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Marseille : Stadt des Verbrechens

Der Norden von Marseille: In der Tristesse gedeiht die Kriminalität Bild: REUTERS

Frankreich blickt ratlos auf den Anstieg der Kriminalität in Marseille: Zum größten Arbeitgeber der Jungen ist der Rauschgifthandel geworden. Das schlechte soziale Klima, ständige Streiks und die niedrige Arbeitsmoral führen dazu, dass sogar der Hafen stetig Marktanteile verliert.

          Im kommenden Jahr will sich Marseille im Glanz einer europäischen Kulturhauptstadt zeigen. In der Gegenwart macht die zweitgrößte Stadt Frankreichs aber mehr als Kapitale des Verbrechens von sich reden. Die Gewalt in der Mittelmeermetropole hat solche Ausmaße erreicht, dass Lokalpolitiker nach der Armee rufen. Die Kriminalitätsstatistik zeigt einen sprunghaften Anstieg der bewaffneten Überfälle und der Diebstähle mit Gewaltanwendung.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Ganze Wohnviertel im Norden von Marseille sind dabei, in eine Parallelwirtschaft abzudriften, die von Drogenmafias und Waffenhändlern beherrscht wird. Bandenkriege im „Milieu“ haben seit Jahresbeginn mehr als 20 Todesopfer gefordert. Premierminister Jean-Marc Ayrault hat deshalb einen „globalen Aktionsplan“ für Marseille verkündet und das Schicksal der Stadt zum „nationalen Interesse Frankreichs“ erhoben. Der sozialistische Regierungschef versprach „ein Ende der Trägheit“.

          Mehr Polizisten, mehr Videoüberwachung

          Das klang, als habe die Vorgängerregierung nicht versucht, die Sicherheit in der Stadt zu verbessern. Dabei hatte Präsident Sarkozy genau jene Instrumente ausprobiert, die die Regierung Ayrault gerade wieder vorschlägt: mehr Polizisten und Gendarmen, mehr Videoüberwachung, die Einrichtung von Sondersicherheitszonen und einen neuen Polizeipräfekten. Drei Polizeipräfekten hatte Sarkozy verschlissen - ohne positive Auswirkungen auf die Kriminalitätsstatistik. „Ich bin weder der Erlöser noch Jesus Christus. Ich kann nicht allein die Schwierigkeiten einer verarmten Stadt lösen, die unter 50 Jahren Einwanderung und einer Banditentradition leidet“, bilanzierte Gilles Leclair, einer der abgesetzten Polizeipräfekten. Ein neuer Mann soll es richten, von Jean-Marc Ayrault persönlich ausgewählt. „Wir werden nicht kapitulieren“, sagte Justizministerin Taubira bei der feierlichen Einsetzung des Präfekten Jean-Paul Bonnetain diese Woche.

          Soziologen und Wirtschaftshistoriker bezweifeln, dass eine Sicherheitsoffensive die Probleme der Stadt lösen kann. Wenn die Polizei zehn Drogendealer festnimmt, rücken sofort zehn andere lungernde junge Leute aus den Sozialbausiedlungen nach. „Wir müssen aufhören zu glauben, dass die Kriminalität vom Himmel fällt“, sagt der Soziologe Laurent Mucchielli, der die Zusammenhänge zwischen Einwanderung und Kriminalität erforscht. Die im Norden gelegenen Stadtviertel, in denen die soziale Verwahrlosung besonders fortgeschritten ist, sind die Kriminalitätshochburgen von Marseille. Die Schauplätze der meisten Gewaltverbrechen sind deckungsgleich mit den sozialen Brennpunkten, die der Jahresbericht des „kommunalen Sozialzentrums“ aufführt.

          „Der Rauschgifthandel ist heute der größte Arbeitgeber“

          Im nördlichen XV. Arrondissement von Marseille beträgt die Arbeitslosenrate 26,8 Prozent, im südlichen VII. Arrondissement nur 9,9 Prozent. Die Zahl der Sozialhilfeempfänger (“RMI“) ist im Nordteil um das Achtfache höher als im Süden. 68 Prozent der Haushalte im VIII. Arrondissement entrichten Lohnsteuer, im XV. Arrondissement aber gerade 39 Prozent. In der im Norden gelegenen Sozialbausiedlung „Cité de la Castellane“ ist jeder zweite junge Franzose zwischen 18 und 24 Jahren arbeitslos gemeldet. 66 Prozent der Castellane-Bewohner zwischen 15 und 29 Jahren haben das Schulsystem ohne Abschluss verlassen.

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