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Europawahl Die Spitzenkandidaten

04.06.2004 ·  Im Europäischen Parlament gibt es länderübergreifende Parteienzusammenschlüsse. Doch auf den Stimmzetteln finden sich die bekannten nationalen Parteien. Die Spitzenkandidaten in Deutschland im FAZ.NET-Kurzporträt.

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Im Europäischen Parlament gibt es länderübergreifende Parteienzusammenschlüsse. Doch auf den Stimmzetteln finden sich die bekannten nationalen Parteien, angeführt von den Spitzenkandidaten.

Hans-Gert Pöttering (CDU)

ist ein Europa-Abgeordneter gewissermaßen der ersten Stunde. Denn er gehört dem Parlament seit der ersten Direktwahl 1979 an. Zuvor war der promovierte Jurist, der in Bonn und Genf studiert hat, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Unionsfraktion im Bundestag. Seit 1999 ist Pöttering, der 58 Jahre alt ist und Vater zweier auch politisch ambitionierter Kinder, Vorsitzender der EVP-ED-Fraktion.

Seine Strategie zielt darauf, auch europaskeptische Strömungen einzubinden, um so die konservativen Kräfte im Parlament zu bündeln. Für die kommende Wahlperiode dringt Pöttering darauf, daß der Präsident der Kommission die Mehrheitsverhältnisse im Parlament spiegele. Wenn die EVP-ED - wie erwartet - wieder stärkste Fraktion in Straßburg wird, solle auch der Kommissionspräsident diese Parteienfamilie repräsentieren. Pötterings Wunschkandidat ist Jean-Claude Juncker, der luxemburgische Ministerpräsident.

Ingo Friedrich (CSU)

ist einer der Vizepräsidenten des Europäischen Parlaments, dem er seit 1979 angehört. Der promovierte Volkswirt arbeitete zunächst in der Elektroindustrie. Sein politisches Engagement führte ihn erst in die Junge Union, dann in die CSU, in der es der Protestant aus Franken bis zum stellvertretenden Parteivorsitzenden gebracht hat. Als „Europäer“ hat(te) es Friedrich in der CSU, in der Europaskepsis kein Schimpfwort ist, nicht immer leicht. 1992 übernahm er den Vorsitz der CSU-Gruppe im Europäischen Parlament; zuletzt gehörte er dem Ausschuß für Wirtschaft, Währung und Industriepolitik an. Von 1999 bis 2000 war er der Stimmführer der Christlichen Demokraten im Grundrechtekonvent. In der aktuellen Verfassungsdiskussion tritt er für einen eindeutigen Bezug des Verfassungsvertrags zu den christlich-jüdischen Wurzeln Europas ein. Der 62 Jahre alte Friedrich ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Martin Schulz (SPD)

begann seine politische Karriere in seiner Heimatstadt Würselen im Kreis Aachen. Der Buchhändler wurde dort mit 31 Jahren jüngster Bürgermeister des Landes. 1994 wechselte er ins Europäische Parlament; dort befaßte er sich zunächst vor allem mit der Innen- und der Menschenrechtspolitik. Als er im vergangenen Sommer den italienischen Ministerpräsidenten Berlusconi provozierte und persönlich angriff, kam es zum Eklat. Vor den Abgeordneten in Straßurg meinte Berlusconi dem Deutschen sagen zu müssen, der sei in einem seinerzeit in Italien gedrehten Film für die Rolle eines KZ-Aufsehers geeignet. Der Skandal war perfekt - und machte Schulz europaweit bekannt. Seit 2002 ist er stellvertretender Vorsitzender der SPE-Fraktion. Für die Zeit nach der Wahl hat er größere Pläne: Er strebt den Fraktionsvorsitz an. Schulz ist 48 Jahre alt, verheiratet und Vater zweier Kinder.

Silvana Koch-Mehrin (FDP)

ist mit 33 Jahren die jüngste im Kreis der Spitzenkandidaten. Sie studierte Volkswirtschaftslehre und Geschichte in Hamburg. Während ihrer Promotion arbeitete sie in der Generaldirektion für Wirtschaft und Finanzen der Europäischen Kommission. Anschließend richtete sie sich als Unternehmensberaterin und Lobbyistin in Brüssel ein. Ein Europaparteitag der FDP in Saarbrücken wählte Frau Koch-Mehrin am 17. Januar zur Spitzenkandidatin, doch Zweifel am Verfahren kamen auf. Ein Berliner Delegierter hatte sich selbst auf die Liste gesetzt, nachdem Frau Koch-Mehrin eine Erklärung nicht hatte unterschreiben wollen, als Europa-Abgeordnete auf Lobby-Aufträge aus der Wirtschaft zu verzichten. Das Tagungspräsidium erklärte die Selbstkandidatur des Berliners für unzulässig, doch da ein Rechtsstreit drohte, wiederholte die FDP die Wahl im März. Frau Koch-Mehrin ist seit 1999 Mitglied des FDP-Bundesvorstandes. Sie hat ein Kind.

Rebecca Harms (Bündnis 90/Grüne)

entstammt der Protestbewegung gegen das Atommüllager im niedersächsischen Gorleben. Sie wurde in Uelzen geboren und machte dort nach dem Abitur eine Ausbildung zur Landschaftsgärtnerin. 1984 wurde sie Mitarbeiterin der Europaabgeordneten Undine von Blottnitz und sammelte so praktische Erfahrung in der Brüsseler Politik. Zeitweilig arbeitete sie auch als Dokumentarfilmerin. Frau Harms ist seit 1994 Abgeordnete im Niedersächsischen Landtag. Um ihr eine dritte Wahlperiode im Landtag zu ermöglichen, setzten die niedersächsischen Grünen erstmals seit Bestehen des Landesverbandes die Rotationsregel außer Kraft. Wegen ihrer Kandidatur für das Europäische Parlament gab Frau Harms kürzlich den Vorsitz der Landtagsfraktion ab, den sie seit 1998 innehatte. Die 47 Jahre alte Politikerin lebt in Dickfeitzen im Wendland und ist seit 1998 Mitglied des Parteirats der Grünen.

Sylvia-Yvonne Kaufmann (PDS)

ist die einzige Spitzenkandidatin aus Ostdeutschland. Nach dem Studium der Japanologie an der Berliner Humboldt Universität wurde sie mit einer Arbeit über die Geschichte der japanisch-chinesischen Beziehungen promoviert. Von 1976 bis 1989 war Frau Kaufmann Mitglied der SED. Nach der Wende trat sie in die PDS ein, in der sie bis zur stellvertretenden Bundesvorsitzenden aufstieg. Frau Kaufmann war Abgeordnete der Volkskammer der DDR und später des Deutschen Bundestags. 1999 wechselte sie ins Europäische Parlament, für das sie sowohl im Konvent zur EU-Grundrechtscharta als auch im Verfassungskonvent mitarbeitete. Sie ist stellvertretende Vorsitzende der Fraktion der Vereinigten Linken. In ihrem Buch "Die Euro-Falle. Plädoyer für ein soziales Europa" regt sie an, die Wirtschafts- und Währungsunion um eine Sozial- und Beschäftigungsunion zu ergänzen. Frau Kaufmann ist 48 Jahre alt und hat zwei Kinder.

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