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Wahl in Frankreich Tiefverankertes Klassendenken

 ·  Die Präsidentenwahl in Frankreich - auch ein Referendum gegen Nicolas Sarkozy. Vor allem die jungen Franzosen wollten mehrheitlich den von François Hollande versprochenen „Wandel“.

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© AFP François Hollande vereinte 60 Prozent der Franzosen zwischen 18 und 24 Jahren auf sich. Jugendliche feiern das Ergebnis der Präsidentschaftswahl auf dem Place de la Bastille in Paris

Wem hat François Hollande seinen Wahlsieg zu verdanken? Zuallererst dem scheidenden Präsidenten Nicolas Sarkozy, haben französische Wahlforscher herausgefunden. Das wichtigste Motiv der Franzosen, die Hollande am 6. Mai ihre Stimme gaben, war, eine zweite Amtszeit Nicolas Sarkozys zu verhindern. 55 Prozent gaben dies als Grund für ihre Wahlentscheidung für den Sozialisten an, so das Ergebnis einer Untersuchung des Umfrageinstituts Ipsos. Alles spricht dafür, dass die Präsidentenwahl als Referendum gegen Nicolas Sarkozy von einer Mehrheit der Franzosen verstanden wurde.

Der Politikwissenschaftler Pascal Perrineau spricht von dem Votum einer „Misstrauensgesellschaft“. Hollandes Verdienst sei es nicht, die Franzosen um ein gemeinsames Projekt versammelt zu haben. Seine Stärke war es vielmehr, Sprachrohr der Unzufriedenen und Enttäuschten gewesen zu sein. Der Sieg Hollandes gründet deshalb auf einer fragilen Basis, glaubt Perrineau.

Der „égalité“, der Gleichheit verschrieben

Hollande steht im Elysée-Palast vor der Herausforderung, aus dem Votum gegen Sarkozy ein Votum für Hollande zu machen. Nur 45 Prozent der Wähler Hollandes gaben als Motivation für ihre Stimmabgabe an, dass sie sich den Sozialisten im Elysée-Palast wünschten. Das Umfrageinstitut Viavoice veröffentlichte am Mittwoch ein ähnliches Ergebnis. Nur 22 Prozent der Wähler Hollandes bekundeten, dass sie dem Sozialisten ihre Stimme aufgrund seiner Persönlichkeit gaben. Umgekehrt machten 53 Prozent Nicolas Sarkozy für seine Niederlage selbst verantwortlich. 44 Prozent der Hollande-Wähler sehen in Sarkozy einen „Präsidenten der Reichen“.

Obwohl Frankreich sich schon 1789 dem Ziel der „égalité“, der Gleichheit, verschrieb, offenbart das Wählerverhalten ein tiefverankertes Klassendenken. Wer mehr als 3500 Euro monatlich verdient, wählte mehrheitlich Nicolas Sarkozy. Wer unter dieser Einkommensgrenze lag, entschied sich für Hollande. „Es gibt eine starke Wechselbeziehung zwischen dem Einkommensniveau und der Wahlentscheidung“, beobachtete der Wahlforscher Bruno Cautrès vom Institut d’Etudes Politiques (“Sciences Po“) in Paris. Je höher die Einkommen, umso niedriger lag das Wahlergebnis für Hollande. Als Präsident der Geringverdiener lastet nun ein hoher Erwartungsdruck auf Hollande. Er steht vor der Herausforderung, den Sparzwang mit dem Verlangen nach sozialer Umverteilung zu vereinbaren. Franzosen, die unter 1200 Euro monatlich verdienen, stimmten zu 59 Prozent für ihn. Bei der Einkommensklasse zwischen 1200 und 2000 Euro monatlich waren es 56 Prozent, bei jener zwischen 2000 und 3000 Euro 55 Prozent. Aber nur noch 44 Prozent der Franzosen, die über 3000 Euro und mehr monatlich verfügen, wählten Hollande.

Le Pen bleibt starke Kraft im Arbeitermilieu

68 Prozent der Arbeiter und 58 Prozent der Angestellten stimmten für den Sozialisten. Das gute Abschneiden bei den Arbeitern ist ein Novum. 2007 hatte eine Mehrheit der Arbeiter für Sarkozy gestimmt, der versprochen hatte, der „Präsident der Kaufkraft“ zu sein. Marine Le Pen bleibt dabei eine starke Kraft im Arbeitermilieu, im ersten Wahlgang stimmte ein knappes Drittel für die Rechtspopulistin. Die Stimmenübertragung im zweiten Wahlgang fiel bescheiden aus. 14 Prozent der Le-Pen-Wähler entschieden sich in der Stichwahl für Hollande. Die Wähler des Linkspopulisten Jean-Luc Mélenchon stimmten zu 81 Prozent im zweiten Wahlgang für den Sozialisten.

Hollande schnitt stark in den traditionellen Wählerschichten der Linken ab. Beamte und Beschäftigte des öffentlichen Dienstes gaben ihm mehrheitlich ihre Stimme. Auch hier gab es eine klare soziologische Trennlinie: Die abhängig Beschäftigten stimmten für Hollande, während Unternehmer, Handwerker und Freiberufler Sarkozy die Treue hielten. Sarkozy, der sich als „Präsident des Volkes“ bezeichnet hatte, gelang es nicht, das Vertrauen der Franzosen „von unten“ zu gewinnen. Er wurde als Präsident einer weltoffenen, freien, marktwirtschaftlichen Regeln vertrauenden Elite abgewählt. Er konnte sich nicht vom Bild des „Präsidenten der Reichen“ freimachen.

Hollande versprach den „Wandel“

Die Wählerschaft Hollandes und Sarkozys trennt zudem eine klare Altersgrenze. Der Präsident der Rentenreform war der Favorit der Franzosen über 65 Jahre. Von der Erhöhung des Renteneinstiegsalters von 60 auf 62 Jahre ist dieser Teil der Wählerschaft nicht betroffen. 52 Prozent der Rentner und Pensionäre stimmten für Sarkozy. Bei den über 65 Jahre alten Franzosen kam Sarkozy sogar auf 60 Prozent. Die jungen Franzosen hingegen wollten mehrheitlich den von Hollande versprochenen „Wandel“. Hollande vereinte 60 Prozent der Franzosen zwischen 18 und 24 Jahren auf sich. Sein Leitmotiv, die Chancen der Jugend zu verbessern, kam aber auch bei der Elterngeneration zwischen 25 und 34 Jahren (53 Prozent), zwischen 35 und 49 Jahren (56 Prozent) und zwischen 50 und 64 Jahren (54 Prozent) gut an. Die Jugendarbeitslosenquote von bis zu 25 Prozent in benachteiligten Wohnvierteln hat zu diesem Votum beigetragen.

Hollande ging aus der Wahl als Kandidat der Großstädter hervor. In den urbanen Ballungsräumen mit mehr als 100.000 Einwohnern erzielte er 57 Prozent der Stimmen, in den mittleren Städten zwischen 20.000 und 100.000 Einwohnern 54 Prozent. Im ländlichen Gebiet blieb er hingegen unter der 50-Prozent-Grenze bei 48 Prozent.

Die These von einem „Misstrauensvotum“ wird durch die Rekordzahl der Wähler gestützt, die am 6. Mai einen ungültigen oder leeren (weißen) Wahlzettel in die Urne warfen. Mehr als zwei Millionen Franzosen entschieden sich zu dieser Misstrauensäußerung, das entspricht annähernd sechs Prozent der abgegebenen Stimmen. Hätte Nicolas Sarkozy diese mit beiden Kandidaten unzufriedenen Urnengänger für sich gewonnen, wäre er der Wahlsieger gewesen. „Das Kräfteverhältnis ist fünf Wochen vor den Parlamentswahlen ausgeglichener, als es erscheint. Ein wenig mehr als eine Million Stimmen trennen die beiden Lager“, betont Wahlforscher Perrineau. Der Ausgang der „dritten Runde“, wie die Franzosen die Wahlen zur Nationalversammlung kurz nach den Präsidentenwahlen nennen, ist offen.

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Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

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