19.09.2003 · Ein Studium ohne Grenzen in einem „Hochschulraum Europa“ vom Ural bis zum Mittelmeer soll schneller als bisher geplant Wirklichkeit werden. Darauf haben sich am Freitag in Berlin die Bildungsminister von 40 europäischen Staaten verständigt.
Die Bildungsminister von 40 europäischen Staaten haben sich in Berlin verpflichtet, schon bis 2005 zweistufige Bachelor- und Master-Abschlüsse sowie einen dritten Ausbildungsgang als Doktorandenstudium einzuführen. Darauf haben sie sich am Freitag in Berlin bei der Bologna-Nachfolgekonferenz verständigt. Ein hochstehendes, möglichst interdisziplinär angelegtes Doktorandenstudium soll nachhaltig dazu beitragen, daß Europa zu Spitzenleistungen in Forschung und Innovation besser befähigt wird", sagte Bundesbildungsministerin Bulmahn (SPD) in Berlin. Auf diese Weise solle nicht nur innerhalb Europas ein müheloser Wechsel der Studienorte erreicht werden. Vielmehr suche Europa auch Anschluß an den internationalen Wettbewerb um die besten Studenten und Doktoranden, begebe sich also in Konkurrenz zu den Vereinigten Staaten.
Die vollständige Umstellung der Studiengänge auf Bachelor- und Masterabschlüsse bis zum Jahr 2010 mache es notwendig, daß die erworbenen Fähigkeiten vergleichbar werden, heißt es in einer Erklärung der Minister. Die Hochschulen sind deshalb aufgefordert, im Rahmen ihrer Selbständigkeit interne und externe Evaluationsverfahren zu entwickeln. Nationale Qualitätssicherungssysteme mit eindeutigen Verantwortlichkeiten und internationaler Beteiligung müssen aufgebaut werden. Das europäische Netzwerk für Qualitätssicherung im Hochschulbereich (ENQA) solle in Zusammenarbeit mit den europäischen Rektorenvereinigungen und Studierenden gemeinsame Standards und Verfahren erarbeiten, heißt es in der Abschlußerklärung. Die Mobilität der Studenten soll dadurch erleichtert werden, daß Ausbildungsförderung und Stipendien in andere europäische Länder mitgenommen werden können.
Zusätzliche Prüfungen
Das "European-Credit-Transfer-System" (ECTS) soll die Anrechnung von Studienleistungen in den europäischen Hochschulen sichern. In der Praxis genügt die bloße Ansammlung von ECTS-Punkten häufig nicht. Hochschulen, die etwas auf sich halten - etwa den Universitäten angegliederte Institute zur Ingenieurausbildung in Frankreich, verlassen sich nicht auf die Punkte, sondern überprüfen die Fähigkeiten der Studienbewerber zusätzlich.
Ungeklärt blieb die Fragen der Zulassung zum Masterstudium nach dem Bachelor. Während die Studentenvertreter der Auffassung sind, daß ein Bachelor auch automatisch den Zugang zum Masterstudium eröffnen muß, tendieren die Universitäten in Deutschland, die den Zugang zum Master individuell regeln können, dazu, Masterstudiengänge als Exzellenzstudiengänge mit einer bestimmten Note oder einer eigenen Abschlußprüfung, zu entwickeln und auf diese Weise ihr Profil als Hochschule zu schärfen. Je mehr der Bachelorabschluß zum Regelabschluß werde, umso dringlicher sei es, Standards für diese Grundlagenausbildung festzulegen und die Anerkennung auch mit Arbeitgebern und dem öffentlichen Dienst zu klären, sagte der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Gaehtgens, in Berlin. Bisher stellen nur international tätige Unternehmen Hochschulabsolventen mit Bachelor- und Masterabschluß ein. Auf dem deutschen Arbeitsmarkt haben sich die neuen Abschlüsse noch längst nicht durchgesetzt.
Kaum Bereitschaft zu Akkreditierung
Deutschland gibt es inzwischen 1900 Bachelor-Masterstudiengänge, von denen nur 400 akkreditiert sind. Insgesamt werden 15 000 Studiengänge angeboten. Eine Untersuchung des Stifterverbandes hat vor kurzem ergeben, daß selbst die akkreditierten Bachelor-Master-Studiengänge häufig nichts anderes sind als alte Studiengänge mit neuem Namen. Was zuvor als Vordiplom und Zwischenprüfung bezeichnet wurde, wurde kurzerhand umbenannt und damit zum bequemen Ausweg für eventuelle Studienabbrecher. Hinzu kommt, daß keineswegs alle Länder bereit sind, die Qualität ihrer Studiengänge durch Akkreditierungen zu sichern. Das gilt etwa für England, das keine Akkreditierung einführen will, um eine Einmischung der Regierung in die Hochschulangelegenheiten zu verhindern.