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Zugunglück in Spanien Aus der Kurve

 ·  Das verheerende Zugunglück in Spanien war nicht nur eines der schlimmsten in seiner Geschichte. Es hat auch die „Marke Spanien“ beschädigt.

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© dpa Vergrößern Mindestens 78 Menschen verloren auf der Strecke bei Santiago ihr Leben. Mittlerweile ist die Strecke wieder freigegeben.

Es ist ein Vergnügen, mit dem Schnellzug durch Spanien zu gleiten. Das Hochgeschwindigkeitsnetz ist dicht, weitläufig und sucht auch über Europa hinaus seinesgleichen. Nur China hat noch etwas mehr als die spanischen 3100 Kilometer. 3000 weitere sind auf der Iberischen Halbinsel geplant. Die modernen AVE-Züge sind elegant, sauber, pünktlich, nicht billig, aber preiswert. Jeder Gast hat einen reservierten Sitz, weil nicht mehr Plätze verkauft werden. Und eines funktioniert immer: Die Heizung im Winter und die Klimaanlage im Sommer.

Der AVE ist mindestens doppelt so schnell wie das Auto auf den ebenfalls gut ausgebauten Autobahnen und meistens auch schneller als das Flugzeug, wenn man den Weg zum Flughafen, Einchecken und Kontrolle sowie die Wartezeit mitrechnet. Auf der ältesten Strecke von Madrid nach Sevilla, die im Jahr 1992 eröffnet wurde, genügen knapp zwei Stunden Fahrzeit.

Jenen AVE hat damals der sozialistische Ministerpräsident Felipe González aus Andalusien als spanische Premiere durchgesetzt, um seinen Landsleuten in der Heimat zu zeigen, dass er es kann. Die zuletzt eröffnete Langstrecke führt von Madrid nach Barcelona: 650 Kilometer in weniger als drei Stunden. Das soll ihm das Air Shuttle erst einmal nachmachen.

Nun ist durch das Unglück vor der galicischen Haupt- und Apostelstadt Santiago de Compostela nicht nur ein Schatten auf das logistische Paradepferd der - mit tätiger europäischer Finanzhilfe aufgebauten - spanischen Infrastruktur gefallen. Die „Marke Spanien“ ist berührt, weil das international so positiv aufgefallene Schnellzugnetz nicht nur ein attraktives Transportmittel für Einheimische und Touristen ist, sondern auch ein potentieller Exportschlager, der das Land im sechsten Krisenjahr aus der Rezession zu ziehen helfen könnte.

Gerade boomte der Fremdenverkehr

Doch erst einmal sind da die noch nachwirkenden Bilder des Schreckens aus der engen Kurve vier Kilometer vor dem Bahnhof von Santiago: verstümmelte Tote, orientierungslose Verletzte, geborstener Stahl, vierzehn Schrottwaggons, untröstliche Familienangehörige und Freunde. Die spanische Entgleisung hat weltweit Schlagzeilen gemacht, auch weil fünf Ausländer unter den Opfern zu beklagen sind: aus Algerien, Italien, Mexiko, der Dominikanischen Republik und den Vereinigten Staaten.

Das Unglück kommt dazu zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Spanien schickt sich gerade an, beim Fremdenverkehr alle früheren Rekorde zu brechen. Noch nie wurden in einem Juni sechs Millionen Besucher gezählt. In diesem Frühsommer war das aus vielen Gründen der Fall. Die Maghreb-Staaten von Marokko bis Tunesien - außerdem noch Ägypten - werden wegen der politischen Turbulenzen gemieden.

Das Preis-Leistungs-Verhältnis hat sich von den Balearen bis zu den Kanaren und vor allem auf dem iberischen Festland, Portugal eingeschlossen, verbessert. Und nun das: Wird es einen Knick mitten in dem Hochsommer geben, der das Signal setzen sollte, damit Spanien zum ersten Mal die Schallmauer von 60 Millionen Feriengästen in einem Jahr durchbricht?

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