http://www.faz.net/-gpf-77y2d

Verhandlungen über Zypern-Hilfe : Feuer und Flammen

Die Statue „Europa“ der belgischen Künstlerin May Claerhout in Brüssel Bild: dapd

Die Beratungen über die Zypern-Hilfe waren der gefährlichste Balanceakt der Eurokrise. Das Protokoll einer Krisennacht: Wie Herman Van Rompuy die Zyprer vor den rüden Finanzministern zu beschützen versuchte.

          Einer, der den Verhandlungsmarathon im Brüsseler Ratsgebäude am Sonntag selbst mitgemacht hat, drückte es hinterher so aus: Manche Beteiligte hätten noch gedacht, sie könnten mit Feuer spielen, als die Flammen schon hoch aufgelodert seien. Wäre Zypern untergegangen und hätte womöglich den Euroraum mitgerissen, dann hätte man vielleicht hinterher in Deutschland gesagt: „Das haben wir nicht gewollt.“ Solche Einschätzungen hat man in den ungezählten Krisensitzungen, die die Währungsunion nun hinter sich hat, noch nie gehört. Drama und großen Streit gab es in Brüssel immer, wenn über Hilfen für einen überschuldeten Mitgliedstaat verhandelt wurde, schon weil jede Regierung unterschiedliche Interessen hat. Aber am Montag herrschte unter den Beteiligten in Brüssel doch der Eindruck vor, diesmal habe man den Tanker nur in allerletzter Minute vor der Kollision mit einem Eisberg bewahrt. Die Rettung der kleinen Insel Zypern wurde als bisher größter und gefährlichster Balanceakt der Eurokrise empfunden.

          Nikolas Busse

          Verantwortlicher Redakteur für die Frankfurter Allgemeine Woche und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik (F.A.Z.).

          Eine Besonderheit der vergangenen Tage war das Debüt von Ratspräsident Herman Van Rompuy als oberster Verhandlungsführer. Der gewiefte, sonst eher im Hintergrund wirkende Belgier, der seit 2009 den Vorsitz der Staats- und Regierungschefs in der EU führt, war an den Beschlüssen für Griechenland und die anderen „Programmländer“ natürlich beteiligt gewesen. Da die großen Weichenstellungen aber meist auf Gipfeltreffen vorgenommen wurden, war die Führungsrolle stets der deutschen Bundeskanzlerin zugefallen. Diesmal blieb Angela Merkel zu Hause und Van Rompuy übernahm.

          Van Rompuy wollte Zyprer schonen

          Das hatte viel damit zu tun, wie der erste Versuch zur Rettung Zyperns eine Woche zuvor abgelaufen war. Nach dem Reinfall, den Präsident Nikos Anastasiadis zu Hause mit Plan A der Eurogruppe erlitten hatte, kam die Frage auf, ob man nicht ein Gipfeltreffen des Euroraums abhalten solle, statt die Sache weiter bei den Finanzministern laufen zu lassen. Das wurde verworfen, aber Van Rompuy beschloss nach Absprache mit Frau Merkel und dem französischen Präsidenten François Hollande, sich in die Verhandlungen einzuschalten. Er lud Anastasiadis nach Brüssel ein.

          Gezeichnet: Zyperns Präsident Nicos Anastasiadis verlässt um zwei Uhr nachts das europäische Ratsgebäude in Brüssel
          Gezeichnet: Zyperns Präsident Nicos Anastasiadis verlässt um zwei Uhr nachts das europäische Ratsgebäude in Brüssel : Bild: REUTERS

          Bei diesem Upgrade auf die höchste diplomatische Ebene ging es nicht nur darum, protokollgemäß unter „Chefs“ einen Ausweg aus der verfahrenen Lage zu finden, die durch die Absicht zur Belastung von Guthaben unter 100.000 Euro entstanden war. In Brüssel herrschte auch der Eindruck vor, dass die Zyprer in der Sitzung der Eurogruppe vor zehn Tagen zu rüde angegangen worden waren. Einige Teilnehmer, zu denen Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble und auch der neue Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem gezählt wurden, hätten die zyprische Delegation vielleicht zu hart herangenommen, heißt es. Der maltesische Finanzminister berichtete von der Sitzung, dem zyprischen Kollegen sei die „Pistole an den Kopf“ gesetzt worden, bis „sein Körper und seine Seele“ nach zehn Stunden endlich so erschöpft gewesen seien, dass er nur noch zustimmen konnte. Van Rompuy, so ist zu hören, wollte es besser machen und den Zyprern, die schon halb im Abgrund hingen, nicht das Gefühl geben, sie würden noch einmal den Finanzministern zum Fraß vorgeworfen.

          Unterhändler bemerken ernsteres Problem

          Zu Beginn eines langen Sonntags musste sich allerdings erst einmal die Troika auf einen gemeinsamen Standpunkt verständigen. Ein Problem war, dass der Internationale Währungsfonds (IWF) mit deutlich pessimistischeren Annahmen über die künftige wirtschaftliche Entwicklung in Zypern arbeitete als die Europäische Kommission. So berücksichtigte die Kommission in ihren Projektionen auch möglich Einnahmen aus den Gasvorkommen vor Zypern, obwohl deren Erschließung alles andere als sicher ist. Beim IWF lache man darüber nur, berichtet ein Beteiligter. Gegen Mittag fand also ein erstes Treffen mit dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) Mario Draghi, der geschäftsführenden IWF-Direktorin Christine Lagarde und Kommissionspräsident José Manuel Barroso statt.

          Weitere Themen

          Jamaika-Sondierungen nehmen Fahrt auf Video-Seite öffnen

          Gute Stimmung : Jamaika-Sondierungen nehmen Fahrt auf

          Verhandelt wurde über die Themen Bildung und Digitales, Arbeit und Rente sowie innere Sicherheit. Zumindest zu den ersten Themenkomplexen wollten die Unterhändler Papiere zum Sondierungsstand vorlegen.

          Topmeldungen

          SPD bewegt sich : Große Koalition für Schulz kein Tabu mehr

          Nun soll die SPD-Basis das letzte Wort über eine mögliche dritte große Koalition mit der Union haben. Dies kündigte SPD-Parteichef Martin Schulz an. Auch die Tolerierung einer von Merkel geführten Minderheitsregierung käme als Option in Frage.
          Bedroht? Eine Schwebfliege hat sich in Frankfurt auf einer Wiese im Stadtteil Bergen-Enkheim auf einer Blüte niedergelassen.

          Insektensterben : Professor schimpft gegen Öko-Hysterie

          Eine Studie über drastisches Insektensterben sorgte in den vergangenen Wochen für viel Aufregung. Jetzt teilt Statistiker Walter Krämer kräftig gegen die Macher aus – und schießt damit über das Ziel hinaus.

          Brief aus Istanbul : Erdogans Kampf gegen Amerika

          Der türkische Präsident und seine Partei AKP sind Meister darin, die Seiten zu wechseln. Nun umarmen sie Putin und verdammen die Vereinigten Staaten. Wieso? Weil dort ein für Erdogan gefährlicher Prozess beginnt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.