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Evangelischer Kirchentag Trägerschicht der Trivialmoral

05.06.2011 ·  Wer die Banalisierung des Glaubens ablehnt, muss deshalb die neue Spiritualität nicht verteufeln. Die Stärke evangelischer Kirchentage ist es, den Menschen eine Fülle neuer Rituale und Formen der Frömmigkeit anzubieten.

Von Reinhard Bingener
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Just in der Sekunde, als beim Eröffnungsgottesdienst des Deutschen Evangelischen Kirchentages in Dresden die Menschenmenge auf den Elbwiesen die Hände in die Höhe reckte, um mit den Fingern ein Herzzeichen zu bilden, riss der tiefgraue Wolkenhimmel auf und überzog die Stadt von Westen her mit gleißendem Licht. Ein Raunen und Jubel durchzuckte die Menge. Die Niedergeschlagenheit nach dem Missbrauchsskandal, die vor einem Jahr den verregneten Ökumenischen Kirchentag in München beherrscht hatte, war verflogen.

Abends erlebten dann 300.000 Menschen mit der Kerze in der Hand Momente stiller Magie, als zahllose Flöße mit Teelichtern elbabwärts trieben. Nicht nur unter Christen mochten Sinn und Geschmack für das Unendliche geweckt worden sein. Augenblicke lang war die Sehnsucht nach einer Verzauberung der Welt gestillt.

Dies ist die Stärke evangelischer Kirchentage. Seit Jahren stellen sie der Kirche eine Fülle neuer Rituale und Formen der Frömmigkeit zur Verfügung, die Menschen ergreifen, aber nicht überwältigen. Auch vermittelt der Kirchentag der evangelischen Kirche einen Eindruck davon, wie viele Christen es in diesem Land immer noch gibt, denen der Glaube viel bedeutet. Die Kirche dürstet nach dieser Erfahrung und die Besucher des Kirchentages kehren nach fünf Tagen auf Papphockern und Isomatten mit geradem Rücken und geistlich aufgerichtet in die Gemeinden zurück.

Fragwürdiger Begriff der Spiritualität

Dass die Rituale des Kirchentags Elemente der diffusen Welt- und Naturfrömmigkeit in sich aufnehmen, ist für sich genommen kein Schaden. Auch der Kulturprotestantismus, der Pietismus und der Altprotestantismus haben dies getan. Zur Schwierigkeit für das evangelische Christentum wird diese Tendenz allerdings dort, wo sie hinausgreift über das, was mit dem fragwürdigen Begriff der Spiritualität bezeichnet wird: auf die Bereiche also, wo Frömmigkeit in Form von Theologie reflektiert wird oder als private Moral und politische Beteiligung auf das Handeln ausgerichtet ist.

Zweifelsohne hat der Kirchentag im Laufe der Jahrzehnte dazu beigetragen, Verkrustungen in der evangelischen Kirche aufzubrechen. Aber er hat eben auch geistige und geistliche Verheerungen befördert. Die Gottesrede hat an Prägnanz eingebüßt. Die Kraft des Evangeliums, das die Menschen in ihren Ängsten und in ihrer Schuld anspricht, mit der sie durchs Leben gehen und über die sie eben nicht offen sprechen wollen, wird in Predigten nur selten erfahrbar.

An diese Stelle tritt eine appellative Trivialmoral sowie der Jargon menschlicher Nähe. Da soll man sich dann „dazu eingeladen fühlen“, „einander in Würde zu begegnen“ oder auch „miteinander umzugehen“, was, natürlich, ausschließlich „achtsam“ zu erfolgen habe. Kann das standhalten, wenn die Stürme des Lebens wüten? Die Sprache des Glaubens kann sehr einfach sein. Es ist nicht nötig, Bildungsbürger zu sein, um sie zu beherrschen. Banal aber darf diese Sprache nie werden.

Klischees und Groteskes

In der Tendenz hat sich hier in der evangelischen Kirche, auch auf Kirchentagen, in den vergangenen Jahren bereits vieles verbessert. Manches, was über den Protestantismus verbreitet wird, ist mittlerweile Klischee. Was manche Theologen allerdings auf den Podien von Kirchentagen noch immer von sich geben, das ist - man kann es nicht anders sagen - grotesk.

Und wenn der Eindruck nicht täuscht, sind es häufig Pfarrer aus dem Milieu der Beauftragten für Umwelt, Frauen, Ökumene, Entwicklung und so weiter. Diese führen zwar nicht selten einen Doktoren- oder Professorentitel, kennen aber Grundunterscheidungen reformatorischer Theologie entweder nicht oder erachten sie für belanglos. Mitglieder dieser Funktionärsschicht haben allerdings reichlich Zeit, sich abseits der Gemeindearbeit völlig resonanzfrei in ihren engen Subkulturen zu tummeln sowie in allerlei Gremien, an denen der gewöhnliche Gemeindepastor schon wegen Arbeitsüberlastung nicht teilnehmen könnte, ihre Pfründe zu verteidigen.

Da der Deutsche Evangelische Kirchentag, wenn er gerade nicht stattfindet, eben ein solches Gremiengebilde ist, bekommt man das Phänomen dann auf seinen Podien in besonderer Eindrücklichkeit vorgeführt. Wenn sie es denn wollten, könnten die Veranstalter am Applaus der Zuhörer ablesen, dass diese es durchaus goutieren, wenn ihnen nicht von phantastischen Friedenswelten und Klimaparadiesen erzählt wird, sondern nüchtern erörtert wird, was ein Christ tun kann, um die Nöte dieser Welt zu lindern. Der Dresdner Disput zwischen dem EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider und Verteidigungsminister de Maizière über Militäreinsätze könnte hierzu als Lehrstück dienen.

Wenn es richtig ist, dass in der Kirche eine Trägerschicht dieser - inhaltlich übrigens äußerst wandelbaren - Trivialmoral existiert, sind Banalisierungstendenzen nicht zuletzt eine Frage der Verteilung von Ressourcen. Die stetige Anpassung dieser Moral an die Erfordernisse der Zeit verfolgt nicht zuletzt den nach innen gerichteten Zweck, den Etat der eigenen Einrichtung abzusichern. Ein Mechanismus, der in Kirchensynoden trefflich funktioniert, weil es dort kaum jemand wagt, dem angeblich Guten und Gerechten zu widersprechen. Und sei es theologisch noch so flach.

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Jahrgang 1979, Redakteur in der Politik.

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