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Euroskepsis Frankreich sieht schwarz

Eine Umfrage in Frankreich fördert ein geradezu britisches Ergebnis zu Tage: Zwei Drittel der Franzosen sind der Meinung, dass die Entscheidungskompetenz im eigenen Land gestärkt werden sollten - auch auf Kosten der EU.

Zwei Drittel der Franzosen sind der Meinung, dass die Entscheidungskompetenzen im eigenen Land gestärkt werden sollten, auch wenn das auf Kosten der EU gehe. Das ist das geradezu britisch anmutende Ergebnis einer Umfrage, die in der Zeitung „Le Monde“ nachzulesen ist. Nur ein Viertel glaubt, dass mit „mehr Europa“ die Zukunftsprobleme des Landes besser gelöst werden könnten. Solche Zahlen haben eine Wucht, an der die Politik nicht vorbeikommt, selbst wenn sie keine unmittelbaren Konsequenzen zieht. Allerdings stehen sie in Zusammenhang mit anderen Ergebnissen. 95 Prozent der Franzosen sehen ihr Land im ökonomischen Niedergang begriffen, siebzig Prozent glauben, es gebe zu viele Ausländer in Frankreich, mehr als sechzig Prozent halten die Globalisierung für eine Bedrohung. Kurz: Die Franzosen sehen schwarz, eine große Mehrheit (87 Prozent) sehnt sich nach einem starken Führer („un vrai chef“), der in ihrem Land wieder Ordnung herstellt.

Die wachsende Ablehnung der „Europäisierung“

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Das Gesamtbild zeigt, dass sich die Franzosen, die einen besonders ausgeprägten Nationalstolz haben und ihre Lebensart eigensinniger zu verteidigen pflegen als andere Nationen in Europa, von den Umwälzungen der vergangenen Jahrzehnte besonders getroffen fühlen. Das gilt für den relativen politischen Bedeutungsverlust, den ihr Land nach dem Ende des Ost-West-Konflikts und mit der Wiedervereinigung Deutschlands erlitten hat. Es gilt aber noch mehr für die Zumutungen an Mobilität und Flexibilität, verbunden mit einem Verlust an Sicherheit und Gewohnheitsrechten, welche die Globalisierung mit sich bringt. Die Revolten gegen die Schließung von Produktionsstätten für Autos oder Stahl, die Anpassungen an neue Marktbedingungen verhindern, sind die alltägliche praktische Konsequenz aus der geschilderten Stimmungslage.

Mag sein, dass Frankreich mit seiner Tradition der Revolten (ob progressiv gemeint oder konservativ) und seinen vergleichsweise schwachen repräsentativen Institutionen zu besonders heftigen Ausschlägen neigt. Aber die Stimmung ist in anderen europäischen Ländern nicht grundlegend anders. Die wachsende Ablehnung der „Europäisierung“ erscheint in dieser Sicht nicht zuletzt als populistisches Unterkapitel der Globalisierungskritik. Das sollten Europaskeptiker, die sich auf ökonomische Vernunft berufen, nicht übersehen.

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Umfrage: Mehrheit der Franzosen ist europaskeptisch

Die Franzosen haben sich in einer Umfrage des Instituts Ipsos im Auftrag der Tageszeitung „Le Monde“ als entschiedene Europa-Skeptiker gezeigt. Wie Ipsos und „Le Monde“ nach einer Befragung von mehr als 1000 Personen zwischen dem 9. und 15. Januar bekanntgaben, sprechen sich fast zwei Drittel der Franzosen für einen Rücktransfer wichtiger Entscheidungen nach Frankreich aus. Von den Befragten unterstützten 65 Prozent die Aussage: „Man muss die Entscheidungsmacht unseres Landes stärken, selbst wenn dies jene von Europa begrenzt“. Nur 23 Prozent sprachen sich dafür aus, die Kompetenzen von „Europa“ auszubauen. Besonders stark war die Zustimmung zur Forderung nach mehr nationalen Befugnissen bei Wählern der extremen Linken sowie der extremen Rechten. Je geringer das Bildungsniveau, desto deutlicher fiel die Ablehnung Europas aus. 72 Prozent der Befragten mit einem Schulabschluss unterhalb des Abiturs forderten einen Entscheidungstransfer von Brüssel nach Paris. Bei Franzosen mit Abitur sowie mindestens drei Studienjahren waren es noch 46 Prozent.

Der Mitgliedschaft in der Eurozone standen viele der Befragten positiver gegenüber: 72 Prozent finden, dass Frankreich in den kommenden Jahren in der Europäischen Währungsunion bleiben sollte; 28 Prozent sind dagegen. Selbst Anhänger der linksextremen Front Gauche sind zu 69 Prozent für ein Festhalten am Euro. Nur Sympathisanten des rechtsextremen Front National lehnen zu 62 Prozent den Euro ab und wollen eine Rückkehr zum Franc.

Viele Franzosen zeigten sich in der Umfrage ausgesprochen pessimistisch. Einer von zweien meint, dass der Niedergang Frankreichs unvermeidlich sei. Drei von fünfen sehen die Globalisierung als Bedrohung. 70 Prozent meinen auch, dass es in Frankreich zu viele Ausländer gebe. Fast drei Viertel (74 Prozent) halten den Islam für eine Religion, die „intolerant und inkompatibel mit den Werten der französischen Gesellschaft“ sei. (chs.)

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 26.01.2013, 10:16 Uhr

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