http://www.faz.net/-gpf-81be2

Verhandlungen mit Athen : Juncker: „Ich stoße an meine Grenzen“

Verhandlungspartner der EU und Alexis Tsipras am Donnerstag in Brüssel: Gute oder schlechte Woche? Bild: AP

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker scheint einen Geduldsfaden aus Stahl zu haben: Er tut alles, um Griechenland zu helfen, obwohl Alexis Tsipras ihn hintergegangen hat.

          Gibt es in Griechenland eine besondere Passion für Western? Für den Showdown zur Mittagszeit, wenn die Sonne am höchsten steht und die kürzesten Schatten wirft? Für das Duell Mann gegen Mann, für das Rasseln der Colts - wer schießt zuerst? Es muss so sein, jedenfalls bei den Leuten von Syriza, die seit Januar das Regiment führen über Griechenland. „Regieren“ wagt man kaum zu sagen - es klingt so normal, verlässlich, bedächtig.

          Thomas Gutschker

          Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Aber Alexis Tsipras, der Ministerpräsident, sein Finanzminister Giannis Varoufakis und noch eine Menge anderer Leute lieben das Drama. Jede Woche versuchen sie sich an einer neuen Inszenierung, immer schriller. Offenes Hemd, hochgeschlagener Kragen, schwarze Boots. Auf in den Kampf!

          Aber Europa spielt nicht mit. Europa, das sind „die Institutionen“, wie die Griechen seit einiger Zeit sagen, die „Brüsseler Gruppe“. Es sind Institutionen mit sperrigen Namen, in Jahrzehnten gewachsen, mit Beamten aus allen Mitgliedstaaten. Kluge Leute, oft die Besten ihres Fachs. Sie sitzen in Büros mit Energiesparlampen und zerbrechen sich den Kopf darüber, wie sie die Interessen der Mitgliedsländer auf einen Nenner bringen können.

          Kein Quentin Tarantino in Brüssel

          An der Spitze der Institutionen stehen Politiker, die ihr Leben lang gelernt haben, wie man Kompromisse schmiedet. Es sind keine Revolverhelden, keine Einzelgänger. Django und Zorro würden hier bestenfalls einen Aushilfsjob in der Kantine kriegen. Anzug, Krawatte, Manschettenknöpfe. Brüssel ist nicht der Wilde Westen.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Wenn Sie mehr davon lesen wollen, testen Sie die F.A.S. doch einfach als digitale Zeitung. Wie es geht, erfahren Sie hier ...

          Mehr erfahren

          Und so findet das Duell einfach nicht statt. Man verabredet sich, die Griechen fuchteln wie wild mit ihren Schießeisen. Aber dann wird doch nur geredet, stundenlang, so wie in der Nacht von Donnerstag auf Freitag. Alexis Tsipras saß mit den Spitzen der Institutionen am Tisch. Er wollte Geld, sie verlangten Reformen, am Ende stand eine Erklärung mit ein paar friedenstiftenden Sätzen.

          Zum Beispiel diesem: „Im Geiste gegenseitigen Vertrauens sind wir alle dazu entschlossen, die Arbeit zu beschleunigen und den Prozess so schnell wie möglich abzuschließen.“ So viel ist klar: Das passt in kein Drehbuch für Quentin Tarantino.

          „I am reaching my limits“

          Aber es ist nicht die ganze Geschichte. Diese Woche ist eine Menge passiert: Tsipras hat seinen letzten Freund verloren, Jean-Claude Juncker. „I am reaching my limits“, sagte der Mann, der wochenlang alles getan hatte, um den Griechen zu helfen.

          Der Satz aus dem Kommuniqué vom Freitag verrät das nur Eingeweihten. Das Subjekt ist „wir“, es schließt die Griechen ein. Nicht Gegner - Partner. Geist des Vertrauens - nicht Misstrauen. Gemeint ist: Von nun an soll Vertrauen wachsen, nicht durch Worte, sondern durch Taten, und das muss schnell geschehen. Der Satz hebt die Gemeinsamkeit hervor, aber schon weil das notwendig ist, schwingt in ihm mit: Vertrauen ist zerstört worden, Zeit wurde vergeudet. Die Lage ist ernst.

          Weitere Themen

          Erdogans Tor zum Westen

          Treffen mit Tsipras : Erdogans Tor zum Westen

          Es bleiben Erdogan nicht viele Orte, zumal in Europa, an die er unbeschwert reisen kann. Umso freudiger hat er jetzt eine Einladung aus Griechenland angenommen. Es geht aber um mehr als nur Händeschütteln.

          Keine Einigung zwischen EU und Großbritannien Video-Seite öffnen

          Brexit : Keine Einigung zwischen EU und Großbritannien

          Nach einem Spitzentreffens in Brüssel haben die EU und Großbritannien keine abschließende Einigung in den Brexit-Verhandlungen erzielt. Nach mehrstündigen Beratungen mit der britischen Premierministerin Theresa May sprach EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker aber nicht von einem Misserfolg.

          Mehr Schulden für Europa?

          Defizitgrenze : Mehr Schulden für Europa?

          Die EU-Kommission will die Schuldenkriterien für Euro-Staaten aufweichen, heißt es in einem Bericht. Doch Brüssel weist das zurück – mit glaubwürdigen Argumenten.

          Topmeldungen

          Besser mieten, kaufen, wohnen : So erstklassig sind Deutschlands 1-b-Städte

          Alle wollen nach Berlin, München oder Hamburg? Wer eine Immobilie kaufen will, sollte dort nicht länger suchen. Anderswo lässt es sich komfortabler wohnen – und viel mehr Geld verdienen. FAZ.NET zeigt die attraktivsten Städte abseits der Metropolen.

          Chaos bei den Liberalen : Die unklare Kante der FDP

          Die FDP wird in dieser Wahlperiode Opposition sein. Sagt Christian Lindner. Oder vielleicht, hoffentlich, unter gewissen Umständen doch regieren. Sagen andere in der Partei. Ja, was denn nun?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.