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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Griechenland Schlimmer geht’s immer

 ·  Es gibt Griechen, die haben ihre Firma bis jetzt erfolgreich durch die Krise manövriert. Doch vor der Wahl packt sie Angst: Was, wenn bald alle Mühe umsonst war?

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© Rüchel, Dieter Griechenland: Nur große Heimatliebe hält erfolgreiche Unternehmer noch im Land

Wenn Phaedon Tamvakakis über Griechenland spricht, fällt ihm eine alte Geschichte ein. Da fährt ein Mann mit dem Segelboot übers Mittelmeer, das blau und weit in der Augustsonne glitzert. Er fährt, bis er endlich eine Insel erreicht: Santorin. Der Mann, Skandinavier, hat einen solchen Ort noch nie gesehen. So schön ist die Insel, dass er sich wie ein Vierzehnjähriger fühlt vor lauter Staunen und Glück. Doch dann läuft er ein Stück, bis zum einzigen Hotel, und merkt, dass er der einzige Tourist ist. Kein anderer hat es hierher geschafft - weil die Insel so weit weg ist von allem und weil der Krieg gerade erst aus ist. Phaedon Tamvakakis mag diese Geschichte, die mehr als sechzig Jahre alt ist, weil er sich fühlt wie der Mann auf der Insel. Wie einer, der da hingeht, wo kein anderer ist.

Das liegt, in der alten Geschichte genauso wie im Leben von Phaedon Tamvakakis, daran, dass der Weg zum Ziel ziemlich weit ist und dass, wer ihn zurücklegen will, sehr viel Ausdauer braucht. Phaedon Tamvakakis ist Fondsmanager in Athen; nicht bei einer Bank und mit fremdem Geld subventioniert, sondern unabhängig. Das Investmentbüro Alpha Trust, das er heute führt, hat er 1987 mitbegründet. Phaedon Tamvakakis hat sich auf dem freien Markt durchsetzen müssen, und er hat es geschafft.

Nicht nur in Griechenland, auch in London hat sein Unternehmen gute Geschäfte gemacht. Heute ist Phaedon Tamvakakis 51 Jahre alt, ein freundlicher Mann in Anzug und Krawatte, der es in Griechenland nicht nur als Unternehmer, sondern auch als Schriftsteller zu etwas gebracht hat und der in seiner Freizeit übers Mittelmeer segelt wie der Mann im Reisebericht des skandinavischen Autors Göran Schildt. Nur dass der Krieg, der griechische Bürgerkrieg, bei Schildt seit einem Jahr vorbei ist. Phaedon Tamvakakis ist noch mittendrin.

Banker bei der Armenspeisung

So fühlt es sich jedenfalls an für ihn und viele Unternehmer, die in Griechenland in diesen Tagen noch immer versuchen, ihren Geschäften nachzugehen. Sie werden immer weniger. „Enoikiazetai“, zu vermieten, steht jeden Tag in mehr Ladenfenstern Athens, und zur Armenspeisung kommen jetzt auch Banker. Noch nie haben in Europa so viele Menschen in so kurzer Zeit ihre Arbeit verloren, sagt die Frau vom Arbeitsamt. Zu den streunenden Hunden, die in den ersten heißen Junitagen unter den Vordächern kleiner Athener Boutiquen Schatten suchen, gesellen sich immer mehr Obdachlose. Da liegt einer, der zum Schlafen seine randlose Brille abgesetzt hat, und ein anderer in feiner Stoffhose. Männer, denen man ansieht, dass sie noch nicht lange auf der Straße leben.

Es ist nicht leicht, heute Geld zu verdienen in Griechenland: Die Arbeitslosigkeit liegt bei 20,5 Prozent, unter jungen Leuten sogar bei 50 Prozent. Doch noch schwerer ist es, ein Unternehmen zu führen. Schon lange klagen griechische Geschäftsleute über die Bürokratie; ein Gewerbe anzumelden kann ein Dreivierteljahr dauern, in anderen Ländern geht das viel schneller. Viele gute Leute sind deswegen schon ins Ausland gegangen, sie hatten keine Lust und kein Geld zu warten.

Einige seien auch die dauernden Änderungen im Steuerrecht und horrende Steuerbescheide leid gewesen, sagt Phaedon Tamvakakis. Er hat viel nachgedacht über die Krise, und er ist keiner von denen, die die Schuld bei anderen suchen. „Die Leute hier hatten lange eine ziemlich gute Zeit“, sagt er, „eine unverdient gute Zeit.“ Mancher habe über seine Verhältnisse gelebt. Die Lage jetzt sei ernst; aber es könnte nach der Wahl am 17.Juni noch viel schlimmer werden, glaubt er.

Schon vor der Wahl eine Katastrophe

Wenn nämlich das Bündnis Syriza gewinnt. Die Linksradikalen wollen mit Europa neu über die Sparmaßnahmen verhandeln; für weniger Sparen und mehr Geld aus Brüssel. Das wäre wohl das Ende Griechenlands in der Eurozone auch, wenn Syriza den Wählern versichert, dass Europa sich das gar nicht leisten könne. Bei der Wahl am 6. Mai erreichte die Allianz 16,8 Prozent und wurde damit überraschend zweitstärkste Kraft. Inzwischen liegt sie in Umfragen zwischen 25 und 30 Prozent, ein deutscher FDP-Politiker will gar von „geheimen Umfragen“ aus Amerika wissen, die Syriza bei 38 Prozent sehen. Für griechische Unternehmer sind die Zahlen schon vor der Wahl eine Katastrophe.

Denn die Angst davor, dass Griechenland der Euro bald um die Ohren fliegen könnte, hat viele ausländische Investoren erfasst. Als „paralysiert“ beschreibt ein griechischer Wirtschaftsprofessor sie; wer fürchten müsse, dass sein Geld in sechs oder zwölf Monaten weg sei - unabhängig davon, wie gut das Unternehmen ist, in das er es steckt -, lasse die Sache lieber sein. Phaedon Tamvakakis hat oft mit amerikanischen Unternehmern zu tun.

Er sagt ihnen, europäische Unternehmen funktionierten besser als Europa, sie hätten gute Produkte und seien gut organisiert. Doch europäische Unternehmen sind nun mal in Europa, und wenn es dem Euro nicht gutgeht, leiden auch sie. Daran, dass die Griechen in einer Woche die Linksradikalen abstrafen, glaubt kaum ein Geschäftsmann. Auf „30 bis 35 Prozent“ für Syriza tippt der Sprecher des griechischen Unternehmerverbandes SEV, Alexandros Velios: „Wer etwas anderes sagt, hat Griechenland nicht verstanden.“

Phaedon Tamvakakis graust es bei der Vorstellung. Er hofft auf eine „europa- und businessfreundliche Koalition“. Das habe er auch schon zu Politikern gesagt, aber das Verständnis habe sich in Grenzen gehalten. „Die Politiker hören mir zu, aber danach fragen sie mich immer nur nach einer Spende für ihre Partei.“ Als Steuerzahler ernst genommen fühlt er sich schon lange nicht mehr.

So geht es auch anderen griechischen Unternehmern. Maria Vlachou ist eine von ihnen; eine hübsche, fröhliche Frau von 32 Jahren, geboren in Athen, die auch im Ausland einen Job finden könnte. Immerhin spricht sie neun Sprachen, hat an Unis in Portugal gearbeitet und als Übersetzerin in Brüssel. Doch Maria Vlachou hängt an ihrer Heimat. Und als sie einmal in einem schicken Schweizer Restaurant eine Portion Schnecken für umgerechnet 37 Euro aß und ihre Schwester, als sie davon erfuhr, sich kaputtlachte über den hohen Preis, kam Maria Vlachou die Idee, dass sie mit Schnecken Geld verdienen könnte.

So gründete sie vor vier Jahren das Unternehmen Fereikos Helix; damit hat sie inzwischen schon mehrere Jungunternehmer-Preise gewonnen. Es entwickelt Konzepte für ökologische Schneckenzuchten - und profitiert nun sogar von der Krise. Denn viele Städter, die ihre Arbeit verloren haben, wollen zurück in ihre Heimatdörfer, dort können sie meist bei Verwandten unterkommen. Einige von ihnen hoffen, Schnecken als Delikatesse verkaufen und so wenigstens ein bisschen Geld verdienen zu können. Hundert Leute kämen deswegen pro Woche zu ihr, sagt Maria Vlachou. Einige könnten dann allerdings die Rechnung nicht bezahlen. Ihre vor einem Jahr gegründete zweite Firma, die Schneckenprodukte verkauft, exportiere daher vor allem ins Ausland.

Der Staat half nicht

Maria Vlachou glaubt, dass man sich nicht auf die Regierung verlassen darf, sondern die Dinge selbst in die Hand nehmen muss. 15.000 Euro Startkapital brauchte sie für ihr Unternehmen - der Staat half nicht, zum Glück sprangen die Eltern ein. „Wir haben viele Schwierigkeiten überwunden“, sagt Maria Vlachou. Wer nicht so ausdauernd ist oder keine Rücklagen hat, schafft es nicht. Oder er geht ins Ausland, wie viele Freunde der jungen Unternehmerin.

Wenn Maria Vlachou in diesen Tagen durch Athen läuft, sieht sie die einst prächtigen Häuser in der Innenstadt, die jetzt verfallen, und die vielen leerstehenden Geschäfte. Die Stadt könnte diese Räume für wenig Geld an junge Leute vermieten, die sich was aufbauen wollen, denkt sie dann. Aber es passiert nichts, seit Jahren.

Das Schlimmste, findet Maria Vlachou, ist nicht, dass die Jugend kein Geld hat - sie hat auch wenig Grund zur Hoffnung. Wenn Syriza stärkste Kraft wird, schwinden auch noch die Hoffnungen der letzten erfolgreichen Unternehmer. Noch aber will Phaedon Tamvakakis daran glauben, dass es ihm ergeht wie dem Segler in der Geschichte. Der war schließlich ein Pionier und kein Verirrter.

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