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Griechenland Multiplikatoren einer Krise

Die Nachrichten aus Athen sind schlecht: zu geringe Steuereinnahmen, zu viele Arbeitslose, zu langsame Erholung. Umso erfolgreicher macht Linkspopulist Alexis Tsipras die Leute glauben, das Elend sei die Folge einer Rechenpanne beim IWF.

© AP Deren Schuld: Im griechischen Parlament bietet Alexis Tsipras seine einfachen Erklärungen für die komplexe Krise an.

Es war ein Rechenfehler. Mehr als drei Jahre nach dem offenen Ausbruch der seit langem schwelenden Krise Griechenlands ist die Ursache für die Schuldenmisere des Landes endlich gefunden - und damit ist auch die Lösung nur noch eine Formalie. Alles Übel rührt nämlich allein daher, dass die Fachleute des Internationalen Währungsfonds (IWF) in ihren Modellrechnungen die Auswirkung der dem Land verordneten massiven Ausgabenkürzungen auf die wirtschaftliche Entwicklung unterschätzt haben. So jedenfalls ist es von Griechenlands linkspopulistischem Oppositionsführer Alexis Tsipras und in abgeschwächter Form auch von dem an sich stets sachlichen Finanzminister Giannis Stournaras zu hören.

Michael Martens Folgen:

Die Quelle solcher Behauptungen ist eine Einschätzung des IWF selbst. Schon im Oktober vergangenen Jahres, just als Bundeskanzlerin Angela Merkel zu ihrem Besuch in der von Polizisten festungsartig gesicherten griechischen Hauptstadt eintraf, hatte der IWF ein wenig Selbstkritik geübt. In einem Bericht des Fonds gab IWF-Chefökonom Olivier Blanchard zu, dass man in den Modellrechnungen, auf denen die Sparprogramme fußen, nicht nur in Griechenland falsche Multiplikatoren für die Prognosen über den Einfluss von Ausgabenkürzungen auf das Wirtschaftswachstum beziehungsweise die zu erwartende Rezession verwandt habe. Demnach wurden diese „systematisch“ zu niedrig angesetzt. Statt des vom IWF verwendeten Multiplikators von etwa 0,5 hätten, je nach Umständen und Land, Multiplikatoren zwischen 0,9 und 1,7 eingesetzt werden müssen. Im Falle Griechenlands sei die Auswirkung von Ausgabenkürzungen in Verbindung mit Steuererhöhungen deutlich stärker gewesen als beim Entwurf des Sparprogramms angenommen, hieß es selbstkritisch vom IWF. Im Falle Griechenlands, so wurde später ergänzt, hätte man für jeden bei den Ausgaben gekürzten Euro einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 1,50 Euro (und nicht 0,50 Euro) ansetzen müssen.

Dass auch die Troika, der außer der Delegation des IWF Fachleute der EU und der Europäischen Zentralbank angehören, sich irren kann, war keine neue Erkenntnis. Originell ist allerdings die „Multiplikator-Debatte“, die sich daraus in den vergangenen Wochen in Griechenland entwickelt hat. Geht es nach Tsipras und einigen populistischen Cheftrompetern der griechischen Medien, gibt es nämlich gar keine Krise mehr. Folgt man solchen Darstellungen, sind die Arbeitslosigkeit, der Schuldenberg und das weiterhin riesige Haushaltsdefizit Griechenlands nicht etwa die Folge einer über Jahrzehnte entstandenen Fehlentwicklung, die sich nach dem griechischen Beitritt zur Eurozone noch verstärkt hat, sondern Resultat eines Kommafehlers. Vergangene Woche kam es darüber zu einem Wortgefecht zwischen Tsipras und Stournaras im Athener Parlament.

Auslöser war eine schriftliche Anfrage von Tsipras an den Finanzminister, wie die Regierung sich die vom IWF eingestandenen Fehlprognosen zunutze machen wolle, um die Geldgeber des Landes zu weiteren Zugeständnissen in Milliardenhöhe zu bewegen. Stournaras versicherte, „der Fehler mit den fiskalischen Multiplikatoren“ sei schon lange auf dem Verhandlungstisch und werde von der Regierung genutzt. Tsipras, dessen aus zahlreichen Kleinstparteien bestehendes Linksbündnis Syriza in den meisten Umfragen knapp vor der konservativen Nea Dimokratia von Ministerpräsident Antonis Samaras liegt, geht das nicht weit genug. Er sieht sich in der Ansicht bestätigt, nicht die Schulden hätten die Krise, sondern die Krise habe die Schulden produziert. Dass Griechenland schon längst vor dem Eintreffen der Troika 2010 in eine Rezession gerutscht war, wird dabei ausgeblendet.

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