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Lech Kaczynski Wir müssen unsere Identität wahren

01.03.2007 ·  Die Integration Europas steht für den Erfolg unseres Kontinents. Der Grundsatz der Solidarität als Basis der gegenseitigen Zusammenarbeit ist an die Stelle der alten Rivalitäten, der Fremdherrschaft und der Kriege zwischen europäischen Staaten getreten.

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Die Integration Europas steht für den Erfolg unseres Kontinents. Der Grundsatz der Solidarität als Basis der gegenseitigen Zusammenarbeit ist an die Stelle der alten Rivalitäten, der Fremdherrschaft und der Kriege zwischen europäischen Staaten getreten. Das alles ist vor dem Hintergrund der europäischen Geschichte ein beispielloser Fortschritt und eine große Errungenschaft. Für Polen, dessen Vergangenheit von Freiheitskampf und Widerstand gegen Fremdherrschaft geprägt war, ist dieser neue Typus der friedlichen Zusammenarbeit unschätzbar wertvoll.

Als im März 1957 die Römischen Verträge unterzeichnet wurden, saßen die Vertreter Polens nicht mit am Tisch. Sie fehlten, obwohl schon in der Zwischenkriegszeit und später in der Emigration polnische Politiker sich für die Verwirklichung des europäischen Projekts eingesetzt hatten. Es genügt hier, an den Plan General Sikorskis zu erinnern, der schon 1942 versucht hatte, die Staaten Ost- und Mitteleuropas in einem System enger Kooperation zusammenzuschließen. Dennoch musste Polen sich den Weg zu dem Platz, der ihm schon vor 50 Jahren an der Seite Frankreichs, Deutschlands, der Beneluxländer und Italiens gebührt hätte, erst danach in einem jahrzehntelangen Ringen freikämpfen. Die Freiheitsbewegungen in unserem Teil des Kontinents machten es schließlich möglich, die unnatürliche Teilung Europas zu überwinden. Ohne Beispiel war dabei die von vielen Millionen Menschen getragene Bewegung der "Solidarnosc" in Polen und ihr wichtigstes Symbol - die Danziger Werft.

Heute können wir mit Stolz auf das Werk der europäischen Einigung zurückblicken. Der Union gehören 27 Staaten an. Sie schöpft daraus ein kulturelles, gesellschaftliches, wirtschaftliches und politisches Potential, das in der Welt seinesgleichen sucht. Dieses Potential müssen wir mit Klugheit nutzen. Die Union sollte ihre Mitglieder überall dort unterstützen, wo sie versuchen, in gemeinsamen Aktionen auf dem Feld der Außenpolitik und der Verteidigung eine wichtigere Rolle für Europa in der Welt zu gewinnen. Um die künftige wirtschaftliche Entwicklung und die Konkurrenzfähigkeit ihrer Mitgliedstaaten zu fördern, muss sie außerdem auf Schlüsselgebieten wie der Diversifizierung der Energieversorgung effektiver als bisher unsere Sicherheit garantieren. Auch der Herausforderung der Klimapolitik müssen wir uns stellen.

Die Union muss die Stabilität ihrer strategischen Nachbarschaft garantieren. Für die Länder unseres Erdteils, die noch nicht beigetreten sind, muss eine klare europäische Perspektive offen bleiben. Eine Union, die ihre traditionelle Offenheit verleugnet, um sich in eine geschlossene Festung zu verwandeln, wäre bald eine tote Union.

Wir hören heute oft, dass diese Ziele ohne tiefgreifende Reform der Union unerreichbar seien. Zweifellos müssen wir an der europäischen Grundordnung arbeiten. Kein Rechtssystem ist je vollkommen. Es ist jedoch nicht wahr, dass die Union heute handlungsunfähig wäre. Der entscheidende Faktor sind nämlich nicht ausschließlich ihre Mechanismen. Ebenso wichtig ist, dass wir fähig werden, unsere europäische Identität zu wahren und sie in der Welt zum Ausdruck zu bringen - eine Identität, zu der Solidarität, Freiheit, Verantwortung und Menschenwürde ebenso gehören wie die Achtung vor unserer gemeinsamen Geschichte und das Christentum, das eine der wichtigsten Quellen der europäischen Einigung ist.

Präsident der Republik Polen

Quelle: F.A.Z., 23.03.2007, Nr. 70 / Seite E6
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