Home
http://www.faz.net/-gq4-nznt
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Silvio Berlusconi Meist kalkuliert

03.07.2003 ·  Berlusconi weiß für gewöhnlich, was er sagt und was er nicht sagen sollte. Deshalb ist es unwahrscheinlich, daß ihm der Satz mit dem Filmjob für den SPD-Abgeordneten Schulz ganz unbedacht "herausgerutscht" ist.

Von Heinz-Joachim Fischer, Rom
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

"Ich glaube, in meinem Leben gibt es nur Erfolge." Dieser Satz, gesprochen am Mittwoch im Europäischen Parlament in Straßburg vom italienischen Regierungschef und gegenwärtigen Präsidenten des Europäischen Rats, Silvio Berlusconi, in seiner Erwiderung auf Einwürfe der Abgeordneten, verdient mehr Beachtung als die polemische Auseinandersetzung mit dem SPD-Abgeordneten Schulz und ihre diplomatischen Folgen. In jedem Fall sagt er viel aus über Berlusconi - Positives für seine politischen Freunde, Negatives für seine Gegner.

Allerdings ist der Satz eine Übertreibung, in schöner italienischer Manier. Denn natürlich hat der knapp 67 Jahre alte Mailänder Unternehmer-Milliardär, seit Juni 2001 italienischer Ministerpräsident, auch Niederlagen erlitten. Sechs Jahre war er in der Opposition, nach dem Dezember 1994, als sein erstes, nur sieben Monate währendes Kabinett an der Justiz und der Lega Nord unter dem sprunghaften Maulhelden Bossi (nun Reformminister) scheiterte. Das hat ihn streng demokratische Regeln gelehrt, aber nicht seinen vitalen Optimismus, seine Fixierung auf Erfolg gebrochen, die er schon zur Optimierung seines Medienimperiums ("Mediaset") genutzt hatte.

Redegewandheit von Vorteil

Seine Gegner unterschätzen häufig, daß Berlusconi eine ganze Menge dafür tut, Erfolg zu haben. Dabei unterscheidet er in seinem Verhalten fast brutal - wie viele Erfolgreiche - zwischen drei Kategorien von wirtschaftlich oder politisch wichtigen Personen: Jene, die ohnehin aus verschiedenen Gründen für ihn sind, hält er bei seiner Stange; die zweiten, die ihm nützlich sein können, behandelt er mit gewinnender, unter Umständen auch finanziell aufwendiger Liebenswürdigkeit; die dritten, die als Konkurrenten oder "Kommunisten" - alle links von ihm - gegen ihn sind, bekämpft er, verschwendet weder Zeit noch Mühe darauf, um sie zu umwerben. Wie früh sich diese Begabung rührte, offenbart schon Berlusconis Jura-Examensarbeit an der Mailänder Universität: Sie handelte von Vertragsfragen in der Werbung.

Auf dem Weg von Erfolg zu Erfolg - zuerst als Bauunternehmer in Mailand, dann als Projektentwickler und schließlich, immer mit der Nase für aussichtsreiche Geschäftsfelder, als Medien-Boß für das sich entwickelnde Privatfernsehen - half ihm seine Redegewandheit. Auch die hatte er gewinnbringend schon als Student eingesetzt, als er sich als Conférencier und Verkaufsvertreter das Studium finanzierte und einen ersten Kapitalstock aufbaute. Dabei entwickelte Berlusconi vor unterhaltungsbegierigem oder kaufbereitem Publikum ein Gespür dafür, wie man falsche Worte vermeidet und statt dessen ausspricht, was die Leute gern hören.

Kalkulierte Provokation

Deshalb ist es unwahrscheinlich, daß Berlusconi der Satz mit dem Filmjob für den SPD-Abgeordneten Schulz ganz unbedacht "herausgerutscht" ist. Gewiß, Berlusconi kann heftig und zornig werden. Aber er handelt meist kalkuliert - nicht anders als Schulz, der politisch provozieren wollte, "aus der linken Ecke", mit überlegtem Einsatz. Berlusconi weiß für gewöhnlich, was er sagt und was er nicht sagen sollte.

Die gezielte Provokation ist eher seine Sache. Als Italiener jedoch haßt er jede Form von deutschem Überlegenheitsgehabe, die moralische besonders. Daß ihm der damalige Bundeskanzler Kohl etwa bei der Konferenz der G-7-Staaten 1994 in Neapel sein Gebaren des Neureichen übelnahm, verwunderte den italienischen Regierungschef. "Freut euch mit mir, was ich geschafft habe", will Berlusconi allen sagen.

Berlusconi ergrimmte in jüngster Zeit, daß er gerade von deutschen Medien - offenbar wegen der großen Akzeptanz von solcher Kritik beim Publikum - immer wieder moralisch belehrt wurde. Da hatte er sich dann zurechtgelegt, was der ehemalige italienische Staatspräsident Cossiga - der in der italienischen Öffentlichkeit eine gewisse Narrenfreiheit genießt - am Mittwoch als unmittelbare Reaktion auf den Eklat im Europäischen Parlament äußerte: "Die Deutschen mögen 100 Jahre lang still sein in moralischen Fragen!"

Unwürdiges Verhalten

Nicht, daß die Italiener einzelne Deutsche für die Nazi-Vergangenheit belangen wollten - aber die Stereotypen aus dem Dritten Reich, die Schlagworte KZ und SS, sitzen tief, werden von Zeit zu Zeit aufgefrischt und können bei Gelegenheit abgerufen werden. Das geschieht oft gerade dann, wenn ein Deutscher, noch dazu ein ausgewiesener Linker, sich in Wort und Gestus moralisch erhebt.

Die genüßliche Ironie, mit der Berlusconi den SPD-Abgeordneten abzufertigen suchte, ist die des italienischen Conferenciers - nicht furchtbar ernst zu nehmen, wohl aber des europäischen Ratspräsidenten unwürdig. Deshalb waren viele Italiener erschrocken, als sie sahen, wie ihr Ministerpräsident von seinen neuen Würden im Ausland Gebrauch machte. Zwar mag Berlusconi ein paar Pluspunkte gesammelt haben, weil er sich fremde Belehrung verbat. Die Italiener spürten aber auch, daß manch Theatralisches, das auf der römischen Bühne noch durchgeht, für die internationale Politik nicht reicht.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.07.2003, Nr. 152 / Seite 4
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Gehören

Von Timo Frasch

Die hiesigen Muslime hören auf, nur ein Teil Deutschlands zu sein, und fangen an, zu Deutschland zu gehören, wenn ihre Deutschkenntnisse gut genug sind, um zu erahnen, was Wulff, Gauck oder Söder mit ihren jüngsten Einlassungen zum Thema gemeint haben könnten. Mehr 11 20