie dem Raketentest vom April vergangenen Jahres. Dass die hier entwickelten Waffen gleichzeitig zur Destabilisierung einer ganzen Region beitragen, ist dem Regime in Pjöngjang gleichgültig. Das Ausland mag diese Weltsicht verurteilen. Aus nordkoreanischer Sicht spricht allerdings nichts für eine Veränderung. Und wenn die Welt sich daran stört, umso schlimmer für die Welt. So sieht man das auf dem Planeten Nordkorea.

Quelle: F.A.Z.

 
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