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Flüchtlinge auf Ferieninsel : Krisentreffen auf Lesbos

Gestrandet: Die Insel Lesbos ist für zahlreiche Afghanen, Syrer oder andere Personen aus dem Nahen Osten erste Anlaufstelle auf ihrer Flucht über das Meer nach Europa. Bild: Picture-Alliance

Für Zehntausende Flüchtlinge ist die drittgrößte Insel Griechenlands das Tor zu Europa. Dort sieht man, was die EU erwartet, falls der griechische Staat zusammenbricht.

          Wie schön fett die griechischen Frauen sind! Bald wird es dunkel sein, eine Brise kommt auf, die Sommernacht sinkt auf Lesbos herab, und Babak kann es nicht fassen. Eben sind zwei junge Griechinnen vorbeigeschlendert, beide in seinem Alter, und beide schon mit Anfang zwanzig durch üppige Speckpolster vor den scharfen Kanten des Daseins geschützt. Babak blickt ihnen hinterher und macht Europa ein Kompliment: Ein Kontinent, auf dem schon junge Menschen Übergewicht haben, müsse schön sein und gut.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Am Hafen von Mytilini, der Hauptstadt von Griechenlands drittgrößter Insel, findet Abend für Abend ein ungleiches Krisentreffen statt. Auf der einen Seite sind die Einheimischen, die in der „Hacienda“, im „Delicious Corner“ oder im „Café Elena“ bei Cappuccino und Heineken vom Fass über ihre Krise plaudern, über Merkel, Tsipras, Rentenkürzungen, Grexit. Auf der anderen Seite der Straße haben sie Pappkartons aus dem Müllcontainer vom Supermarkt geholt und reißen sie jetzt auseinander, um daraus Matratzen für die Nacht zu basteln.

          Es sind junge Männer aus Somalia, Afghanistan und dem Punjab, Familien aus Bangladesh, Syrien, dem Irak. Wo sie herkommen, bedeuten Krisen nicht Kapitalverkehrskontrollen oder Mindestlohnsenkungen, sondern Hunger, Folter, Sklaverei, Massengrab. Nachlässig beobachtet von den einen, bereiten sich die anderen auf die Nacht vor. Eine Frau stillt ihr Baby, einige Somalier spielen eine letzte Runde Karten, ein kleiner Junge pinkelt an eine Palme neben seiner Schlafstätte und bekommt von seinem Vater eine gelangt dafür. Der Vater führt den Sohn an die Mole und zeigt ihm, wie man ins Mittelmeer schifft.

          Babak will nach Deutschland

          Babak treibt sich schon seit heute Morgen am Hafen herum, er hat es fast geschafft. Die Überfahrt von der Türkei hat er hinter sich, die Registrierung durch die Polizei auch. Jetzt will er so schnell wie möglich auf die Fähre nach Athen, die jeden Abend um acht von Mytilini ablegt. Heute hat er keinen Platz mehr bekommen, morgen wird er es wieder versuchen.

          Wie es von Athen aus weitergeht, hat Babak auswendig gelernt. Nach Thessaloniki, dann über Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich nach Deutschland. Dort will er einen Asylantrag stellen und bleiben. Vor vier Monaten ist er aufgebrochen aus Afghanistan, und seit er hier ist, glaubt Babak, das Schlimmste hinter sich zu haben. Denn Lesbos ist Griechenland, Griechenland ist Europa, und Europa ist gut. Sieht man ja schon an den vielen dicken Mädchen.

          Am nächsten Morgen, auf der anderen Seite des Hafenbeckens von Mytilini, präsentiert sich die Stadt als Postkartenmotiv: Sonne, blauer Himmel, Grüße von Lesbos. Im Hafenbecken Schwärme kleiner Fische, die wie auf ein geheimes Kommando hin manchmal in nordkoreanischer Perfektion plötzlich die Richtung wechseln, während ihre Schuppen in der Sonne glitzern wie Unterwasserkonfetti. Fischerboote ahmen träge den leichten Wellengang nach. Das ist das Griechenland, das die Touristen sehen wollen. Aber weil es auf der Ostseite des Hafens, wo die Fähren und Kreuzfahrtschiffe anlegen, überhaupt nicht danach aussieht, sondern nach Pappkartons und Müll und Elend, hat Frau Kalogirou ein Problem.

          Warten auf ihre Registrierung: Afghanische Flüchtlinge im Hafen von Lesbos

          Christiana Kalogirou ist Chefin der Präfektur Nord-Ägäis, die aus Lesbos, Samos, Chios und einigen kleineren Inseln besteht. Sie hat Beschwerden von ausländischen Reiseagenturen und Reedereien erhalten: „Das war eine erste Warnung. Die wollen nicht, dass sich 500 Flüchtlinge im Hafen aufhalten, wenn die Passagiere von Bord gehen.“ Auch die Sauberkeit der Strände sei in Gefahr, weil Boote und Schwimmwesten der Flüchtlinge am Strand liegenblieben: „Nachts landen die Flüchtlinge an, und tagsüber wollen die Touristen dort an den Strand.“

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