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Kroatiens EU-Beitritt : Berge, Täler - und Neum

EU-Außengrenze: Bosna i Hercegovina (links) und Republika Hrvatska (rechts) in Neum an der Adria. Eigentlich ist alles kroatisch Bild: Reuters

Ein Städtchen an der Adria hat nichts mehr zu lachen, seit Kroatien in der EU ist. Es liegt zwischen Split und Dubrovnik und gehört zu Bosnien. Bis vor kurzem war das egal.

          Von Sarajevo nach Neum? „Am besten mit dem Talgo“, hatte ein seit Jahren in Düsseldorf lebender bosnischer Bekannter empfohlen. Ungläubige Rückfrage: Mit dem Talgo, dem spanischen Schnellzug? In Bosnien? Exakt, denn der Talgo fahre jetzt auch in Bosnien, die Eisenbahn der bosnischen Förderation habe mehrere Züge gekauft, das Beste vom Besten, sagte der Bekannte und versuchte gar nicht erst, seinen Stolz darüber zu unterdrücken, dass seine frühere Heimat nun Anschluss an die Moderne gefunden habe.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Ein Blick auf die Internetseite der föderativen Eisenbahnen von Bosnien-Hercegovina bestätigt die Nachricht: Jeden Morgen um 6.51 Uhr verlässt ein Talgo den Hauptbahnhof von Sarajevo und rast in südöstlicher Richtung erst durch bosnische, hernach durch hercegovinische Landschaft, bis er laut Fahrplan um drei Minuten nach zehn das Städtchen Capljina erreicht. Reisende nach Neum müssen dort aussteigen, denn Neum hat keinen Bahnhof, aber ab Capljina fahren Busse oder Taxis.

          Morgens um halb sieben birst der Hauptbahnhof von Sarajevo noch nicht vor Trubel, aber der Fahrkartenschalter ist besetzt. „Einmal Capljina macht zwölfzehn, Gleis zwei“, sagt der Föderationseisenbahnbilletverkäufer. Aber auf Gleis zwei steht kein Talgo, sondern nur ein Rumpelensemble aus vier blaugelb gestrichenen, zum Teil rostigen und keinesfalls aerodynamischen Waggons mit einer stämmigen Lokomotive vorne dran.

          Diätcola oder Zwetschgenschnaps

          Frage an einen einsamen morgendlichen Bahnbeamten am Hauptbahnhof zu Sarajevo: „Verzeihung, ist dies der Talgo nach Capljina?“ „Nein.“ „Und wann fährt der Talgo?“ „Wer weiß. Vielleicht nie.“ Die Antwort macht eine Nachfrage erforderlich: „Ist dies denn der Zug nach Capljina?“ „Ist er“, versichert der Beamte. In den vier Waggons des Zuges nach Capljina klären akkurat angeschraubte Messingschilder in bosnischer Sprache darüber auf, dass man in einer Spende der schwedischen Regierung an das bosnische Volk reise.

          Immerhin fährt Bosniens Schwedenexpress, dessen Waggons bis auf den Spendenhinweis ausschließlich Schwedisch beschildert sind, pünktlich ab. Um 6.51 Uhr fällt die Dörrförregling ins Schloss, das unsachgemäße Betätigen der Nödbroms ist verboten, und der Zug setzt sich gemächlich in Bewegung, um in den kommenden Stunden in Orten zu halten, die außer ihren Bewohnern kaum jemand kennt, in Pazaric und in Celebic, in Ostrožac, Jablanica, Drežnica, Bacevici, Žitomislici, Krucevici und in Šurmanci natürlich. Im Abteil nur drei ältere Damen, die in den kommenden Stunden über nichts anderes reden werden als über ihre Sippen und wer mit wem glücklich verheiratet oder in Mesalliancen verbunden sei.

          In Drežnica steigen noch zwei ältere Hobbyjäger zu, die beide, einäugig der eine, siebenfingrig der andere, die Risiken ihres Zeitvertreibs bereits am eigenen Leibe erfahren haben. Um sieben Uhr und 17 Minuten hält der Zug aber zunächst in Hadžici, und kurz danach betritt ein hagerer Beamter der bosnischen Eisenbahnen das Abteil, der auf seinem voll beladenen Tablett ein traditionelles bosnisches Frühstück anbietet: Diätcola oder Zwetschgenschnaps. Wundersames Bosnien! Wer trinkt morgens um sieben Limonade?

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