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„Politico“ startet in Europa : Juncker leidet - die Elite soll lesen

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Wollen auch in Brüssel zur ersten Anlaufstelle für Insider werden: die „Politico“-Chefs John Harris (links) und Jim VandeHei, hier an einer Veranstaltung vom Dezember 2014. Bild: dpa

In Washington ist das Online-Portal „Politico“ längst ein Leitmedium der amerikanischen Politikszene. Nun nehmen sich die Macher den europäischen Markt vor. Am Dienstag ist der „Politico“-Ableger in Brüssel gestartet. Mit einem unerwarteten Bekenntnis des EU-Kommissionspräsidenten.

          In der Nacht zum Dienstag ist der europäische Ableger der amerikanischen Nachrichtenorganisation „Politico“ online gegangen. Gestartet ist Politico.eu mit einem Interview mit dem EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker, in dem dieser einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone „zu 100 Prozent“ ausschloss. In einem separaten Artikel äußert sich Juncker offen über seine gesundheitlichen Probleme: Er leide unter Nierensteinen, die ihm starke Schmerzen bereiteten („Es ist schlimmer, als ein Kind zu gebären“).

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          Die weiteren Artikel sind dann wieder konventioneller Art: ein Porträt über Marion Maréchal-Le Pen, die Politikerin des französischen Front National, ein Beitrag über die Folgen der deutschen Sparpolitik für Europa („Vorsicht vor Deutschland“), die Flüchtlingskrise auf dem Mittelmeer oder der Streit der EU mit Google.

          Die politische Agenda bestimmen

          Die Mischung zeigt, was „Politico“ nach eigenem Bekunden bieten will: eine ernsthafte und originelle Berichterstattung über europäische Politik, die aber „nicht langweilig“ sei, wie John Harris, Chefredakteur der amerikanischen Ausgabe, gegenüber der Nachrichtenagentur dpa sagte. Es solle Spaß machen, „Politico“ zu lesen. Der Brüsseler Ableger der Plattform richtet sich, wie das Original in Washington, bewusst an ein politisches und wirtschaftliches Fachpublikum – an Insider. Schwerpunkte sind vorerst die Bereiche Energie, Technologie und Gesundheit.

          Publizistisch wollen die Verantwortlichen schaffen, was ihnen in Washington bereits gelungen ist: Häufig bestimmt „Politico“ dort die politische Agenda und hat die Geschichten, über die sich die Lobbyisten, Stabsmitarbeiter und Journalisten in den Bars und Treffpunkten der Szene unterhalten. Stemmen sollen dies zunächst knapp 40 Journalisten, nicht nur in Brüssel, sondern auch in London, Paris und Berlin. Möglichst bald sollen Journalisten im für Finanzthemen wichtigen Frankfurt hinzukommen. Inklusive nicht-journalistischen Mitarbeitern sollen es bis Jahresende ungefähr 120 sein. Längerfristig sind laut Harris auch Ausgaben in anderen Sprachen angedacht.

          Mit „einigen Dutzend Geschichten“ will die neue Online-Ausgabe starten, sagt Harris. Sechs Spitzenartikel soll es jeden Tag geben, rund um Personalien und Klatsch (“Wer ist obenauf? Wer liegt am Boden? Wer bekommt diese Stelle?“), konkrete Gesetzesvorhaben oder andere politische Entscheidungen, aber auch die große Europapolitik. Erster Chefredakteur der europäischen Ausgabe ist Matt Kaminski, der vom „Wall Street Journal“ zu „Politico“ gestoßen ist.

          Finanzieren soll sich das Projekt durch Werbung und Abonnenten des kostenpflichtigen Dienstes „Politico Pro“. Neben der frei zugänglichen Online-Ausgabe sind Informationen per E-Mail geplant sowie eine kostenlose wöchentliche Druckausgabe. Vorbild soll das Preismodell der amerikanischen Ausgabe sein, mit Jahresabonnements von einigen Tausend bis zu mehreren Hunderttausend Dollar pro Jahr für große Abonnenten. Eine Ausgangsbasis hat sich das Magazin mit dem Kauf des Brüsseler Fachblattes „European Voice“ geschaffen. Dessen Kundenstamm kann man so übernehmen – und dabei gleich einen Konkurrenten ausschalten. Mitgetragen wird das europäische „Politico“ vom deutschen Axel-Springer-Verlag.

          Auf dem Weg zum „digitalen Leitmedium“?

          Dessen Vertreter Ralph Büchi (Präsident Springer International) sieht „Politico“ auch als Blaupause für Journalismus jenseits der gedruckten Zeitung. „Sie haben es geschafft, als digitales Medium innerhalb weniger Jahre zum Leitmedium des politischen Journalismus zu werden - gegen sehr starke eingesessene Konkurrenten, gegen die „Washington Post“, gegen die „New York Times“, gegen das „Wall Street Journal““, sagt Büchi.

          Am Donnerstag soll gleichwohl auch die erste gedruckte „Politico“-Ausgabe mit fast 30.000 Exemplaren erscheinen. Zur Auftaktveranstaltung in Brüssel sind unter anderem EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg und EU-Ratspräsident Donald Tusk angekündigt.

          Die Veranstaltung wird auch von Google unterstützt. Die EU-Kommission droht dem Unternehmen wegen mutmaßlicher Behinderung der Konkurrenz mit einer Milliardenstrafe.

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