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Leben am Rande Europas : Warten auf Beluga

Bild: F.A.Z.

In Wilkowo ist der Belugastör noch heute Stoff für Legenden. Der Fang ist zwar streng verboten, aber bei Schwarzmarktpreisen von bis zu tausend Dollar je Kilo widerstehen nicht alle Fischer der Versuchung des schnellen Glückes.

          Es bimmelt über dem Fluss, es wummert und dröhnt, was die Glockenstühle hergeben, durch den Morgendunst der Lagunen, über die Inseln, die Kanäle und über das Fahrwasser, aber wenn es nach Walerija geht, können die bimmeln, bis sie schwarz werden. Aus allen Richtungen sind sie unterwegs, in ihren schwarzen Kähnen aus geteertem Holz, die mit ihrem spitzen Bug aussehen wie aus einem Wikingerfilm. Sie kommen von den Schilfbänken und vom toten Wasser, aus den Erdbeerdatschen, den Fischerhütten hinter der Kolchose, immer diesem Bimmeln nach. Walerija denkt nicht daran, die Gummischlappen anzuziehen und mitzuziehen. Ljoba hat Hering gebracht, der muss geputzt werden, Bimmeln hin oder her. Das Messer reißt den Bauch auf, faucht durch die Schuppen, dass es spritzt. Man kann vieles sagen über Walerija, aber nicht, dass sie faul rumsitzen würde.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Eine schöne Frau ist sie, trotz allem, drahtig und blondiert, und wenn sie vorne noch mehr Zähne hätte, würde keiner glauben, dass sie die Vierzig hinter sich hat. Weiß Gott, was sie schon alles erlebt hat. In ihrer unverblümten Sprache, halb im postsowjetischen Gossenslang, halb der lipowenische Dialekt des Deltas, ist sie schnell wie eine Natter und derb wie ein Sergeant von den Grenztruppen, und wenn es ums Arbeiten geht, stellt sie jedes Pferd in den Schatten. Gerade schlitzt sie die Heringe, gespannt und konzentriert auf ihrem Hocker über dem blutigen Bottich, und nur ab und zu macht sie Pause, um sich den Zigarettenrauch aus den Augen zu wedeln.

          Sie feiern den heiligen Nikolaj in Wilkowo, im äußersten südwestlichen Zipfel der Ukraine, wo die Donau nach mehr als 2800 Flusskilometern noch einmal in die Weite geht, sich an der rumänisch-ukrainischen Grenze in Hunderte von Armen und Ärmchen teilt, um dann noch einmal 14 Kilometer weiter unten all die Wasser Europas, die sie zwischen Alpen und Karpaten gesammelt hat, zwischen Budapest und Bukarest, den Gletschern des Engadin und den Tümpeln der Walachei, ohne einen Seufzer ins Meer zu vergießen.

          Phantastische Skulpturen aus Schrott

          Schnell, lautlos, bei Tag und bei Nacht, bringt der Strom hier die Sedimente eines halben Kontinents mit sich, gelöst in warmem Schlamm - die Obsessionen des Balkans, die Verzweiflungen des alten Ostblocks, die Hoffnungen des vereinten Europa. Am Ende, wo dieses Läuten auf den Wassern kaum noch zu hören ist, gießt er dann alles ins Weite, zweihundert Kubikkilometer im Jahr oder fünf Milliarden Tanklastwagen. Draußen im Meer kommt dann alles zur Ruhe. Sand setzt sich ab, aus Schlamm wächst jungfräuliches Land, bis zu vierzig Meter im Jahr: neues Europa, wo gerade noch offenes Wasser war.

          Die Boote erreichen die Kirche, die Männer am Steuer, die Frauen an den Rudern - wie immer, seit hier vor zweihundertfünfzig Jahren die ersten Siedler ankamen, „Altgläubige“, aus dem inneren Russland, flüchtige Anhänger einer verfolgten orthodoxen Glaubensrichtung, die in den Schilfdickichten des Deltas Zuflucht fanden vor den Scheiterhaufen der Moskauer Zaren. Das Delta lag damals im Einflussbereich der Türken, und die Flussgabelung, an der Wilkowo liegt, war ideal für eine Siedlung.

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