Home
http://www.faz.net/-gq4-781nh
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Traumhafte Zinsen Mein Konto in Zypern

Bei der Hellenic Bank in Nikosia ist man kurz irritiert, als ich mit meinem Plan rausrücke: Ich will ein Konto eröffnen. Es wird mir Zinsen bringen, von denen meine Hausbank in Bienenbüttel nur träumen kann.

© AP Vergrößern Bietet Neukunden hohe Zinsen: Eine Filiale der Hellenic Bank in Nikosia

Es ist Donnerstag, der 28. März 2013. Nach fast zwei Wochen Zwangspause werden Zyperns Banken wieder öffnen. Die Welt fragt sich bang, ob es einen Sturm auf die Geldhäuser geben werde und die Zyprer in panischer Angst ihre Konten auflösen.

Michael Martens Folgen:    

Nur ich nicht.

Ich will weder Geld abheben noch mein Konto auflösen. Im Gegenteil: Ich will ein Konto eröffnen. Bei einer zyprischen Bank. Gestern hat sich Zyperns Außenminister beschwert, dass Europa nicht solidarisch sei mit seinem Land. Heute soll er eines Besseren belehrt werden. Der Plan ist, zunächst einhundert Euro einzuzahlen. Die werden Zypern zwar nicht retten, aber es ist ein Anfang. Gelebte europäische Solidarität. Folgte jeder Deutsche diesem Beispiel, wäre Zypern aus dem Gröbsten raus.

Bei der Bank of Cyprus ist die Hölle los

Nahe meinem Hotel befindet sich die Ledra-Straße, die altehrwürdige Geschäftsmeile von Nikosia. An ihrem südlichen Ende mündet sie in den Platz der Freiheit, an dem die beiden bisher größten Banken Zyperns, die Bank of Cyprus und die Laiki Bank, Filialen unterhalten. Die Laiki Bank wird abgewickelt, es ist also nicht mehr möglich, dort ein Konto zu eröffnen. Die Bank of Cyprus, das größte Kreditinstitut der Zyprer, steht aber noch. Bei ihr will ich Sparer werden. Doch am Platz der Freiheit ist die Hölle los. Um Punkt zwölf Uhr mittags sollen die Banken öffnen, aber schon eine Stunde vorher erinnert das Menschengewühl auf dem Platz an eine südostasiatische Marktszene.

23819916 Europäische Solidarität: Fiktiver Einzahlungsbeleg über 100 Euro bei der Hellenic Bank © Illustration F.A.S. Bilderstrecke 

Spanische, französische, niederländische, italienische, amerikanische, russische und chinesische Fernsehteams sind auf den ersten Blick auszumachen, doch sie repräsentieren nur einen kleinen Ausschnitt der hier versammelten Weltmedien. Ständig hat irgendein Fernsehreporter eine „Liveschalte“. Die Mikrofonhalter sagen dann Sätze wie: „Hier in Nikosia warten alle ungeduldig auf die Öffnung der Banken“, während im Hintergrund zwei eingeschüchterte Bankkunden zu sehen sind, verängstigt von so viel Öffentlichkeit. Es ist ja auch so ziemlich das Gegenteil von Bankgeheimnis, was sich hier abspielt. Kurze Lageanalyse: Gesellte ich mich jetzt zu den wartenden Kunden, wäre ich Minuten später von Reportern umlagert, und in den unauslöschlichen Tiefen des Internets oder in den chilenischen Abendnachrichten tauchte ich womöglich als ein um seine Ersparnisse bangender Zyprer oder gar als russischer Oligarch auf. So etwas wird man nie wieder los.

Kein Hinweis auf Geldwäsche-Verbot

Mit einem Taxi lasse ich mich deshalb zum Stadtrand bringen. In der Agamemnonstraße 3 entdecke ich eine Filiale der Hellenic Bank. Das ist die drittgrößte Bank Zyperns, sie gilt als leidlich stabil. Fünf Minuten vor zwölf reihe ich mich in die Schlange ein. Vor mir nur neun Wartende. Vier britische Soldaten von der UN-Mission in Zypern, dahinter zwei junge Pakistaner. Sie seien Studenten, sagen sie. Außerdem drei Zyprer. Ein älterer Herr und ein Ehepaar Mitte vierzig. Und was am wichtigsten ist: kein Journalist. Außer mir.

An der Glastür zur Bank weist ein Verbotsschild darauf hin, dass man die Filiale nicht betreten dürfe, wenn man einen Motorradhelm auf dem Kopf trage. Kein Problem. Ein Hinweis auf das Verbot von Geldwäsche, eine durchgestrichene Waschmaschine beispielsweise, ist nicht auszumachen. Punkt zwölf öffnet eine Angestellte die Tür. Gemessenen Schrittes betreten wir die Filiale. Ein „bank run“ findet nicht statt. Die Pakistaner wollen wissen, ob das Geld für ihr Stipendium angekommen ist. Das Ehepaar und der ältere Herr lassen sich ihre Kontoauszüge erklären. Alles ohne Panik und levantinische Lamenti. Nur die Briten fordern lautstark ihr Geld zurück, aber das kennt man ja aus der EU.

Türkische Meldebescheinigung reicht nicht

Zwanzig nach zwölf bin ich an der Reihe. Die Dame am Schalter fasst sich rasch, als ich ihr meinen Wunsch vorgetragen habe, ein Konto zu eröffnen. Ob ich ihr wohl folgen wolle. In der Zweigstelle Agamemnonstraße ist für Neukunden nämlich Margarita Marathefti zuständig. „Customer relationship officer“ steht auf ihrer Visitenkarte. Kurzes Zögern: Ob die Silbe „theft“ in ihrem Nachnamen ein geheimes Warnzeichen ist? Doch das grundsolide Auftreten von Frau Marathefti vertreibt jeglichen Zweifel.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Verbraucherschutz Gesetzentwurf zu Dispo- und Baukrediten steht

Banken müssen ihren Kunden künftig genaue Angaben zur Höhe der verlangten Dispozinsen machen - ein Gesetzentwurf für mehr Transparenz ist laut Verbraucherminister Heiko Maas nun fertig. Mehr

20.12.2014, 12:31 Uhr | Wirtschaft
Frankfurt 25 Banken fallen bei Stresstest durch

Zwölf Banken haben die Kapitallücke bereits gefüllt. Die anderen müssen der EZB nun einen Plan vorlegen, wie sie das Kapitalloch schließen wollen. Mehr

26.10.2014, 14:31 Uhr | Wirtschaft
Die Vermögensfrage Die niedrigen Kreditzinsen können zur Falle werden

Die niedrigen Zinsen vernebeln vielen den Blick. Sie leihen sich mehr Geld, als sie sich eigentlich leisten sollten. Denn Überschuldung und Zahlungsunfähigkeit sind große Gefahren. Die Vermögensfrage. Mehr Von Volker Looman, Stuttgart

12.12.2014, 18:57 Uhr | Finanzen
Fastfood in der Kirche Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Burgers

Die Kirche verliert auch in den Vereinigten Staaten Gottesdienstbesucher und Kirchensteuerzahler. Ein Berater glaubt zu wissen, wie sich die Entwicklung aufhalten lässt: Er will Fastfood-Filialen in Kirchen eröffnen. Hier ist das dazugehörige Werbevideo. Mehr

02.12.2014, 16:29 Uhr | Gesellschaft
Mayers Weltwirtschaft Mein Jahr 2014

Unser Kolumnist Thomas Mayer lässt das Jahr Revue passieren. Er erfreut sich an hohen Aktienkursen und träumt von einer neuen Geldordnung. Mehr Von Thomas Mayer

20.12.2014, 15:12 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 31.03.2013, 08:54 Uhr

Die gelähmte SPD

Von Majid Sattar

Vor einem Ausbrechen der Grünen aus dem linken Lager haben die Sozialdemokraten Angst. Für die SPD endet das Jahr auch wegen der Edathy-Affäre so, wie es angefangen hat – auf dünnem Eis. Mehr 21 22