Im kommenden Jahr will sich Marseille im Glanz einer europäischen Kulturhauptstadt zeigen. In der Gegenwart macht die zweitgrößte Stadt Frankreichs aber mehr als Kapitale des Verbrechens von sich reden. Die Gewalt in der Mittelmeermetropole hat solche Ausmaße erreicht, dass Lokalpolitiker nach der Armee rufen. Die Kriminalitätsstatistik zeigt einen sprunghaften Anstieg der bewaffneten Überfälle und der Diebstähle mit Gewaltanwendung.
Ganze Wohnviertel im Norden von Marseille sind dabei, in eine Parallelwirtschaft abzudriften, die von Drogenmafias und Waffenhändlern beherrscht wird. Bandenkriege im „Milieu“ haben seit Jahresbeginn mehr als 20 Todesopfer gefordert. Premierminister Jean-Marc Ayrault hat deshalb einen „globalen Aktionsplan“ für Marseille verkündet und das Schicksal der Stadt zum „nationalen Interesse Frankreichs“ erhoben. Der sozialistische Regierungschef versprach „ein Ende der Trägheit“.
Mehr Polizisten, mehr Videoüberwachung
Das klang, als habe die Vorgängerregierung nicht versucht, die Sicherheit in der Stadt zu verbessern. Dabei hatte Präsident Sarkozy genau jene Instrumente ausprobiert, die die Regierung Ayrault gerade wieder vorschlägt: mehr Polizisten und Gendarmen, mehr Videoüberwachung, die Einrichtung von Sondersicherheitszonen und einen neuen Polizeipräfekten. Drei Polizeipräfekten hatte Sarkozy verschlissen - ohne positive Auswirkungen auf die Kriminalitätsstatistik. „Ich bin weder der Erlöser noch Jesus Christus. Ich kann nicht allein die Schwierigkeiten einer verarmten Stadt lösen, die unter 50 Jahren Einwanderung und einer Banditentradition leidet“, bilanzierte Gilles Leclair, einer der abgesetzten Polizeipräfekten. Ein neuer Mann soll es richten, von Jean-Marc Ayrault persönlich ausgewählt. „Wir werden nicht kapitulieren“, sagte Justizministerin Taubira bei der feierlichen Einsetzung des Präfekten Jean-Paul Bonnetain diese Woche.
Soziologen und Wirtschaftshistoriker bezweifeln, dass eine Sicherheitsoffensive die Probleme der Stadt lösen kann. Wenn die Polizei zehn Drogendealer festnimmt, rücken sofort zehn andere lungernde junge Leute aus den Sozialbausiedlungen nach. „Wir müssen aufhören zu glauben, dass die Kriminalität vom Himmel fällt“, sagt der Soziologe Laurent Mucchielli, der die Zusammenhänge zwischen Einwanderung und Kriminalität erforscht. Die im Norden gelegenen Stadtviertel, in denen die soziale Verwahrlosung besonders fortgeschritten ist, sind die Kriminalitätshochburgen von Marseille. Die Schauplätze der meisten Gewaltverbrechen sind deckungsgleich mit den sozialen Brennpunkten, die der Jahresbericht des „kommunalen Sozialzentrums“ aufführt.
„Der Rauschgifthandel ist heute der größte Arbeitgeber“
Im nördlichen XV. Arrondissement von Marseille beträgt die Arbeitslosenrate 26,8 Prozent, im südlichen VII. Arrondissement nur 9,9 Prozent. Die Zahl der Sozialhilfeempfänger (“RMI“) ist im Nordteil um das Achtfache höher als im Süden. 68 Prozent der Haushalte im VIII. Arrondissement entrichten Lohnsteuer, im XV. Arrondissement aber gerade 39 Prozent. In der im Norden gelegenen Sozialbausiedlung „Cité de la Castellane“ ist jeder zweite junge Franzose zwischen 18 und 24 Jahren arbeitslos gemeldet. 66 Prozent der Castellane-Bewohner zwischen 15 und 29 Jahren haben das Schulsystem ohne Abschluss verlassen.
„Der Rauschgifthandel ist heute der größte Arbeitgeber der Jungen in diesen Vierteln im Norden von Marseille und ernährt indirekt ganze Familien“, klagt die sozialistische Senatorin Samia Ghali, die den Einsatz der Armee in den „von allen staatlichen Akteuren aufgegebenen Vierteln“ gefordert hat. Im Norden der Stadt ist der Anteil der Bewohner afrikanischer oder arabischer Herkunft besonders hoch. Wie hoch, weiß selbst der Historiker Jean-Jacques Jordi nicht, der sich auf Marseilles Migrationsgeschichte spezialisiert hat. „Sagen wir so: Es fällt dort einer aus Paris mehr auf als einer, der aus Algerien stammt“, sagt Jordi. In Frankreich verstößt es gegen das Gesetz, die Rasse, Religion oder Herkunft eines Bürgers amtlich zu erfassen. Deshalb kennen die politisch Verantwortlichen in Marseille den Migrantenanteil in ihrer Stadt nicht.
Neufranzosen bleiben unter sich
Die Schwierigkeiten Marseilles entspringen einem zweifachen Strukturwandel. So gehen die rapide De-Industrialisierung und das Verschwinden unqualifizierter Arbeitsplätze einher mit einer veränderten Form der Einwanderung. Der Historiker Yvan Gastaut weist darauf hin, dass in der Vergangenheit Marseille als ein bedeutender Industriestandort, der sich um den Hafen entwickelte, sukzessive Einwanderungswellen - von Italienern, Armeniern, Nordafrikanern, Komoranern - bewältigt hat. Die Hafenstadt mit den Fabriken für Seife und Zucker, mit den Industrien für Chemie und Stahlbau sowie den Raffinerien wurde zu einem Schmelztiegel. Dabei seien etwa die aus Italien stammenden Neufranzosen „unter sich“ geblieben, so der Historiker.
Für das soziale System, das Einwanderer in ihrer neuen Heimat aufbauten, sei die Herkunft entscheidend gewesen, beobachtet der Historiker Gastaut. Funktioniert habe das Netzwerk der Solidarität, eine Form von Vetternwirtschaft, solange es sich um große, relativ kohärente Einwanderungsgruppen gehandelt habe. „Das Profil der Einwanderer hat sich aber verändert. Immer mehr kommen marginale, versprengte Familien ohne Kontakte an“, beobachtete Gilles Boetsch, ein Historiker an der Mittelmeer-Universität von Marseille.
Vor allem fehlt ein dynamischer Arbeitsmarkt, der auch gering qualifizierten Arbeitsuchenden eine Chance bietet. Der Niedergang des Handelshafens von Marseille ist symptomatisch für den wirtschaftlichen Verfall der Stadt. Eigentlich hätte Marseille geographisch die besten Voraussetzungen, Drehscheibe des Mittelmeerraums zu sein. Das schlechte soziale Klima, ständige Streiks und die niedrige Arbeitsmoral führen jedoch dazu, dass der Hafen stetig Marktanteile verliert. Die staatliche Hafengesellschaft hat die Entwicklung des Containergeschäfts schlicht verschlafen.
Erst Sarkozy setzte nach harten, teils gewalttätigen Arbeitskämpfen 2008 eine Teilprivatisierung durch. Wie so oft in Marseille ist auch dieser Anlauf für Veränderungen auf halbem Weg steckengeblieben. Die Macht der Gewerkschaftsführer ist ungebrochen. „Der Wandel wird Zeit brauchen. Marseille wird sich nicht von heute auf morgen verändern“, sagt Premierminister Ayrault. Verändern aber muss sich die Stadt, will sie eine europäische Kulturhauptstadt sein.
Hoffnungslos
Chris Deister (Unke)
- 29.09.2012, 16:01 Uhr
Einfaches Prinzip
Karl Meier (KarlMeier)
- 29.09.2012, 14:00 Uhr
wir müssen uns nur mehr anstrengen!
Helene Schmidt (scampolo)
- 29.09.2012, 11:23 Uhr
Wie kann es sein, daß die Kriminalität mit "50 Jahre
Einwanderung " in Zusammenhang gebracht wird?
Gabi Heintz (Kolma_Puschi)
- 27.09.2012, 16:34 Uhr
Integration
Kurt Derix (DonDerix)
- 27.09.2012, 15:27 Uhr