Das Scheitern Margot Käßmanns an der Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland ist eine menschliche Tragödie. Die Erklärung, mit der die Ratsvorsitzende ihren Amtsverzicht begründete, ließ alle Häme und Selbstgerechtigkeit verstummen. Sie hat eingesehen, dass ihre moralische Autorität durch die Trunkenfahrt beschädigt ist, und daraus die Konsequenz gezogen, von allen kirchlichen Ämtern zurückzutreten. Das verdient hohe Anerkennung. Anders als man es bei Rücktritten von politischen Ämtern schon erlebt hat, schwang sogar eine gewisse Erleichterung darüber mit, von der Last der beiden Aufgaben und der ständigen Beobachtung befreit zu werden.
Mit ihrem Rücktritt hat Frau Käßmann jene Identifikation von Amt und Person aufgehoben, die sie zuvor gelebt hat, auch in ihrem Bischofsamt in Hannover. Erst im Abgang ist sie als Person im wahrsten Sinne des Wortes hinter die Würde des Amtes zurückgetreten.
Zwischen dem katholischen und dem reformatorischen Amtsverständnis besteht eine wesentliche Differenz: Die evangelische Kirche unterscheidet Amt und Person. Das Amt beruht in ihr nicht auf der geweihten Person, sondern allein auf der Botschaft, die der Amtsträger zu verkündigen hat. Deshalb hat Luther das Sakrament der Priesterweihe fallenlassen und gesagt: „Alle Christen sind wahrhaftig geistlichen Stands, und ist außer ihnen kein Unterschied denn des Amts halben allein.“ Er hat darauf beharrt, zwischen Amt, Person und deren Missbrauch des Amtes zu unterscheiden. Und er wusste, dass darin auch eine Entlastung liegt, vor allem ein Schutz vor Selbstüberforderung.
Das heißt konkret, dass die das Amt ausübende Person keinen Gegenkommentar zu dem schreiben kann, was das Amt repräsentiert. In einer personalisierten Medienwelt, die geradezu davon lebt, dass Person und Amt – auch und gerade im politischen Bereich – identifiziert werden, wird es zunehmend schwierig, die protestantisch grundlegende Unterscheidung von Amt und Person aufrechtzuerhalten, also ein leitendes geistliches Amt nicht zur Selbstprofilierung zu nutzen. Davon war auch Käßmanns Amtsvorgänger Huber nicht frei. Allerdings hat er es verstanden, theologische Themen zu setzen und mit intellektueller Präsenz und rhetorischer Gewandtheit in gesellschaftliche Debatten einzugreifen. Niemand wird ihm vorwerfen können, dass die Person das Amt gewissermaßen verdrängt hätte.
Frau Käßmann ist zum Verhängnis geworden, dass sie ihr Privatleben und ihre Person von Anfang an in die Medienöffentlichkeit gezogen hat und die vollständige Identifikation mit ihrem Amt selbst betrieben hat. Dabei ist ein Bischof in der evangelischen Kirche ohnehin nichts anderes als ein Primus inter Pares, also ein Pfarrer mit Leitungsaufgaben. Wo andere von der Kirche gesprochen hätten, hat Frau Käßmann „ich“ gesagt. Sie hat versucht, über ihre Menschlichkeit und die Brüche in ihrem Leben ihre persönliche Überzeugungskraft zu stärken, sie hat von der gezielten Instrumentalisierung der medialen Öffentlichkeit profitiert, sich in die Sphäre von Politikern und Schauspielern begeben, und sie ist darüber gefallen.
Frau Käßmann ist nicht die einzige Kirchenvertreterin, die moralische Appelle in das Zentrum religiöser Kommunikation gestellt hat. Ganz gleich, ob es um Ladenöffnungszeiten, Weihnachtsartikel zur Unzeit, Halloween, den Umgang mit Drogen und Alkohol oder Afghanistan und eine historische Bewertung des Zweiten Weltkriegs ging, sie war um keinen Rat und auch um kein moralisches Urteil verlegen. Dieser hohe Anspruch an moralische Integrität war schon immer die Stärke der charismatisch Begabten, zugleich aber ihre größte Schwäche. Denn sie müssen sich gefallen lassen, selbst an ihm gemessen zu werden.
Kirche bringt sich um spezifische Deutungskompetenz
Dass die moralischen Appelle in beiden Kirchen vorherrschen, ist nicht nur mit theologischer Argumentationsschwäche zu erklären. Inmitten einer Übermoralisierung des Politischen ist es für die Kirche schwieriger geworden, sich dem Sog der Rat und Orientierung Suchenden zu entziehen. Sie soll Antworten auf zentrale Lebensfragen geben. Doch die Verkürzung von Religion auf Moral oder Metaphysik (Schleiermacher) ist theologisch fragwürdig. Als Ratgeberreligion wird der ohnehin durch Selbsttrivialisierung gefährdete Protestantismus nicht bestehen.
Die Evangelische Kirche in Deutschland muss jetzt nicht nur einen neuen Ratsvorsitzenden finden, sondern auch einen Nachfolger für den derzeit amtierenden Präsidenten des Kirchenamtes, Hermann Barth, der ruhige Nachdenklichkeit mit theologischer Substanz verbindet und im Sommer in den Ruhestand geht. Vielleicht hat die EKD selbst – verführt von der medialen Präsenz Bischof Hubers – zu sehr auf öffentliche Wirksamkeit gesetzt. Möglicherweise braucht sie inmitten der umtriebigen Kampagnenpolitik mit hohem Aufmerksamkeitswert und geringer Langzeitwirkung eine bodenständige theologische Sachlichkeit. Die Identifikation von Amt und Person mag ihr zwar Popularität und Anziehungskraft einbringen, doch der Preis dafür ist hoch. Die Kirche bringt sich um ihre spezifische Deutungskompetenz.
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