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Griechischer Wirtschaftsminister : „Die Gesellschaft ist reifer als ihr System“

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„Es ist schmerzhaft“: Michalis Chrysochoidis Bild: REUTERS

Griechenlands Wirtschaftsminister Michalis Chrysochoidis warnt vor einem „großen Knall in der Gesellschaft“. Die Subventionen seien für den Niedergang seines Landes verantwortlich, sagt er im Gespräch mit der F.A.Z.

          Herr Minister, denken Sie oft an Giorgos Vassilakis?

          Natürlich. Er war ein Teil meines Lebens – mein engster Mitarbeiter, mein Bürochef und Freund. Wir haben zehn Jahre lang zusammengearbeitet. Sein Tod galt mir, mich wollten die Attentäter beseitigen. Sie wollen mich töten, weil mein Name mit dem Erfolg Griechenlands im Kampf gegen den Terrorismus verbunden ist, mit der Zerschlagung des „17. November“ und des „Revolutionären Kampfes“. Das haben einige mir nicht verziehen. Also haben sie das Paket mit der Bombe an mein Büro geschickt, adressiert an mich persönlich.

          Weiß man, wer die Täter waren, die im Juni 2010 die Bombe geschickt haben?

          Ich warte auf die Ergebnisse der Ermittlungen. Aber es handelt sich nicht um einen Einzeltäter. Das war eine genau durchdachte, wohl organisierte Tat. Deshalb ist es so wichtig, dass die Polizei diese Tat in all ihrer Tiefe und Breite untersucht, mitsamt den terroristischen Hintergründen. Abgesehen vom Politischen ist der Tod von Giorgos Vassilakis ein schmerzender Verlust für mich. Er war ein Freund, eigentlich wie ein Bruder. Aber vor allem ist es natürlich ein Schmerz für seine Familie. Er war Vater von zwei Söhnen, die jetzt 19 und 22 Jahre alt sind.

          Bekommen Sie weiterhin Drohungen?

          Ständig. Achten Sie auf die Graffitis und Plakate in bestimmten Teilen Athens: „Tod Chrysochoidis“ steht da.

          Können Sie sich frei auf der Straße bewegen?

          Kein Problem. Ich habe natürlich Leibwächter, aber das hat mit den Drohungen aus der terroristischen Szene zu tun, nicht mit der derzeitigen Stimmung im Lande.

          Und sie werde auch nicht mit Joghurt beworfen, wie andere griechische Politiker?

          Nichts dergleichen. Die Stimmung ist besser geworden, seit wir die Koalitionsregierung unter Ministerpräsident Papademos haben. Als die Pasok noch allein regierte, war es schlimmer.

          Wie realistisch ist angesichts all der zum Teil gewaltsamen Turbulenzen in den vergangenen beiden Jahren die Annahme, die von Griechenlands Geldgebern verlangte Reformpolitik werde politisch durchsetzbar bleiben?

          Die griechische Gesellschaft ist reifer als ihr politisches System. Ein Beispiel: Unlängst lag dem Parlament ein Gesetz zur Abstimmung vor, das die Schließung von zehn Behörden vorsah, die eigentlich längst tot sind und die niemand braucht – außer den Leuten, die dort arbeiten. Vierzig Abgeordnete von meiner Partei, der Pasok, haben aber gegen dieses Gesetz gestimmt. Aus eigenen Interessen, weil sie sich politisch nicht der Gesellschaft, sondern 100 oder 200 Beamten verantwortlich fühlen. Das ist ein Makel des politischen Systems. Mit der Gesellschaft hat das nichts zu tun. Solange die Politik nicht in der Lage ist, Maßnahmen zur Veränderung des Landes zu ergreifen und ein neues Griechenland zu schaffen, werden wir weiter gezwungen sein, Löhne und Renten zu kürzen. Das wird irgendwann zu einem großen Knall in der Gesellschaft führen.

          Ist die Demokratie in Griechenland in Gefahr?

          Wenn wir damit fortfahren, ständig die Einkommen der Menschen zu kürzen und Griechenland damit von der Rezession in eine Depression führen, wird die wichtigste Frage dieses Landes bald dem Erhalt des sozialen Friedens gelten.

          Wann begannen diese Fehlentwicklungen? Als in Griechenland der Euro eingeführt wurde? Als das Land 1981 der EG beitrat? Oder noch früher?

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