http://www.faz.net/-gpf-6xjm8

Griechischer Wirtschaftsminister : „Die Gesellschaft ist reifer als ihr System“

  • Aktualisiert am

„Es ist schmerzhaft“: Michalis Chrysochoidis Bild: REUTERS

Griechenlands Wirtschaftsminister Michalis Chrysochoidis warnt vor einem „großen Knall in der Gesellschaft“. Die Subventionen seien für den Niedergang seines Landes verantwortlich, sagt er im Gespräch mit der F.A.Z.

          Herr Minister, denken Sie oft an Giorgos Vassilakis?

          Natürlich. Er war ein Teil meines Lebens – mein engster Mitarbeiter, mein Bürochef und Freund. Wir haben zehn Jahre lang zusammengearbeitet. Sein Tod galt mir, mich wollten die Attentäter beseitigen. Sie wollen mich töten, weil mein Name mit dem Erfolg Griechenlands im Kampf gegen den Terrorismus verbunden ist, mit der Zerschlagung des „17. November“ und des „Revolutionären Kampfes“. Das haben einige mir nicht verziehen. Also haben sie das Paket mit der Bombe an mein Büro geschickt, adressiert an mich persönlich.

          Weiß man, wer die Täter waren, die im Juni 2010 die Bombe geschickt haben?

          Ich warte auf die Ergebnisse der Ermittlungen. Aber es handelt sich nicht um einen Einzeltäter. Das war eine genau durchdachte, wohl organisierte Tat. Deshalb ist es so wichtig, dass die Polizei diese Tat in all ihrer Tiefe und Breite untersucht, mitsamt den terroristischen Hintergründen. Abgesehen vom Politischen ist der Tod von Giorgos Vassilakis ein schmerzender Verlust für mich. Er war ein Freund, eigentlich wie ein Bruder. Aber vor allem ist es natürlich ein Schmerz für seine Familie. Er war Vater von zwei Söhnen, die jetzt 19 und 22 Jahre alt sind.

          Bekommen Sie weiterhin Drohungen?

          Ständig. Achten Sie auf die Graffitis und Plakate in bestimmten Teilen Athens: „Tod Chrysochoidis“ steht da.

          Können Sie sich frei auf der Straße bewegen?

          Kein Problem. Ich habe natürlich Leibwächter, aber das hat mit den Drohungen aus der terroristischen Szene zu tun, nicht mit der derzeitigen Stimmung im Lande.

          Und sie werde auch nicht mit Joghurt beworfen, wie andere griechische Politiker?

          Nichts dergleichen. Die Stimmung ist besser geworden, seit wir die Koalitionsregierung unter Ministerpräsident Papademos haben. Als die Pasok noch allein regierte, war es schlimmer.

          Wie realistisch ist angesichts all der zum Teil gewaltsamen Turbulenzen in den vergangenen beiden Jahren die Annahme, die von Griechenlands Geldgebern verlangte Reformpolitik werde politisch durchsetzbar bleiben?

          Die griechische Gesellschaft ist reifer als ihr politisches System. Ein Beispiel: Unlängst lag dem Parlament ein Gesetz zur Abstimmung vor, das die Schließung von zehn Behörden vorsah, die eigentlich längst tot sind und die niemand braucht – außer den Leuten, die dort arbeiten. Vierzig Abgeordnete von meiner Partei, der Pasok, haben aber gegen dieses Gesetz gestimmt. Aus eigenen Interessen, weil sie sich politisch nicht der Gesellschaft, sondern 100 oder 200 Beamten verantwortlich fühlen. Das ist ein Makel des politischen Systems. Mit der Gesellschaft hat das nichts zu tun. Solange die Politik nicht in der Lage ist, Maßnahmen zur Veränderung des Landes zu ergreifen und ein neues Griechenland zu schaffen, werden wir weiter gezwungen sein, Löhne und Renten zu kürzen. Das wird irgendwann zu einem großen Knall in der Gesellschaft führen.

          Ist die Demokratie in Griechenland in Gefahr?

          Wenn wir damit fortfahren, ständig die Einkommen der Menschen zu kürzen und Griechenland damit von der Rezession in eine Depression führen, wird die wichtigste Frage dieses Landes bald dem Erhalt des sozialen Friedens gelten.

          Wann begannen diese Fehlentwicklungen? Als in Griechenland der Euro eingeführt wurde? Als das Land 1981 der EG beitrat? Oder noch früher?

          Weitere Themen

          Wie Griechenland den Euro rettete

          Überschuldungskrise : Wie Griechenland den Euro rettete

          Geheimtreffen in einer Aushilfsküche, Kurse im freien Fall, größte Nervosität: Wie Athen die europäische Gemeinschaftswährung rettete und welche Rolle Wolfgang Schäuble dabei spielte, beschreibt der frühere griechische Finanzminister Papakonstantinou in einem beachtenswerten Buch.

          Zehntausende Spanier auf den Straßen Video-Seite öffnen

          Demonstrationen : Zehntausende Spanier auf den Straßen

          Wegen der drohenden Abspaltung Kataloniens haben in Spanien zehntausende Menschen für die Einheit des Landes demonstriert. Befürworter eines Dialogs zwischen Madrid und der katalanischen Regionalregierung in Barcelona versammelten sich zu Kundgebungen vor den Rathäusern.

          Grenzschutz mit dem Rosenkranz Video-Seite öffnen

          Islamophobie in Polen : Grenzschutz mit dem Rosenkranz

          Zehntausende polnische Katholiken haben am Samstag an den Außengrenzen des Landes Menschenketten gebildet und Gott um die „Rettung Polens und der Welt“ gebeten. Die Gläubigen folgten einem Aufruf der Stiftung Solo Dios Basta. Gegner sprachen von einer „islamophoben Aktion“.

          Topmeldungen

          Seehofer in der Krise : Wie die eigene Ära beenden?

          Horst Seehofer wankt. Wie es weitergeht? Unklar. Nur gemütlicher wird es wohl nicht mehr. Eine Telefonumfrage sagt bereits neues Unheil für die CSU voraus – und befeuert Debatten, die noch vor kurzem undenkbar waren.
          Chinas Notenbankchef Zhou

          Zhou Xiaochuan : Chinas Notenbankchef warnt vor Einbruch an Finanzmärkten

          In China läuft das wichtige Treffen der Kommunistischen Partei. Am Rande spricht der renommierte Zentralbankchef des Landes eine brisante Warnung aus. Das ist nicht die einzige Sorge, die gerade die Runde macht.

          Minus 75 Prozent seit 1990 : Insektensterben, na – wer weiß?

          Der Rückgang an Schmetterlingen, Fliegen, Motten, Käfern und so weiter ist dramatisch. Und was macht der Bauernverband - er wiegelt wie immer ab, wenn es um seine Geschäftsinteressen geht. Ein Kommentar.

          F.A.Z. exklusiv : Forcadell: Europa kann nicht mehr wegsehen!

          Die Präsidentin des katalanischen Parlaments kritisiert die Untätigkeit der EU im Katalonien-Konflikt. Diese ignoriere eine „offensichtliche Verletzung von Grundrechten in einem ihrer Mitgliedstaaten“, schreibt Carme Forcadell in einem Gastbeitrag für die F.A.Z. In Spanien gebe es wieder politische Gefangene.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.