06.12.2008 · Ein Film über den ehemaligen Ministerpräsidenten Bettino Craxi sorgt für Aufregung in Italien: Silvio Berlusconi will ihn in allen Schulen zeigen lassen, obwohl Craxi in diverse Korruptionsskandale verwickelt war. Damit dürfte Berlusconi sich auch selbst rehabilitieren wollen - auch er soll damals Schmiergelder an Craxi gezahlt haben.
Von Florentine FritzenIn Italien kommt in ein paar Tagen eine DVD in den Handel, und Silvio Berlusconi hat vorgeschlagen, dass sie in allen Schulen des Landes gezeigt werden soll. Der Kurzfilm handelt von einem Mann, mit dem Berlusconi viel verbindet: Bettino Craxi war nicht nur sein persönlicher Freund, sondern auch einmal Ministerpräsident von Italien.
Und dann war da noch der Freispruch im Jahr 1999. In dem Mailänder Prozess ging es um mehrere Millionen Euro, die 1991 vom Medienimperium Berlusconis auf ein Geheimkonto des damaligen Sozialistenchefs Craxi geflossen sein sollen.
Das war so üblich in jenen Jahren, und als Mailänder Richter die systematische Korruption in Wirtschaft und Politik allmählich aufdeckten, sprach man von „Tangentopoli“ und meinte damit zunächst die „Schmiergeldhauptstadt“ Mailand, dann die gesamte Erste Republik. Die brach 1993 denn auch zusammen.
„Notwendige Denkanstöße“ für neue Generationen
Weil das schon eine ganze Weile her ist, meint Berlusconi, der Film über Craxi tauge dazu, „den neuen Generationen die notwendigen Denkanstöße zu geben über die Art und Weise, wie die Erste Republik endete, und über die falsche Revolution der Rechtsprechung, die Teile der Richterschaft dazu brachte, Theorien aufzustellen über die Vormacht der Roben über die Politik“.
So steht es im Begleitheft zur DVD, überschrieben mit der Anrede „Caro Bettino“, Verfasser: Berlusconi. Anlass für die von der Stiftung der Craxi-Tochter Stefania produzierte DVD ist Craxis neunter Todestag; er starb im Januar 2000 in Tunesien. Dorthin war er 1994 geflohen; in Abwesenheit wurde er zu insgesamt mehr als 20 Jahren Haft verurteilt.
Vincenzo Vita von der oppositionellen Demokratischen Partei sagt zu der Idee, die DVD in Schulen zu zeigen: „Hoffen wir, dass das einer der Scherze war, an die wir durch Berlusconi bitter gewöhnt sind.“ Der Vorsitzende von Berlusconis rechtsgerichtetem Koalitionspartner Alleanza Nazionale, La Russa, wünscht sich ein Vorwort für Schüler zur DVD, Inhalt: „Achtung, es gibt nichts in dieser Epoche, dem man nachtrauern sollte.“ Übrigens habe seine damalige neofaschistische Italienische Sozialbewegung Jahre vor den „Mani pulite“ der Richter die „ungesunden Beziehungen zwischen Politik und Wirtschaft“ enttarnt. So ganz vorbei ist die Erste Republik noch nicht.
Florentine Fritzen Jahrgang 1976, Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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