23.03.2007 · Mit den Römischen Verträgen begann auf dem leidgeprüften europäischen Kontinent eine Entwicklung hin zu Frieden, Vertrauen und Freundschaft. Ohne sie wäre die deutsche Wiedervereinigung 1990 kaum möglich gewesen. Von Altkanzler Helmut Kohl.
Von Helmut KohlDie Gründung der EWG vor fünfzig Jahren ist der Beginn einer einzigartigen Erfolgsgeschichte. Die Römischen Verträge, die am 25. März 1957 von sechs Ländern unterzeichnet wurden, markieren einen Wendepunkt in der Geschichte unseres leidgeprüften Kontinents. Sie trugen entscheidend dazu bei, dass sich in den Ländern, die an diesem Einigungsprozess teilnahmen, Frieden, Freiheit, Wohlstand und soziale Sicherheit entwickeln konnten.
Dass sich die sechs Gründungsstaaten zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft zusammenschlossen, ist vor allem dem Einsatz führender Politiker der Nachkriegszeit zu verdanken. Es waren der Brite Winston Churchill, die Franzosen Robert Schuman und Jean Monnet, der Italiener Alcide De Gasperi, der Belgier Paul Henri Spaak und der Deutsche Konrad Adenauer, die unter dem Eindruck des Weltkrieges und der vorausgegangenen nationalistischen Rivalitäten von der Idee beseelt waren, eine politische Gemeinschaft zu schaffen, die gegenseitige Feindschaften überwandt.
Zwei Schritte nach vorne, einer zurück
Churchill hatte früh erkannt, dass zuerst Deutsche und Franzosen aufeinander zugehen mussten. Der Schuman-Plan, von Jean Monnet vorbereitet und von Konrad Adenauer und Robert Schuman vereinbart, legte den Grundstein für den Zusammenschluss weiterer Länder in Europa. Nur sieben Jahre nach Kriegsende formierten sich Frankreich, Italien, die Beneluxstaaten und die Bundesrepublik Deutschland zur Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, aus der dann fünf Jahre später die EWG hervorging.
Deutschland und Frankreich blieben auch danach der Motor des europäischen Gedankens. Während in anderen Ländern noch die Skepsis überwog, gingen von Bonn und Paris Initiativen, Anregungen und Pläne für weitere Schritte der Integration aus. Der Weg war mühevoll. Kaum wurden zwei Schritte nach vorne getan, ging es bisweilen schon einen zurück.
Als ich 1982 als neu gewählter Bundeskanzler zum Europäischen Rat nach Kopenhagen fuhr, glaubten viele, auch Beteiligte, nicht mehr an die Zukunft Europas. Das Wort von der „Eurosklerose“ ging um. Es brauchte Ausdauer und Mut, um weiterzukommen. Ich erinnere an die Süd-Erweiterung 1986, an die Einheitliche Europäische Akte zur Schaffung eines europäischen Binnenmarktes 1987, an die Verträge von Maastricht 1991 zur Schaffung einer Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion, der Europäischen Union sowie an die Verträge von Amsterdam 1997, die die große Erweiterung der Europäischen Union vorbereiteten.
Wettbewerb zweier Denkschulen
Dabei darf nicht aus dem Blick geraten, dass die römische Form der europäischen Einigung anfangs allein von den sechs Vertragspartnern, nicht aber von den übrigen Staaten Westeuropas für den richtigen Weg gehalten wurde. Während die Sechsergemeinschaft ein einheitliches Zollgebiet plante, glaubten andere Länder, mit einer Freihandelszone größere Vorteile zu erzielen.
Es zeichnete sich der Wettbewerb zweier Denkschulen ab, als sich neben der EWG auch noch die Europäische Freihandels-Vereinigung EFTA einrichtete. Deren Mitglieder wollten die Vorteile des freien Handels wahren und scheuten alles, was man heute in dem Begriff europäische Integration zusammenfasst. Doch der Erfolg hat unser römisches Modell bestätigt. Bis auf Norwegen und die Schweiz sind alle ehemaligen EFTA-Staaten heute EU-Staaten.
Keine deutsche Einheit ohne Einigung Europas
Unser Land hat von der Einigung Europas besonders profitiert: Wir wurden zwölf Jahre nach der Kapitulation und acht Jahre nach der Gründung der Bundesrepublik als gleichwertiges Mitglied in die europäische Staatengemeinschaft aufgenommen. Dies war auch ein persönlicher Erfolg Konrad Adenauers.
Zu seinen wichtigsten Zielen gehörte es, eine Verständigung mit den ehemaligen Kriegsgegnern zu erreichen. Die Verständigung mit den östlichen Nachbarn war - es war nicht unsere Schuld - hingegen versperrt. Und dennoch haben die Völker jenseits des Eisernen Vorhangs mit ihrem Widerstand gegen den Kommunismus und ihrem Kampf für die Freiheit zum Siegeszug der europäischen Idee beigetragen.
Gerade für Deutschland hat sich bewahrheitet: Zur Politik der europäischen Einigung gibt es keine verantwortbare Alternative. Darüber hinaus dürfen wir nicht vergessen: Ohne die Einigung Europas, an der alle deutschen Bundeskanzler mitgewirkt haben, wäre die deutsche Einheit nicht möglich gewesen. Wir haben sie in Frieden und Freiheit und mit Zustimmung unserer Partner und Freunde in der Welt erreicht. Sie ist die glückliche Verbindung und Verwirklichung eines nationalen und eines europäischen Vorhabens. Wir haben stets gesagt: Die deutsche Einheit und die europäische Einigung sind zwei Seiten ein und derselben Medaille.
Einheit des Vaterlandes in Gemeinschaft Europäern
Es war meiner Regierung, aber auch meinen Vorgängern gelungen, über die Jahre Vertrauen zu unseren Nachbarn und Partnern aufzubauen. Dieses Vertrauen bewährte sich gerade in den dramatischen Wochen und Monaten vor der Wiedervereinigung. Unsere Nachbarn konnten sich darauf verlassen, dass wir die Einheit des Vaterlandes nicht um den Preis eines Ausscherens aus der Europäischen Gemeinschaft, sondern in Gemeinschaft mit den Europäern erreichen wollten.
Das war genauso wichtig wie unser gleichgerichtetes Verhalten in der Nato. Damit waren alle Spekulationen über einen deutschen Sonderweg widerlegt. Nach und nach sahen das die Staats- und Regierungschefs aller befreundeten Staaten in Europa ein, wenn es auch jenseits und diesseits des Ärmelkanals manchen anfangs schwerfiel. Es war keine Frage, dass wir an allen Verabredungen festhalten würden, selbstverständlich auch an der Wirtschafts- und Währungsunion mit der gemeinsamen Währung, dem Euro.
Vertrauen und Freundschaft
Dass wir beim Europäischen Gipfel im Juni 1988 in engster Abstimmung mit dem französischen Präsidenten Mitterrand bereit waren, unsere „gute D-Mark“ zugunsten des Euro aufzugeben, war eine überzeugende Vorleistung. Ich kann in diesem Zusammenhang das Engagement meiner Freunde François Mitterrand und Jacques Delors nicht genügend würdigen. Überhaupt ist die Bedeutung von Vertrauen und Freundschaft für den Fortschritt in Europa hervorzuheben. Das reicht tief ins Persönliche hinein wie mit dem Sozialisten Felipe González und dem Christdemokraten Jean-Claude Juncker.
Die Einführung des Euro am 1. Januar 2002 ist ein Markstein der Europäischen Union, ein Schlüsselpunkt auf dem Weg zum geeinten Europa. Denn dadurch ist die europäische Einigung unumkehrbar geworden. Ebenso prägend und bindend war die Erweiterung der Europäischen Union im Jahre 2004 um zehn und dieses Jahr um zwei weitere Länder auf nunmehr 27 Mitglieder. Von den neuen Mitgliedern befanden sich noch vor 20 Jahren zehn Staaten im Machtbereich des sowjetischen Imperiums. Jetzt, da sie zum Hause Europa gehören, ist die Wiedervereinigung Europas endgültig vollzogen.
„Einheit in Vielfalt“
Das Haus Europa ist jetzt „wetterfest“. Doch es bleibt Wesentliches zu tun: die Vollendung der Politischen Union. Sie kann nur gelingen, wenn sich die Bürger mit „Europa“ identifizieren. Es ist wichtig, die Europäische Union transparenter und demokratischer zu machen. Auch soll in den künftigen Dokumenten, ob sie nun Verfassungsvertrag oder anders heißen, auf unsere christlichen Werte Bezug genommen und die Berufung auf Gott in der Präambel verankert werden. Damit wird deutlich gemacht, auf welchem geistigen Fundament Europa gebaut ist.
Bei der weiteren politischen Gestaltung müssen wir auch darauf achten, dass das Subsidiaritätsprinzip gestärkt wird. Wir dürfen nicht dahin kommen, dass wir alle Fragen zentralistisch in Brüssel oder Straßburg regeln. Das entfremdet die Bürger und macht sie skeptisch gegenüber „Europa“. Das vereinte Europa soll die regionalen und nationalen Identitäten, Kulturen und Lebensweisen bewahren und fördern. Es ist ein Grundbedürfnis des Menschen, sich zu seiner Heimat und seinem Vaterland zu bekennen. Nationales Bekenntnis und europäische Identität sind kein Widerspruch. Wir wünschen uns „Einheit in Vielfalt“. Darin liegt die Stärke einer künftigen Politischen Union.
Meine Generation hat auf den Fundamenten ihrer Vorgänger mit Mut und Beharrlichkeit das Haus Europa weitergebaut. Es ist der Auftrag an die Jüngeren und der Kommenden, das Werk mit Optimismus und Leidenschaft weiterzuführen.
Wer möchte denn hören, was er zu sagen hat
Rüdiger Kimpel (rkimpel)
- 23.03.2007, 17:49 Uhr
Herr Kimpel...
Andreas Wessels (PhunkyData)
- 23.03.2007, 18:15 Uhr
Aus mit 50
Franz Müller (Franzy)
- 23.03.2007, 18:40 Uhr
Dank an Helmut Kohl
Thomas Hechinger (Hechinger)
- 23.03.2007, 19:13 Uhr
EU ... nein Danke
hans maier (eu-phobie)
- 23.03.2007, 19:22 Uhr