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Europawahl : Auf Stimmenfang im Pariser Regen

Pervenche Berès bittet die Franzosen: „Gehen Sie zur Wahl!“ Bild: AFP

Die Franzosen wenden sich von Europa ab. Die Spitzenkandidatin der Sozialisten Pervenche Berès findet die Stimmung im Wahlkampf nicht schlechter als bei vergangenen Europawahlen. Es sei nie einfach gewesen.

          „Non, merci!“: Höflich, aber entschieden weist der junge Mann das Flugblatt zurück, das ihm Pervenche Berès in die Hand drücken will. „Ich bin übrigens die Spitzenkandidatin der Sozialisten für die Hauptstadtregion!“, sagt die Europaabgeordnete freundlich. Der Mann verzieht das Gesicht. Er will nicht hören, dass er den bequemen Sitz in der modernen Pariser Straßenbahn auch Europa verdankt. Mit einem Kredit über 1,2 Milliarden Euro hat die EU die 2006 eingeweihte „Tramway“ mitfinanziert, wie die elegante Elektrobahn auf den begrünten Trassen der Boulevards des Maréchaux genannt wird. Das wissen jedoch die wenigsten, und deshalb zieht Berès jetzt zum Feierabend durch die Wagen der beliebten Bahn, um für Europa zu werben. „Wenn wir am Sonntag gewinnen, dann wird die EU noch mehr in öffentliche Verkehrsmittel investieren“, verspricht sie. Sie werde darüber wachen, dass zehn Millionen Bewohner im Pariser Großraum über bessere Transportmöglichkeiten verfügten dank europäischer Finanzierung.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Eigentlich sollte auch ihr Parteifreund, der Regionalratspräsident Jean-Paul Huchon, sie durch die Waggons begleiten. Doch die Dienstlimousine des Sozialisten, der dem Pariser Nahverkehrsverband STIF vorsteht, steckt im Feierabendstau fest. So versucht Berès allein, ihren Stapel Flugblätter unter die Fahrgäste zu bringen. „Gehen Sie zur Wahl!“, empfiehlt sie einer Frau, die in ihrer Handtasche kramt. Die Tramway gleitet geräuschlos und ohne Ruckeln zur nächsten Station. Ein älterer Herr regt sich auf. „Ihr Europa, das funktioniert nicht!“, sagt er. Deutschland werde immer stärker und mächtiger, aber mit Frankreich gehe es beständig bergab. „Und dann wollen Sie uns auch noch einreden, dass ein Deutscher als EU-Kommissionspräsident uns retten kann“, sagt er mit lauter Stimme. Eine Reporterin des staatlichen Senders Public Sénat filmt die Szene. Solche Wortwechsel, sagt sie später, nehme sie ständig auf, seit sie die sozialistische Spitzenkandidatin im Europawahlkampf begleite. „Das europäische Projekt hat in Frankreich keine Mehrheit mehr“, hat gerade die Zeitung „Le Monde“ auf ihrer Titelseite festgestellt. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ipsos bewerten nur noch 39 Prozent der befragten Franzosen die EU als „gute Sache“. Jeder zweite Franzose (54 Prozent) ist der Meinung, dass der Euro mehr Nach- als Vorteile mit sich bringt.

          Eine europäische Kämpfernatur

          Pervenche Berès weist zurück, dass sich eine Mehrheit der Franzosen von der EU abgewandt hat. Sie kandidiert zum fünften Mal für das Europäische Parlament, dem sie seit 1994 als Abgeordnete angehört. „Zwei Wochen vor der Unterzeichnung der Römischen Verträge“ ist sie geboren, wie sie stolz vermerkt. Sie hält sich zugute, eine europäische Kämpfernatur zu sein. 1995 erlitt sie in Paris einen schweren Unfall mit ihrem Motorroller. Noch heute sind ihr die vielen Operationen anzusehen. Aber sie gab nicht auf, trat 1999 wieder an und erwarb sich durch fleißige Ausschussarbeit den Ruf eines „Arbeitstiers“. Am europäischen Verfassungsvertrag wirkte sie mit, vollzog dann aber eine spektakuläre Kehrtwende, um ihren Mentor Laurent Fabius in seiner Kampagne für das „Non“ zu unterstützen. Im Referendum 2005 stimmte sie gegen das Vertragswerk und sprach von einem „Nein der Hoffnung“. Unter den Sozialisten gibt es einige, die ihr diesen „Verrat“ bis heute nicht verziehen haben. Zuletzt leitete sie im Europäischen Parlament den Ausschuss für Soziales. Sie gilt als stur, hartnäckig und durchsetzungsfähig. Einem zarten Blümelein – Pervenche heißt Immergrün – ähnele sie nun wirklich nicht, spottete einmal François Hollande.

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