Home
http://www.faz.net/-gpf-744la
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Neues Sparpaket für Griechenland Das Summen der Summen

In dieser Woche soll das griechische Parlament über ein neues Sparpaket abstimmen. Die Mehrheit ist nicht sicher. Durch Athen geistern derweilen Kohorten von Zahlen, die einander widersprechen.

© dpa Und täglich... verlässt Finanzminister Stournaras das Amt des Ministerpräsidenten.

Wenn es stimmt, dass es im Auge eines Sturms ruhig ist, dann kann Griechenland unmöglich das Zentrum dieser Krise sein. Die Hauptstadt der Griechen brodelt, es herrscht der Lärm großer Zeiten. Fast täglich ziehen Demonstranten durch die Innenstadt, hallen die skandierten Losungen der Einpeitscher mit ihren Megafonen durch die Straßen. Mal sind es Tausende, mal nur wenige Dutzend, die ihren Unmut in die Welt tragen: Krankenschwestern, Busfahrer, Lehrer, Apotheker, Rentner, all das verängstigte Personal aus einer abgesetzten Zeit, in der Wünschen noch geholfen hat.

Michael Martens Folgen:

Seit Monaten liegt eine allgemeine Unruhe über der Stadt. Das Unstete, Unvorhersehbare schimmert durch jedes Gespräch, schreit dutzendfach aus den Überschriften der Zeitungen, die mit Wäscheklammern an Drähten unter den Dächern der Kioske befestigt sind. Jeder, der noch Arbeit hat, kennt viele, die sie bereits verloren haben. Es herrscht Angst, niemand traut dem nächsten Tag.Und außerdem ist da noch dieses ständige Surren und Summen. Es ist das Surren der Zahlen, das Summen der apodiktisch vorgetragenen Behauptungen, der angeblich statistisch gesicherten Gewissheiten.

Der ehemalige Minister, der Diplomat, der Banker, der oppositionelle Parlamentsabgeordnete, die Sprecher von Parteien und Ministerien, Troika-Unterhändler, Geschäftsleute, Anlageberater, Rechtsanwälte, Steuerfahnder, Demoskopen, auch der Finanzbeamte, der Professor der volkswirtschaftlichen Fakultät, der investigative Journalist und der auf Anonymität bedachte „westliche Beobachter“ - alle wissen es ganz genau. Und jeder von ihnen weiß etwas ganz anders. Es wimmelt von Zahlen, die angeblich dieses beweisen und jenes entkräften. Lauter vermeintlich unumstößliche Wahrheiten, doch hinter tausend Wahrheiten keine Welt.

Essenz aus zwei Dutzend Interviews

Die Essenz aus zwei Dutzend Interviews in einer Woche Athen klingt so: „Bis Ende 2012 müssen 5000 Staatsbedienstete entlassen werden, 2013 dann pro Quartal je 5000, sonst werden die Sparziele definitiv verfehlt“. - „Insgesamt 11000 griechische Beamte sind Gegenstand eines Disziplinarverfahrens, es müssen aber bis Jahresende mindestens 15000 entlassen werden, um die Vorgaben zu erreichen.“ - „Bis 2015 müssen 150000 Beamte entlassen werden, andernfalls geht die Rechnung nicht auf.“

„Entlassungen sind nicht nötig, denn allein 18 Milliarden Euro können durch eine Reorganisation des Staates und die Fusion von Behörden gespart werden.“ - „Ohne Kürzung der Primärausgaben um neun Milliarden Euro ist die Lage aussichtslos.“ - „Eine Kürzung der Primärausgaben um neun Milliarden Euro würde den endgültigen Absturz der Wirtschaft bedeuten.“ - „Fast 85 Prozent der Personalkosten des Staates fallen in nur vier Ministerien an. Hier muss man ansetzen.“ - „Auf dem Peloponnes gibt es 17 Krankenhäuser in einer Entfernung von nur zehn Minuten.“ - „Wenn Griechenlands Freiberufler im Schnitt ein Jahreseinkommen von 35000 Euro angäben, hätte das Land kein Primärdefizit.“

„Die Freiberufler sind nicht das Problem, sondern die Finanzbehörden.“ - „Die Freiberufler sind das Problem. 1,2 Millionen lohnabhängige Griechen zahlen acht Milliarden Euro Steuern im Jahr, aber 1,8 Millionen Freiberufler zahlen nur 3,5 Milliarden.“ - „Das Defizit kann nur durch eine Privatisierung der Steuerfahndung bekämpft werden.“ - „Privatisierungen in der Rezession sind der falsche Weg.“ - „Durch eine Reduzierung der Zahl der Beamten um die Hälfte würde der Staat besser funktionieren und Griechenland müsste sich keinen Cent mehr leihen.“ - „Die Zahl der Richter an griechischen Verwaltungsgerichten müsste dringend um 50 Prozent erhöht werden.“ - „Die Wurzel allen Übels ist Artikel 107 der Verfassung.“

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Schuldenkrise EZB gewährt griechischen Banken noch mehr Notkredite

Aus Angst vor einer Staatspleite holen immer mehr Griechen ihr Geld von den Konten. Nun hebt die EZB abermals den Kreditrahmen für griechische Banken an – aber nur für einen Tag. Mehr

22.06.2015, 06:39 Uhr | Wirtschaft
Griechenland Athen zahlt Kreditrate

Griechenland hat einen Kredit an den Internationalen Währungsfonds fristgerecht zurückgezahlt, ringt mit den Euro-Partnern aber weiter um die Auszahlung dringend benötigter Finanzmittel. Nun soll die griechische Regierung ihre Reformpläne laut Vertretern der Euro-Zone spätestens bis zum 21. April so überarbeiten, dass die Euro-Finanzminister wenige Tage darauf darüber abstimmen können. Mehr

13.04.2015, 10:47 Uhr | Politik
Schelte von Ökonomen Es ist ja nicht Washingtons Geld

In der Griechenland-Debatte prügeln Amerikas Ökonomen gnadenlos auf die Deutschen ein. Dafür gibt es kulturelle Gründe – und ganz praktische. Mehr Von Winand von Petersdorff

02.07.2015, 15:40 Uhr | Wirtschaft
Nach Treffen mit IWF-Chefin Varoufakis verspricht Kredit-Rückzahlung

Der griechische Finanzminister Giannis Varoufakis hat zugesagt, dass Griechenland alle vereinbarten Auflagen gegenüber seinen Gläubigern unbegrenzt einhalte. Derzeit ringen Gläubiger und die Regierung in Athen um die Auszahlung der letzten Kreditrate des auslaufenden Hilfsprogramms in Höhe von 7,2 Milliarden Euro. Mehr

06.04.2015, 10:26 Uhr | Politik
Schuldenkrise Griechenland will seine IWF-Rate nicht bezahlen

Am Dienstag müsste Griechenland dem Internationalen Währungsfonds eine Kreditrate von 1,6 Milliarden Dollar überweisen. Doch nach Angaben eines Regierungsvertreters wird das Land nicht zahlen. Mehr

29.06.2015, 20:37 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 04.11.2012, 18:58 Uhr

Signal an Moskau

Von Rainer Blasius

Den Krieg in der Ukraine und Putins Kraftmeiereien kann der Westen nicht einfach hinnehmen. Kleine Manöver sollen der Kreml-Führung zeigen, dass die Freiheit der Ukraine von größtem Interesse ist. Mehr 0