17.04.2007 · Der EU-Industriekommissar bemängelt das Fehlen einer gemeinsamen europäischen Sicherheitspolitik. Nun plant Brüssel ein „weltweit bestes Angebot“ zur Erdbeobachtung - hoffentlich ohne Stolperfallen wie beim Galileo-Projekt.
Europa muss nach Ansicht von EU-Industriekommissar Günter Verheugen seinen Anspruch als Weltraummacht anmelden. Um politisch und wirtschaftlich mit den Großmächten mithalten zu können, dürfe sich die Europäische Union (EU) keine Abstinenz im Weltraum leisten, sagte Verheugen am Dienstag bei einer EU-Fachkonferenz in München.
Bei der Tagung sollte ein verbindlicher Fahrplan für den Aufbau einer eigenen „Globalen Umwelt- und Sicherheitsüberwachung“ (GMES) beschlossen werden. Dieses soll der EU einen unabhängigen Zugang zu Informationen über Umwelt, Klimawandel und Sicherheit sichern.
„Das weltweit beste Angebot“
„Mit diesem Projekt meldet sich Europa als eine Weltraummacht an“, sagte Verheugen. Das Erdbeobachtungsprogramm werde aus 30 Satelliten bestehen und ab 2014 voll funktionsfähig sein. Von jedem Punkt der Erde werde es in kürzester Zeit scharfe Bilder und Messdaten liefern und „das weltweit beste Angebot sein“, sagte er. Damit ließen sich zum Beispiel illegale Rodungen in Regenwäldern erkennen oder in einem afrikanischen Flüchtlingslager die Zahl der Hilfebedürftigen bestimmen. Die europäische Politik werde unabhängiger von fremden Informationen, und auch Forschung und Wirtschaft würden enorm profitieren.
Die Gesamtkosten von GMES bezifferte Verheugen auf 2,4 Milliarden Euro. Es vernetze das „Sammelsurium“ bestehender Systeme und schließe die Lücken, sagte Verheugen. In einem ersten Schritt würden drei Dienste zur Beobachtung der Landnutzung, für maritime Informationen und für Katastrophenfälle unter dem Dach von GMES zusammengeführt. Bis 2011 sollen fünf neue Satelliten in Umlaufbahnen gebracht und mit 25 bestehenden Satelliten und Messeinrichtungen am Boden, auf Schiffen und Bojen und in Flugzeugen vernetzt werden. Die EU-Kommission will den Entwurf am 24. April vorlegen.
Die erste und wichtigste Anwendung der europäischen Weltraumpolitik
„Europa braucht eine europäische Weltraumpolitik, wenn es seine wirtschaftliche und politische Zukunft sichern will“, sagte Verheugen und warnte vor „nationalen Eifersüchteleien“ und Stolperfallen wie beim Galileo-Projekt zur satellitengestützten Positionsbestimmung. „Wir laufen Gefahr, irrelevant im Weltraum zu werden“, sagte er. Nach wie vor gebe es keine wirkliche gemeinsame europäische Außen- und Sicherheitspolitik. Die EU könne aber kein Interesse an einer „strategischen Abhängigkeit“ haben und müsse notwendige Entscheidungen gestützt auf eigenes Wissen treffen.
Europa sei zwar Weltspitze etwa bei Satellitentechnik, sagte Verheugen. „Aber wir befinden uns in Wahrheit bereits in der Defensive.“ Die Vereinigten Staaten und Russland hätten 2006 eigene strategische Weltraumprogramme verabschiedet. China und Indien holten auf. Der technologische Vorsprung Europas betrage maximal noch zehn Jahre. „Dann werden China und Indien auch alles können, es aber um die Hälfte billiger machen.“ GMES sei die erste und wichtigste Anwendung der europäischen Weltraumpolitik, „mit der die EU den Anspruch erhebt, gleichberechtigt dabei zu sein, wenn es um die großen globalen Fragen geht“.
Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee forderte, „ohne langatmige Diskussionen“ einen langfristig stabilen Steuerungs- und Finanzierungsrahmen für GMES zu schaffen. Bisher fließen die Mittel aus dem EU-Haushalt und den nationalen Forschungsetats. GMES ist ein Kooperationsprojekt der EU mit der Europäischen Weltraumagentur ESA, in der auch Nicht-EU-Staaten mitarbeiten.