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Kommentar Wenig Respekt für Europa

06.01.2005 ·  Die internationale Fluthilfe offenbart die Schwächen Europas. Amerika ist vor Ort, schickt Schiffe und Hubschrauber - hierzulande wird diskutiert. Es zeigt sich: Hilfe leisteten nicht die Netten, sondern die Starken.

Von Jochen Buchsteiner
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Es ist kein überzeugendes Bild, das Europa dieser Tage abgibt. An Bestürzung und Anteilnahme mangelt es nicht; sie spiegeln sich in der enormen Spendenbereitschaft der Bürger und in den großzügigen finanziellen Zusagen der Politiker. Aber den akut leidenden Opfern und Hinterbliebenen in den Küstengebieten Asiens hat dies bislang wenig geholfen. Sie erfahren die erste ausländische Hilfe von anderen: von Australiern, Indern und vor allem von Amerikanern.

Das hat auch mit Entfernungen und Möglichkeiten zu tun. Hercules-Maschinen, die aus Sydney oder Singapur starten, sind schneller in Sumatra als Flugzeuge aus Europa; gleiches gilt für Hilfsschiffe. Auch sind die Regierungen und Militärstäbe in der Region untereinander besser vernetzt als mit ihren Partnern im fernen Europa. Aber nach zehn Tagen, die der Tsunami nun zurückliegt, verlieren diese Argumente an Gewicht.

Amerika handelt, Europa diskutiert

Wo deutsche Leben in Gefahr waren, auf den Ferieninseln Thailands, hat Berlin rasch reagiert; diese Priorität ist nicht zu tadeln. Das Engagement in der elendesten Katastrophenregion, in Indonesien, ist gleichwohl auffallend mager ausgefallen. Die Bundesregierung gab Anfang der Woche bekannt, der Sanitätsdienst der Krisenreaktionskräfte werde einen Voraustrupp nach Indonesien schicken. Anker gelichtet hat das Versorgungsschiff „Berlin“ - die Küste Sumatras erreicht es frühestens Anfang nächster Woche.

Während in den entscheidenden Tagen nach der Katastrophe amerikanische Soldaten Hilfsgüter über isolierten Notstandsgebieten abwarfen und australische Ärzte Verletzte behandelten, wurde in Europa diskutiert - oder, schlimmer noch, nach einem Diskussionstermin gesucht. Der französische Gesundheitsminister Douste-Blazy fragte auf seinem Besuch in Sri Lanka rhetorisch, ob es „normal“ sei, daß es zehn Tage dauere, bis seine Kollegen erstmals in Brüssel über die Katastrophe sprechen. Sein Urteil war vernichtend: Europa handle „nicht konkret“.

Der unerwartete Ausfall wirft Fragen auf

Das gibt zu denken. Daß die gutgemeinte Fixierung auf ein gemeinsames Vorgehen - am besten noch im Einklang mit den Vereinten Nationen - nicht immer konsensuale und schnelle Ergebnisse zeitigt, ist bekannt. Man hat sich damit abgefunden, daß die EU in weltpolitischen Fragen - von der Balkan-Krise bis zum Irak-Krieg - nicht mit einer Zunge spricht und als eigenständiger Akteur oft genug ausfällt. Nun aber offenbart Europa ausgerechnet dort eine Schwäche, wo es sich immer stark, ja stärker als Amerika, wähnte: in der humanitären Soforthilfe.

Der unerwartete Ausfall wirft Fragen auf. Eine richtet sich an Europas postmodernes Politikverständnis. Die europäische Gründungsidee, nach zwei verheerenden Weltkriegen auf dem Kontinent eine Zone der Zusammenarbeit und Stabilität zu schaffen, hat große Erfolge zu verbuchen, aber sie mündete auch in eine Absage an eigene geostrategische Ambitionen und in eine - aus heutiger Sicht provinzielle - Konzentration auf den eigenen Raum.

Statt Politik aus eigener Kraft zu betreiben, setzte man auf den Multilateralismus, statt europäische Interessen in einer kleiner werdenden Welt zu definieren, verpflichtete man sich zu guten Werken überall. Der Preis dafür - die Weltpolitik nicht mehr steuern zu können - galt als zu verschmerzen, solange man nur als spendabler Aufbauhelfer oder humanitärer Retter geachtet war. Dieses Konstrukt ist aus der Balance geraten.

Hilfe leisteten nicht die Netten, sondern die Starken

Um zur größten internationalen Rettungsaktion der Geschichte einen nennenswerten logistischen Beitrag zu leisten, fehlen Europa die Kraft, die Präsenz, das Material. Wirksame Hilfe leisteten nicht die Netten, sondern die Starken, nicht Versorgungsschiffe, sondern Flugzeugträger. Der Startschuß zum Großeinsatz fiel nicht in Brüssel oder Berlin, sondern in Washington.

Aus Amerika, Indien, Japan und Australien bestehe die „Kerngruppe“ des Rettungseinsatzes, kündigte George W. Bush an - Europa tauchte nicht auf. Kurz darauf erreichten 6000 amerikanische Marinesoldaten die Küste von Aceh. Indien hatte bereits Kriegsschiffe nach Sri Lanka und auf die Malediven geschickt, Australien Flugzeuge nach Sumatra.

Lob für die Amerikaner

Das Grummeln bei den Vereinten Nationen, die sich in ihrer angestammten Koordinatorenrolle bei humanitären Missionen zunächst überrollt sahen, hielt nicht lange an. In den vergangenen Tagen überschlug sich Kofi Annans Katastrophenbeauftragter, der Norweger Jan Egeland, geradezu mit Lob für die Amerikaner.

Ohne deren militärische Logistik wäre schnelle Hilfe gar nicht möglich gewesen, sagte er. Am Mittwoch hat der amerikanische Außenminister Powell das Katastrophengebiet in Aceh überflogen und weitere 44 Hubschrauber versprochen. Der EU-Kommissar Michel, der ebenfalls dort war, konnte nur Geld in Aussicht stellen, das irgendwann eintreffen wird.

Gesetze der alten Machtpolitik

Für Europa wird das nicht die letzte Erfahrung mit schleichendem Bedeutungsverlust sein. Die Selbstbeschränkung, die es sich aus ehemals guten Gründen auferlegt hat, ist mit den Jahren zu einer Selbstgerechtigkeit geronnen, die blind für Veränderungen jenseits des eigenen Gesichtskreises gemacht hat.

Außerhalb der Alten Welt wird das europäische Beispiel zwar nach wie vor in Sonntagsreden gelobt, aber werktags herrschen längst wieder die Gesetze der alten Macht- und Gleichgewichtspolitik. Respekt und Handlungsfreiheit verschafft sich, wer schnell entscheiden kann und über die entsprechenden Mittel verfügt.

Asien, das heute wie ein großes Notstandsgebiet aussieht, aber auf lange Sicht als Globalisierungsgewinner triumphieren wird, lernt Tag für Tag mehr, daß die früheren Kolonialmächte an Boden verlieren. Wenn die große Naturkatastrophe fast ohne Zutun der Europäer gemeistert werden kann, kann man auch auf anderen Gebieten auf sie verzichten. Das besorgniserregend zu finden ist kein deplazierter Chauvinismus.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.01.2005, Nr. 4 / Seite 1
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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.

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