25.08.2009 · Der slowakische Ministerpräsident Fico hat den ungarischen Staatspräsident Sólyom zur unerwünschten Person erklärt und ihm die Einreise verweigert. Dieser Streit hat lange Wurzeln. Ganz unschuldig ist dabei aber keiner.
Von Berthold KohlerSchuld und Unschuld scheinen in diesem Fall auf den ersten Blick so klar verteilt zu sein wie das Nord- und das Südufer der Donau. Noch nie hat ein Mitgliedstaat der Europäischen Union den Präsidenten eines anderen, noch dazu benachbarten, zur unerwünschten Person erklärt und ihm die Einreise verweigert. Dazu mochte sich noch nicht einmal die Regierung Schröder versteigen, als in Brüssel der Österreich-Wahn ausbrach. Doch Pressburg hat das Unerhörte getan. Wie konnte es sich - ohnehin schon seit Tisos Zeiten und auch wegen der zweiten Trennung von den Tschechen argwöhnisch beäugt - dazu hinreißen lassen?
Ganz privat und natürlich ganz unschuldig wollte der ungarische Staatspräsident Sólyom am vergangenen Wochenende an der Enthüllung eines Reiterstandbilds des ungarischen Königs Stephan I. teilnehmen, der in Ungarn als Nationalheiliger verehrt wird. In der Slowakei aber rief diese Absicht Empörung hervor, wurde das Denkmal doch in Komárno auf slowakischem Boden aufgestellt, der zwar tausend Jahre lang ungarisch war, es aber schon fast ein Jahrhundert lang nicht mehr ist. Von einer „unerhörten Provokation“ sprach der slowakische Ministerpräsident Fico, vom Versuch gar, ungarische Staatlichkeit auf dem Boden der souveränen Slowakei zu zelebrieren.
Streit speist aus weit älteren Quellen
Die Reaktion Pressburgs ist eine Übertreibung wie so manches, was Ficos linkspopulistische und nationalistische Koalition sich ausdachte gegen Ungarn und insbesondere die ungarische Minderheit in der Slowakei; jüngstes Beispiel dafür ist die Verschärfung des Sprachgesetzes. Der Streit darum baute die Spannungsspitze zwischen Pressburg und Budapest auf, die sich jetzt blitzartig auf der Donaubrücke zwischen dem slowakischen Komárno und dem ungarischen Komarom entlud. Auch dieser Streit speist sich jedoch aus weit älteren Quellen, die Sólyom mit seiner geplanten Visite - zudem noch am Jahrestag der Niederschlagung des Prager Frühlings, für die ungarisches Militär in die Slowakei einmarschierte - wieder zum Sprudeln brachte. Das kann ihn nicht völlig überrascht haben. Die alte Festung Komárno/Komarom, die dem Türkensturm widerstand, ist zwar nicht der Tempelberg zu Jerusalem, aber doch die heimliche Hauptstadt der Ungarn in der Slowakei.
Die Minderheit, die ein gutes Zehntel der slowakischen Bevölkerung ausmacht, ist Anlass und Gegenstand des Streits zwischen Pressburg und Budapest, seit diese für sich selbst sprechen dürfen, also seit dem Wegfall des sowjetischen Jochs - und des tschechischen, würden manche Slowaken ergänzen. Das erfolgreiche Streben nach einem eigenen Staat hat die Sorge der Slowaken, auch „ihre Ungarn“ könnten die Sezession wollen, allerdings nicht wesentlich verringert. Gefördert wurden die slowakischen Befürchtungen durch Forderungen aus der politisch wohlorganisierten Minderheit nach unterschiedlichen Formen der Autonomie, aber auch durch den Schutzherrschaftsanspruch Budapests für alle Ungarn, die nach der Amputation von Trianon nicht mehr auf ungarischem Staatsgebiet leben durften. Die Ankündigung des früheren Regierungschefs Antall, er wolle „in seiner Seele“ Ministerpräsident von 15 Millionen Ungarn sein (also auch der Minderheiten im Ausland), behielten nicht nur die slowakischen Nachbarn im Gedächtnis, trotz der Anerkennung der existierenden Grenzen durch Budapest.
Stolze und selbstbewusste Minderheit
Dazu kommt, dass die ungarische Minderheit in der Südslowakei eine ausgesprochen geschichts- und selbstbewusste, um nicht zu sagen: stolze ist, die sich gut daran erinnert, wer über wen herrschte, als die Slowakei noch (ungarisches) Oberland hieß. In Komárno, Dunajská Streda und anderen hauptsächlich ungarisch besiedelten Orten kann man durchaus den Eindruck gewinnen, dort seien die Slowaken die nationale Minderheit im eigenen Staat. Die bisherigen Versuche der Regierungen Meciar und Fico, das Ungarische im öffentlichen Leben zugunsten des Slowakischen zurückzudrängen, sind meistens komplett am ausgeprägten kulturellen Selbstbehauptungswillen der ethnischen Ungarn zerschellt. Der neue Anlauf ist dafür ein Beleg. Den Parteien der Ungarn aber hat die slowakische „Assimilierungspolitik“ ein ähnlich gutes Auskommen beschert wie der slowakischen Nationalpartei die (im 19. Jahrhundert tatsächlich betriebene) „Magyarisierung“ der Südslowakei. In den Mischgebieten, wo angeblich den einen wie den anderen die nationale Identität geraubt wird, geht es derweil weit friedlicher zu, als die rhetorischen Gefechte zwischen Pressburg und Budapest vermuten lassen.
Innenpolitisch mag der Streit der Regierung Fico helfen, indem er kurzzeitig von der Wirtschaftskrise ablenkt; außenpolitisch hat er damit nichts zu gewinnen. Sein internationaler Leumund ist schon schlechter als der Meciars. Den Ungarn, die derzeit in Deutschland als die Helden von Sopron gefeiert werden, ist die slowakische Führung auf dem Gebiet der Öffentlichkeitsarbeit ohnehin hoffnungslos unterlegen. Budapest kündigte sogleich an, Brüssel zu informieren. Das tun immer nur die Opfer. Manche EU-Mitglieder sind mit dem Sachverhalt freilich längst vertraut. Ihnen fällt wieder vor die Füße, was sie vor 89 Jahren im Grand Trianon zu Versailles selbst beschlossen haben.
Die Fratze des Nationalismus
Harald Wenig (wenigfr)
- 25.08.2009, 12:50 Uhr
Die EU - keine Wertegemeinschaft!
heide Roscher (heiro17)
- 25.08.2009, 13:16 Uhr
Nicht nur der Nationalismus ist schuld...
Hanno Meissner (hanno_meissner)
- 25.08.2009, 16:36 Uhr
am südlichen Ufer
János Heltai (Donaupelikan)
- 25.08.2009, 19:27 Uhr
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János Heltai (Donaupelikan)
- 25.08.2009, 19:29 Uhr