Wenn ich gewählt werde, werde ich meinen verdammten Füller nehmen und ein Blatt Papier, und ich schreibe darauf: Der Mindestlohn wird auf 1700 Euro angehoben.“ - So stellt sich Jean-Luc Mélenchon seine erste Amtshandlung im Elysée-Palast vor. Der Mann mit dem fliehenden Kinn und der roten Krawatte zieht immer mehr Franzosen in seinen Bann. Ihnen gefällt, wie der Kandidat der linksextremen „Front de Gauche“ alle Finanzzwänge mit seiner vollen, bassigen Stimme wegredet. Knapp drei Wochen vor dem ersten Wahlgang steht schon fest, dass Mélenchon der Aufsteiger dieses Wahlkampfes ist. Von einem der hinteren Plätze in der Umfragegunst bei sechs Prozent hat er sich innerhalb der vergangenen Wochen auf den dritten Rang, vor der Rechtspopulistin Marine Le Pen, vorgearbeitet.
Die Umfrageinstitute sehen den 61 Jahre alten Tribun bei einem Stimmenanteil zwischen 14 und 15 Prozent. Das kommt, gemessen an den prognostizierten ein bis zwei Prozent für die Grünen, einer Wiederauferstehung der Kommunistischen Partei gleich, die das Gros der Organisationsstrukturen Mélenchons stellt. Dessen Splitterpartei „Parti de gauche“, die Mélenchon nach dem Vorbild der von seinem Freund Oskar Lafontaine mitbegründeten Linkspartei ins Leben rief, hat nicht die kritische Größe für den Präsidentenwahlkampf.
Nicht nur symbolisch gestürzt
Von den neuen Kräfteverhältnissen auf der Linken ist der sozialistische Präsidentschaftskandidat François Hollande unangenehm überrascht worden. Er hielt die Grünen für die aufsteigende Kraft und behandelte Mélenchon immer stiefmütterlich. Jetzt ist die grüne Kandidatin Eva Joly nicht nur symbolisch, sondern auch wirklich gestürzt - am Sonntagabend war sie nach einer Filmvorstellung in Paris eine Treppe hinuntergefallen und musste im Krankenhaus behandelt werden. Sie zog sich nur leichte Kopfverletzungen zu und will bis zum ersten Wahlgang durchhalten.
Aber die Abwanderungsbewegung, die sie nicht zu verhindern verstanden hat, wird zur Belastungsprobe für Hollande. Schon hat Arnaud Montebourg, der sozialistische „Entglobalisierer“, den im vergangenen Herbst mit dem Parteibündnis „Europa Ökologie Die Grünen“ besiegelten Wahlpakt in Frage gestellt. Während die Unterstützung für die Allianz mit den Grünen in der Sozialistischen Partei bröckelt, herrscht Unklarheit über das künftige Verhältnis zu Mélenchons Linksfront. Mélenchon hat schon herumposaunt, er stehe für Kabinettsposten nicht zur Verfügung, aber diese Behauptung hat ihren Haltbarkeitstest noch nicht bestanden. Hollande weiß, dass er Mélenchon nicht länger ignorieren kann, wie er dies am liebsten getan hätte.
„Besondere Dynamik“ zwischen den Wahlgängen
Nicolas Sarkozy wiederum prescht mit einer Überrumpelungsstrategie voran, auf die Hollande als Verwalter seines Umfragevorsprungs wenig reagieren kann. Am Donnerstag will der Präsident als Kandidat ein detailliertes Programm vorstellen - gerade rechtzeitig, um den Franzosen am langen Osterwochenende ein Gesprächsthema zu liefern. Die späte Bekanntgabe des Programms entspricht dem Kalkül, dass die Franzosen erst kurz vor dem Wahltermin am 22. April ihre Entscheidung treffen werden.
Sarkozy setzt darauf, dass sich Hollande zu früh mit seinen „60 Engagements“ für Frankreich offenbart hat, die er bereits Ende Januar versprochen hatte. Bislang scheint Sarkozys Strategie zumindest für den ersten Wahlgang aufzugehen. Lag er vor vier Wochen noch mehrere Prozentpunkte hinter Hollande zurück, ist er in den jüngsten Umfragen an Hollande vorbeigezogen. Nur in den Umfragen für einen zweiten Wahlgang am 6. Mai bleibt der Sozialist deutlich in Führung, wenn sich der Abstand auch von vorher zwölf auf nur noch acht Prozentpunkte verringert hat. Doch Sarkozy hat bekundet, er glaube an eine „besondere Dynamik“ zwischen den beiden Wahlgängen.