http://www.faz.net/-gpf-711kd

Zypern : Kommunistische Klerikalkapitalisten

Zyperns Staats- und Regierungschef,Dimitris Christofias führt die „Fortschrittspartei des werktätigen Volkes“: „Marxismus nur für Sonntagsreden“? Bild: dapd

An diesem Sonntag hat Zypern den EU-Ratsvorsitz übernommen. Dimitris Christofias gilt als „der einzige kommunistische Staatschef in der EU“. Tatsächlich halten die Genossen ihre Parteidoktrin in Ehren – mehr aber auch nicht.

          Seit Sonntag hat Zypern den EU-Ratsvorsitz inne, und die Nachrichtenagentur Reuters wusste dazu dieser Tage mit einem interessanten Detail aufzuwarten: Der Präsident und Regierungschef Zyperns sei „der einzige kommunistische Staatschef in der EU“, enthüllte die Nachrichtenagentur. Dass Dimitris Christofias ein Kommunist sei, war auch in vielen deutschen Tageszeitungen zu lesen - „Handelsblatt“, „Welt“, „Tageszeitung“, „Frankfurter Rundschau“, „Süddeutsche Zeitung2 und andere Blätter nannten ihn so.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Das überrascht, wird Zypern doch in der Regel nicht mit einer Diktatur der Arbeiterklasse assoziiert. Ganz im Gegenteil, ließe sich sagen, denn die mit Abstand wichtigste Branche der zyprischen Wirtschaft ist das Bankenunwesen. Banken waren es, die Zypern durch waghalsige Geschäfte in Griechenland an den Rand des Abgrunds und womöglich noch etwas weiter getrieben haben. Das wiederum entspricht ganz einer mit längerer Krisendauer längst nicht mehr allein von Kommunisten gehegten Weltsicht, in der von den großen Geldhäusern nichts Gutes kommen kann.

          Dass Banken allerdings ausgerechnet einen Staat zugrunde richten konnten, in dem der angeblich einzige kommunistische Ministerpräsident der EU die Macht hat, passt nicht recht zu einem Bild, dessen Entstehung vor allem dem klingenden Namen der regierenden „Fortschrittspartei des werktätigen Volkes“, kurz Akel, geschuldet sein dürfte.

          Wer je auf Zypern war, wird allerdings bestätigen: Überdurchschnittlich werktätig wirkt das zyprische Volk nicht. Wie also kommt es, dass auf der Mittelmeerinsel die Kommunisten an der Macht sind? Und wie kommunistisch sind Zyperns Kommunisten? Werner Adam, der 2009 verstorbene langjährige Chef des Auslandsressorts der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der sich seinen Teilzeitruhesitz auf Zypern gewählt hatte, Christofias persönlich kannte und das politische Geschehen auf der Insel bis zuletzt mit dem nie versiegenden Interesse des besessenen Journalisten verfolgte, hat die politische Ausrichtung der Akel einmal auf eine treffende Formel gebracht. Er stellte fest, dass es die Partei außenpolitisch zwar stets mit Moskau gehalten habe, solange die KPdSU dort das Sagen hatte, „innenpolitisch hingegen taten sich Zyperns Kommunisten bislang eher durch eine gewisse Zurückhaltung hervor, indem sie kaum Anstoß an levantinisch-kapitalistischer Wirtschaftsentfaltung nahmen.“

          Der Mannheimer Historiker Heinz A. Richter, der wohl beste deutsche Kenner von Zyperns Geschichte, sieht auch Nostalgie mit im Spiel: „Die Akel ist eine Volkspartei geworden. Den Marxismus/Leninismus braucht man für Sonntagsreden und Parteitage. Tatsächlich ist die Partei heute eine sozialdemokratisch Kraft, die aus nostalgischen Gründen noch vorgibt, kommunistisch zu sein.“ Richter hat sich ausgiebig mit dem Phänomen dieser „in demokratischen Wahlen erfolgreichsten kommunistischen Partei Europas“ befasst.

          Erfolgreich ist die Akel wahrlich. Oft wurde sie stärkste Kraft des Landes, etwa nach den Wahlen im Frühjahr 2001, als die Kommunisten als größte Fraktion in die Volksvertretung in Nikosia einzogen und ihr Generalsekretär Christofias Parlamentspräsident wurde. Richter hebt die pragmatische Einstellung der Partei hervor. Nach der türkischen Invasion von 1974 zum Beispiel, als die Wirtschaftsleistung einbrach und 200.000 aus dem besetzten Nordteil der Insel geflohene griechische Zyprer versorgt werden mussten, akzeptierten die von den Kommunisten kontrollierten Gewerkschaften Lohnsenkungen von bis zu 30 Prozent.

          Weitere Themen

          Ein Kind der Revolution

          Das Ende der Ära Castro : Ein Kind der Revolution

          In Kuba dürfte am Mittwoch Miguel Díaz-Canel an die Spitze des Staates aufrücken. Er zählte einmal zu den jungen Wilden. Aber das ist lange her. Wer ist Kubas neuer starker Mann?

          Topmeldungen

          Ende des „Echo“ : Späte Schadensbegrenzung

          Die Abschaffung des Musikpreises „Echo“ ist richtig – aber das Problem, das zu ihr führte, viel weitreichender als der befürchtete „Schaden an der Marke“. Ein Kommentar.

          Peter Madsen verurteilt : Lügengeschichten eines Erfinders

          Vom ersten Prozesstag an tat sich Peter Madsen vor allem selbst leid. Einsicht, ein Geständnis gar, waren nicht zu erwarten. Wie überzeugte der Staatsanwalt das Gericht trotzdem davon, dass der Erfinder ein brutaler Mörder ist?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.