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Traumhafte Zinsen Mein Konto in Zypern

Bei der Hellenic Bank in Nikosia ist man kurz irritiert, als ich mit meinem Plan rausrücke: Ich will ein Konto eröffnen. Es wird mir Zinsen bringen, von denen meine Hausbank in Bienenbüttel nur träumen kann.

© AP Bietet Neukunden hohe Zinsen: Eine Filiale der Hellenic Bank in Nikosia

Es ist Donnerstag, der 28. März 2013. Nach fast zwei Wochen Zwangspause werden Zyperns Banken wieder öffnen. Die Welt fragt sich bang, ob es einen Sturm auf die Geldhäuser geben werde und die Zyprer in panischer Angst ihre Konten auflösen.

Michael Martens Folgen:

Nur ich nicht.

Ich will weder Geld abheben noch mein Konto auflösen. Im Gegenteil: Ich will ein Konto eröffnen. Bei einer zyprischen Bank. Gestern hat sich Zyperns Außenminister beschwert, dass Europa nicht solidarisch sei mit seinem Land. Heute soll er eines Besseren belehrt werden. Der Plan ist, zunächst einhundert Euro einzuzahlen. Die werden Zypern zwar nicht retten, aber es ist ein Anfang. Gelebte europäische Solidarität. Folgte jeder Deutsche diesem Beispiel, wäre Zypern aus dem Gröbsten raus.

Bei der Bank of Cyprus ist die Hölle los

Nahe meinem Hotel befindet sich die Ledra-Straße, die altehrwürdige Geschäftsmeile von Nikosia. An ihrem südlichen Ende mündet sie in den Platz der Freiheit, an dem die beiden bisher größten Banken Zyperns, die Bank of Cyprus und die Laiki Bank, Filialen unterhalten. Die Laiki Bank wird abgewickelt, es ist also nicht mehr möglich, dort ein Konto zu eröffnen. Die Bank of Cyprus, das größte Kreditinstitut der Zyprer, steht aber noch. Bei ihr will ich Sparer werden. Doch am Platz der Freiheit ist die Hölle los. Um Punkt zwölf Uhr mittags sollen die Banken öffnen, aber schon eine Stunde vorher erinnert das Menschengewühl auf dem Platz an eine südostasiatische Marktszene.

23819916 Europäische Solidarität: Fiktiver Einzahlungsbeleg über 100 Euro bei der Hellenic Bank © Illustration F.A.S. Bilderstrecke 

Spanische, französische, niederländische, italienische, amerikanische, russische und chinesische Fernsehteams sind auf den ersten Blick auszumachen, doch sie repräsentieren nur einen kleinen Ausschnitt der hier versammelten Weltmedien. Ständig hat irgendein Fernsehreporter eine „Liveschalte“. Die Mikrofonhalter sagen dann Sätze wie: „Hier in Nikosia warten alle ungeduldig auf die Öffnung der Banken“, während im Hintergrund zwei eingeschüchterte Bankkunden zu sehen sind, verängstigt von so viel Öffentlichkeit. Es ist ja auch so ziemlich das Gegenteil von Bankgeheimnis, was sich hier abspielt. Kurze Lageanalyse: Gesellte ich mich jetzt zu den wartenden Kunden, wäre ich Minuten später von Reportern umlagert, und in den unauslöschlichen Tiefen des Internets oder in den chilenischen Abendnachrichten tauchte ich womöglich als ein um seine Ersparnisse bangender Zyprer oder gar als russischer Oligarch auf. So etwas wird man nie wieder los.

Kein Hinweis auf Geldwäsche-Verbot

Mit einem Taxi lasse ich mich deshalb zum Stadtrand bringen. In der Agamemnonstraße 3 entdecke ich eine Filiale der Hellenic Bank. Das ist die drittgrößte Bank Zyperns, sie gilt als leidlich stabil. Fünf Minuten vor zwölf reihe ich mich in die Schlange ein. Vor mir nur neun Wartende. Vier britische Soldaten von der UN-Mission in Zypern, dahinter zwei junge Pakistaner. Sie seien Studenten, sagen sie. Außerdem drei Zyprer. Ein älterer Herr und ein Ehepaar Mitte vierzig. Und was am wichtigsten ist: kein Journalist. Außer mir.

An der Glastür zur Bank weist ein Verbotsschild darauf hin, dass man die Filiale nicht betreten dürfe, wenn man einen Motorradhelm auf dem Kopf trage. Kein Problem. Ein Hinweis auf das Verbot von Geldwäsche, eine durchgestrichene Waschmaschine beispielsweise, ist nicht auszumachen. Punkt zwölf öffnet eine Angestellte die Tür. Gemessenen Schrittes betreten wir die Filiale. Ein „bank run“ findet nicht statt. Die Pakistaner wollen wissen, ob das Geld für ihr Stipendium angekommen ist. Das Ehepaar und der ältere Herr lassen sich ihre Kontoauszüge erklären. Alles ohne Panik und levantinische Lamenti. Nur die Briten fordern lautstark ihr Geld zurück, aber das kennt man ja aus der EU.

Türkische Meldebescheinigung reicht nicht

Zwanzig nach zwölf bin ich an der Reihe. Die Dame am Schalter fasst sich rasch, als ich ihr meinen Wunsch vorgetragen habe, ein Konto zu eröffnen. Ob ich ihr wohl folgen wolle. In der Zweigstelle Agamemnonstraße ist für Neukunden nämlich Margarita Marathefti zuständig. „Customer relationship officer“ steht auf ihrer Visitenkarte. Kurzes Zögern: Ob die Silbe „theft“ in ihrem Nachnamen ein geheimes Warnzeichen ist? Doch das grundsolide Auftreten von Frau Marathefti vertreibt jeglichen Zweifel.

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