Home
http://www.faz.net/-gq4-tmrb
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Freitag, 17. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Slowenien Die Slowenen wollen keinen "Teuro"

28.12.2006 ·  Mit schwarzen Listen und Preisinspektoren wollen die Slowenen versuchen, übermäßige Preissteigerungen zu vermeiden.

Von Carola Kaps
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Nein, im Euro-Rausch befinden sich die 2 Millionen Slowenen, die am 1. Januar ihre nationale Währung gegen den Euro eintauschen, nicht. Dafür haben sie - genau wie einst die Deutschen ihre DM liebten - ihren Tolar zu sehr geschätzt. Der slowenische Taler, 1991 nach der Unabhängigkeit vom ehemaligen Jugoslawien eingeführt, stand in der Bevölkerung für nationale Eigenständigkeit. Er verkörperte auch die politische und wirtschaftliche Transformation zur Demokratie und Marktwirtschaft, die viel Kraft gekostet und dem Land den Weg in die Europäische Union geebnet hatte.

Ein wenig stolz sind die Einwohner der kleinen, wohlhabenden Alpenrepublik dennoch, als erster der zehn Staaten, die am 1. Mai 2004 den Sprung in die Europäische Union geschafft haben, die europäische Währung zu übernehmen. Man spricht zwar nicht darüber, aber es tut der slowenischen Volksseele sichtlich gut, vom Präsidenten der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, ausdrücklich für die vorbildliche Zusammenarbeit mit der EZB und den anderen europäischen Institutionen gelobt zu werden. Und die Slowenen fühlen sich geschmeichelt, daß die Europäische Kommission mit den Vorbereitungen zur Euro-Einführung rundweg zufrieden ist und am 1. Januar keine ernsthaften Pannen erwartet.

Umsichtige Vorbereitungen

Dies ist angesichts der umsichtigen Gründlichkeit, mit der die Vorbereitungen unter der Leitung von Notenbankpräsident Matji Gaspari seit Mitte des vergangenen Jahres laufen, nicht weiter verwunderlich. 94 Millionen Euro-Noten und 296 Millionen Münzen sind nach Angaben der EU-Kommission gedruckt und geprägt worden, um die Geldversorgung und den reibungslosen Zahlungsverkehr nach dem 1. Januar zu sichern. Die Verteilung der neuen Währung an Banken und den Einzelhandel läuft schon seit Anfang Dezember. Nach Mitternacht am 1. Januar sollen rund 30 Prozent der 1510 öffentlichen Geldautomaten im Land Euro-Noten ausspucken können. Schon sechs Stunden später sollen 80 Prozent aller Geldautomaten umgerüstet sein. Um den erwarteten Ansturm auf das neue Geld reibungslos zu bewältigen, werden die slowenischen Banken am 1. und 2. Januar mindestens 42 ihrer Filialen für den Publikumsverkehr öffnen.

Während der ersten vierzehn Tage können die Slowenen ihre Einkäufe mit Euro oder mit Tolar bezahlen. Der Handel hat aber strikte Order, als Wechselgeld nur Euro herauszugeben. Tolar-Noten können noch drei Monate nach der Euro-Einführung bei den Banken kostenlos umgetauscht werden; danach nimmt nur noch die slowenische Notenbank das alte Geld zurück.

Angst vor Teuerungswelle

Trotz der nationalen Genugtuung über die Spitzenreiter-Position gibt es überall im Land spürbare Angst vor einer Teuerungswelle. Das böse Wort vom "Teuro", das die Freude über die europäische Währung auch in einigen der alten Euro-Staaten merklich gedämpft hatte, macht auch in Slowenien bereits die Runde. Obgleich im Interesse der Preistransparenz schon seit Januar 2006 alle Preise in Tolar und Euro ausgezeichnet werden mußten, sollen vor allem Preise für Dienstleistungen in den vergangenen Wochen merklich gestiegen sein. Die Post, so berichten slowenische Zeitungen, habe am kräftigsten zugeschlagen und etwa den Tarif für umgeleitete Zustellungen um 164 Prozent erhöht. Ein Kinogänger klagt, die Eintrittskarten seien schon um einen Euro teurer geworden.

Um zu vermeiden, daß sich dieser Eindruck verfestigt und das Image des Euro auf Dauer beschädigt, hat die Regierung die Wirtschaft des Landes ermahnt, die Euro-Einführung nicht zu ungerechtfertigten Preiserhöhungen zu nutzen. Die Handelskammer hat ihre Mitglieder aufgefordert, sich freiwillig zu einem Stillhaltepakt zu verpflichten. Während die Verbraucherverbände "schwarze Listen" anfertigen und Regelverletzer öffentlich anprangern wollen, sollen auch staatliche Inspektoren ausschwärmen, um "faires Preisverhalten" sicherzustellen.

Ob all diese Vorkehrungen ausreichen, um die Verwandlung des Euro zum "Teuro" zu verhindern, ist offen. Die Erfahrungen im alten Euro-Raum sprechen dagegen. Um so mehr bemühen sich Notenbank und Regierung, in den Medien, durch öffentliche Veranstaltungen und durch Postwurfsendungen die Öffentlichkeit von den Vorteilen der Euro-Einführung zu überzeugen. Als kleine offene Volkswirtschaft, die den größten Teil ihres Handels mit den Ländern des Euro-Raums abwickelt, werde Slowenien seine Transaktionskosten dank der Einführung des Euro deutlich vermindern, heißt es. Kinogängern und Restaurantbesuchern, die nach der Euro-Einführung wohl mehr Geld auf den Tisch blättern müssen, nutzt diese Aussage freilich wenig.

Quelle: F.A.Z., 29.12.2006, Nr. 302 / Seite 14
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Lebende Verfassung

Von Günther Nonnenmacher

Angela Merkel hat nach dem Rücktritt von Bundespräsident Wulff das unsinnige Geschwätz von einer „Staatskrise“ widerlegt. Wenn ein Repräsentant des Staates zurücktritt, dann mag er als Person „beschädigt“ sein, das Amt ist es nicht. Mehr 12 11

Umfrage

Wer soll Bundespräsident werden?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.