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„Orthodoxe Volksbewegung“ : Homophob, antisemitisch, mächtig

George Karatzaferis: Unübertroffener Antisemitismus Bild: dpa

Die kleine, radikale Partei Laos regiert in Griechenland mit. Die Zeit der Zweiparteiendemokratie geht damit zu Ende. Laos könnte zum unverzichtbaren Mehrheitsbeschaffer werden.

          Für die kleinste der drei Parteien, die nun für eine Übergangszeit in Athen regieren werden, ist die Beteiligung an der Macht etwas Neues. Im Gegensatz zu Giorgios Papandreous „Panhellenischer Sozialistischer Bewegung“, der Pasok, und der „Nea Dimokratia“ von Antonis Samaras kannte die „Orthodoxe Volksbewegung“ (Laos) des Giorgios Karatzaferis die griechische Politik bisher nur aus dem Blickwinkel der Opposition.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Seit Freitag stellt die Partei nun erstmals ein Regierungsmitglied: Makis Voridis, den Verkehrsminister. Der 1964 geborene Politiker gilt als intelligent und reaktionär. Er trat in den achtziger Jahren als Sympathisant der längst gestürzten Militärjunta auf, bevor er sich als talentierter Nachwuchsradikaler „Laos“ anschloss. Dort hat allerdings nicht Voridis, sondern Parteichef Karatzaferis das Sagen - und bald womöglich nicht mehr nur dort. Denn die Zeit der Zweiparteiendemokratie in Griechenland geht zu Ende, und Laos könnte zum unverzichtbaren Mehrheitsbeschaffer werden.

          Geschmackloses Posieren

          Karatzaferis’ Antisemitismus ist zumindest unter den etablierten Kräften der griechischen Politik unübertroffen. Unvergessen ist sein Vorstoß nach den Anschlägen auf das World Trade Center 2001, als er, damals ein unbedeutender Abgeordneter, vom griechischen Außenministerium forderte, die Frage zu klären, warum bei den Angriffen vom 11. September keine Juden ums Leben gekommen seien. Die aus der übelsten antisemitischen Ecke stammende Behauptung, der israelische Geheimdienst habe alle Juden vor einem Betreten der Gebäude gewarnt, glaubte der eloquente und intelligente Karatzaferis sicher nicht - aber er wusste, dass die Geschichte bei seiner Klientel gut ankommen würde.

          Im Mai 2002 setzte er sich dann auf ähnlich geschmacklose Weise in Pose: Erstens, so Karatzaferis, sei er kein Jude, zweitens kein Kommunist und drittens kein Homosexueller, und das könnten „nur wenige von sich sagen“. Karatzaferis trat auch als Verleger einer griechischen Übersetzung der „Protokolle der Weisen von Zion“ auf und gab in seinem eigenen Fernsehsender, von dem aus er sich nahezu täglich an das Volk wendet, antisemitische Tiraden von sich. Kommunisten und Homosexuelle mag Karatzaferis immer noch nicht, doch zumindest der Staat Israel gefällt ihm immer besser, je tiefer der israelisch-türkische Graben wird. Denn Türken, auch antikommunistische und heterosexuelle, verabscheut Karatzaferis mehr als Juden. „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“, rechtfertigte der Laos-Chef seine zuletzt freundlichen Worte über Israel. Derselbe Wahlspruch liegt Karatzaferis’ Werben für enge Beziehungen Griechenlands zu Armenien zugrunde.

          Von der Splitterpartei zum Machtfaktor

          Stimmen brachten der Partei, die 16 von 300 Abgeordneten des Parlaments in Athen stellt, aber andere Kampagnen. Unter anderem hat Karatzaferis früher als Pasok und ND den Verfall ganzer Stadtteile Athens als Thema entdeckt. In manchen Gegenden der Viermillionenmetropole sind schon lange vor der Krise ganze Straßenzüge zu Gettos für Flüchtlinge und Migranten geworden, die auf ihrem Weg nach Nordwesteuropa in Griechenland hängengeblieben waren. Laos tritt für eine Verschärfung der griechischen Ausländerpolitik ein. Bei höchstens fünf Prozent soll die Quote an Nicht-EU-Ausländern liegen, alle Übrigen sollen abgeschoben werden, lautet ihr Vorschlag. Doch weiß Karatzaferis, dass harte oder schmutzige Arbeiten in Griechenland fast nur noch von Ausländern erledigt werden und die Landwirtschaft ohne Erntehelfer aus Albanien oder Bangladesch nicht mehr zurechtkäme.

          Weil selbst Albaner oder Südasiaten nicht für Drachmen arbeiten wollen, zeigte Karatzaferis in der Krise ein anderes Gesicht: das des Patrioten. Im Mai 2010, bei der Abstimmung über die bis dahin härtesten Sparmaßnahmen der griechischen Geschichte, stimmte Laos als einzige Oppositionspartei für die Reformen. Karatzaferis wurde deshalb von Samaras heftig attackiert. Doch er verteidigte seine Haltung: Es habe nun einmal keine andere Möglichkeit gegeben, um das Land vor dem Bankrott zu bewahren, entgegnete er dem ND-Chef.

          Bis zum Jahr 2000 war Karatzaferis selbst ein Politiker der ND, dann schied er im Streit und gründete Laos. Die einstige Splitterpartei ist inzwischen ein Machtfaktor in Athen. Sollte Samaras 2012 Ministerpräsident werden wollen, wird er dazu auf die Stimmen ihrer Abgeordneten angewiesen sein. Bis dahin werden aber womöglich noch ganz andere Parteien um die Gunst des Giorgios Karatzaferis werben.

          Quelle: F.A.Z.

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