23.01.2012 · Am Montagmittag traten Bundeskanzlerin Angela Merkel und IWF-Direktorin Christine Lagarde in Berlin vor die Öffentlichkeit - zur gleichen Zeit an anderen Orten. Eine Krise, zwei Antworten.
Von Majid Sattar, BerlinDas Protokoll sieht für abendliche Arbeitstreffen im Kanzleramt keine öffentlichen Stellungnahmen vor. Auch dringt aus den Gesprächen, die sich seit zwei Jahren vornehmlich um die Eurozonenkrise drehen, später vergleichsweise wenig heraus. So werden vor Brüsseler Krisengipfeln Differenzen nicht noch durch Prestigezwänge vergrößert.
Das ließ sich vom Besuch der Geschäftsführenden Direktorin des Internationalen Währungsfonds in Berlin nicht gerade sagen. Zwar bekam die Öffentlichkeit am Sonntag vom Gespräch Christine Lagardes mit Angela Merkel nur Bilder vom Eintreffen der Französin im nächtlichen Berlin zu sehen, doch untermauerten am Montagmittag beide ihre zum Teil konträren Positionen bei getrennten öffentlichen Auftritten.
Frau Lagarde nutzte einen seit längerer Zeit geplanten Vortrag bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, um ihre Forderungen an ihre „Freunde“ Angela Merkel und Wolfgang Schäuble - nur zum Teil höflich als Komplimente verpackt - loszuwerden: „Stückwerkarbeit“ sei nicht besonders hilfreich, sagte sie, es bedürfe einer „umfassenden Lösung“ der Krise. Alle wüssten doch, was zu tun sei, nun gehe es darum, den „politischen Willen“ zu finden, das zu tun, von dem alle wüssten, dass es zu tun sei. Dazu bedürfe es Mut und politischer Führung. Kokett fügte die Französin hinzu, einige ihrer Vorschläge klängen vielleicht ein wenig „heftig und weitgehend“, aber „zusammengenommen“ beschrieben sie den künftigen Weg.
Zusammengenommen hatte sich Frau Lagarde soeben nicht nur für die Einführung von Eurobonds und Finanzmarktregulierungen ausgesprochen, sondern auch für eine Aufstockung des Euro-Hilfsfonds. Europa bedürfe einer „großen Brandmauer“, sagte sie und resümierte mit kessem Augenaufschlag: Mehr als die allermeisten verstünden die Deutschen mit ihren Erfahrungen der Wiedervereinigung und der Sozialen Marktwirtschaft „die Tugenden der entschiedenen Solidarität“.
Zur gleichen Zeit stand die Kanzlerin in ihrem Hause neben dem belgischen Ministerpräsidenten Elio Di Rupo vor der Presse und bemerkte, der Inhalt der Rede Frau Lagardes sei ihr bekannt. Es folgten umständliche, verdrehte Sätze: „Und hinzufüge ich, dass Deutschland immer alles getan hat, wenn es jetzt so unbedingt notwendig wäre, den Euro zu schützen. Dieser Überschrift fühlen wir uns auch verpflichtet. Aber immer kaum, dass wir eine Neuigkeit gemacht haben, die nächste schon zu machen, das halte ich nicht für richtig.“ Die Kunst, Differenzen so elegant zu verkleiden wie die Französin, beherrscht die Deutsche nicht.
Angela Merkel und Christine Lagarde schätzen einander als kluge Analytikerinnen. Doch trennen beide nicht nur stilistische, sondern geradezu philosophische Fragen, wobei Frau Lagarde in ihrer aktuellen Rolle auch dem IWF-Direktorium gerecht werden muss. Hier die französische Verfechterin des großen Wurfs, der für Befreiung sorgen soll. Dort die deutsche Politik der kleinen Schritte, die den überschuldeten Staaten so viel Eigenverantwortung wie möglich aufbürden und Europa nur so viel Solidarität wie nötig abverlangen soll. Da kommt es zu Verständigungsschwierigkeiten. Frau Lagarde schloss ihre Rede am Montag auf Deutsch mit Goethe: Es ist nicht genug zu wollen, man muss auch tun. In der englischen Übersetzung waren die Worte auch für das deutsche Publikum verständlich.
Beide sind knallharte Neofeudalisten, die die Funktionärsdiktatur
endgültig einführen wollen.
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