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Rumänien und Bulgarien treten EU bei Hier spricht man deutsch

Deutschland hat am Neujahrstag für sechs Monate die EU-Ratspräsidentschaft übernommen und die Union begrüßt 2007 zwei weitere Mitglieder. Allen Ängsten und Vorbehalten zum Trotz: Rumäniens und Bulgariens EU-Beitritt liegt ganz in unserem Interesse. Ein Kommentar von Oliver Hoischen.

© dpa Vergrößern Bukarest feiert den EU-Beitritt

Dracula, Straßenkinder, Ceausescu-Palast - wo immer die Rumänen hinkommen, die Klischees kleben ihnen wie Kaugummi unter den Füßen. Sogar die auf Kasachstan gemünzte Satire „Borat“, die jetzt in den Kinos läuft, zeigte in Wahrheit keine Kasachen, sondern dumme, dreckige, dickbäuchige Rumänen. Da können die Bulgaren fast froh sein, daß den meisten Europäern zu ihnen erst gar nichts einfällt - außer Paprika vielleicht. Oder hat sich schon mal jemand getraut, bulgarischen Wein zu kaufen? Den gibt es auch in unseren Supermärkten, im hintersten Regal. Wie der schmeckt? Korkig.

Kein Wunder also, daß der EU-Beitritt der beiden südosteuropäischen Länder zum Neujahrstag hierzulande bestenfalls auf gnädiges Desinteresse stößt. Nach einer Umfrage wollen 56 Prozent der Deutschen die Bulgaren nicht in der Union haben. Bei den Rumänen kommt es noch dicker: 64 Prozent der Deutschen wünschten sich, sie blieben besser draußen. Da kommt nicht nur ein allgemeines Unbehagen gegenüber dem Moloch EU zum Ausdruck. Vielmehr hat so mancher die Nase voll vom Balkan und seinen Völkerschaften - das ist mehr als allgemeine Erweiterungsmüdigkeit.

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Zunächst EU-Bürger zweiter Klasse

Und es stimmt ja: Rumänien und Bulgarien sind arm, gemessen an der Wirtschaftsleistung pro Kopf werden sie ganz am Ende der neuen EU-Rangliste stehen. Und sind die sprichwörtlichen polnischen Klempner schon billig, so werden es die balkanischen erst recht sein - in spätestens sieben Jahren werden auch sie bei uns arbeiten dürfen (und dann allerdings auch so manchem Häuslebauer die Kosten senken helfen).

Steinmeier in Bukarest © REUTERS Vergrößern Steinmeier feiert mit in Rumänien

Hat Brüssel zudem nicht selbst Bedenken an der sogenannten Beitrittsreife Bulgariens und Rumäniens? Korruption, Verbrechen, Securitate-Seilschaften - wie ein Mantra werden die Mängel wiederholt. Die strengsten jemals bei einer Erweiterung verhängten Schutzklauseln scheinen die Vorbehalte der Deutschen zu bestätigen. Dabei ist klar: Bulgaren und Rumänen sind zunächst EU-Bürger zweiter Klasse.

Historische Dimension

Auch die deutschen Politiker haben es versäumt, all diesen Ängsten entgegenzuwirken. Wenn es um die Ost-Erweiterung der EU geht, scheinen sie den Leuten lieber nach dem Mund zu reden als sie aufzuklären und ihnen die historische Dimension des Ereignisses klarmachen zu wollen. Dabei sollte gerade Deutschland Verständnis für das ungleiche balkanische Paar aufbringen. 1957, als die Römischen Verträge unterzeichnet wurden, war auch bei uns eine Zeitenwende erst wenige Jahre vorbei. Und die Ostdeutschen haben noch in Erinnerung, was es heißt, nach Mißwirtschaft und Diktatur nach Europa heimzukehren. Denn so empfinden Rumänen und Bulgaren den EU-Beitritt: als Korrektur historischer Ungerechtigkeit.

Beide Staaten sind zu groß, als daß man sie in Zukunft wird ignorieren können: Rumänien hat 22, Bulgarien fast acht Millionen Einwohner - für den Exportweltmeister Deutschland ein wichtiger Markt. Die Unternehmer haben das schon verstanden, der Wert der deutschen Exporte stieg allein nach Rumänien im dritten Quartal dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 33,2 Prozent auf 1,9 Milliarden Euro. Vom Wirtschaftswachstum in diesen Ländern profitieren wir besonders.

Auch Außenminister Steinmeier wies darauf hin, als er am Silvesterabend in Bukarest feierte und am Neujahrstag in Sofia. Er lobte dort den gewaltigen Reformschub, den beide Länder hinter sich haben. Und erinnerte mit Recht daran erinnern, daß Europa nun noch sicherer geworden ist: Gerade die unruhigste Gegend dieses Kontinents, die Staaten des sogenannten Westbalkans, werden durch den Beitritt ihrer Nachbarn ermutigt - die Perspektive eines EU-Beitritts spornt auch sie an. Und es war ja vor allem Deutschland, das unter den blutigen Konflikten dort gelitten hat, das nicht nur Soldaten schickte, sondern auch Hunderttausende Flüchtlinge aufnahm.

„Preußen des Balkans“

Hierzulande wird oft nicht verstanden, mit welchen Hoffnungen viele Menschen in Südosteuropa auf das große Land nördlich der Alpen schauen, ganz gleich, ob sie bei uns Hilfe, Arbeit oder eine Ausbildung suchen. Nur ein Beispiel: Rund 12.000 bulgarische Studenten gehen auf deutsche Universitäten, mehr als in jedem anderen Land. Nach dem Englischen erfreut sich das Deutsche südlich der Donau größter Beliebtheit - da muß man nicht einmal wohlwollend mit den Augen zwinkern, um die Bulgaren als die „Preußen des Balkans“ zu titulieren.

Ähnliches gilt für Rumänien: Viele Gastarbeiter haben nicht nur Geld, sondern auch die westliche Mentalität nach Hause gebracht. Über Jahrhunderte sind enge kulturelle Bindungen gewachsen: Die deutsche Minderheit in Siebenbürgen und im Banat wird bewundert. In Hermannstadt, der europäischen Kulturhauptstadt 2007, schafft der deutsche Bürgermeister Johannis ein kleines Wirtschaftswunder nach dem anderen, die Leute bringen ihm großes Vertrauen entgegen. Mit alter k. u. k. Seligkeit oder Deutschtümelei hat die Freude darüber wenig zu tun - sondern mit Eigeninteresse.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

 
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Veröffentlicht: 01.01.2007, 11:42 Uhr

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