29.10.2004 · Das historische Treffen hatte wenig Getragenes. Die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union unterschrieben den Verfassungsvertrag in offener Atmosphäre. Rückblicke und Ausblicke in Rom.
Von Heinz-Joachim Fischer, RomVertragsunterzeichnungen haben eigentlich etwas Getragenes. Aber in Rom an diesem Freitag macht zunächst der italienische Ministerpräsident Berlusconi als Gastgeber einen hellwachen Eindruck, wenn er in der Mitte des Kapitolsplatzes mit strahlendem Lächeln auf seine Gäste zugeht, sie überschwenglich wie alte gute Freunde begrüßt, sich Zeit für ein Foto vor der Reiterstatue des altrömischen Kaisers Mark Aurel nimmt und mit unermüdeter Freundlichkeit den nächsten ins Auge faßt.
Bundeskanzler Schröder versucht, Berlusconis Superlaune zu mindern; ohne Erfolg. Des deutschen Außenministers Miene kann ohnehin nichts aufhellen. Alle gehen sie dann über den Platz nach links, unter der Statue der grimmig blickenden römischen Wölfin vorbei, auf rotem Teppich die Stufen hinauf, in den Hauptsaal des Rathauses, des Senatorenpalastes, dorthin, wo gewöhnlich der römische Stadtrat tagt.
„Wunderbare Realität“
Hier wird geredet. Bis alle eingetroffen sind - und das dauert -, beherrscht die Statue des Julius Cäsar die Szene, des altrömischen Republikaners, der den höchsten Monarchen den Namen gab. Die erste Ansprache kommt von dem römischen Bürgermeisters Veltroni -, den Schröder als Ausgleich besonders herzlich begrüßt, weil Veltroni einer der Hoffnungsträger der italienischen Linken ist. Dann sprechen Berlusconi, der niederländische EU-Ratspräsident Balkenende, der Ire Ahern, Josep Borrell, der Präsident des Europaparlaments sowie der Italiener Prodi als noch amtierender und der Portugiese Barroso als designierter EU-Kommissionspräsident.
Berlusconi verspricht, angesichts der „wunderbaren Realität“ eines einigen Europa mit 450 Millionen, Italien wolle als erstes Land diese Verfassung vom Parlament ratifizieren lassen. Noch an diesem Tag werde sein Kabinett einen entsprechenden Gesetzentwurf billigen. Barroso sprach aus Höflichkeit Französisch, Balkenende sprach Holländisch. Deutsch kam nur in der Übersetzung vor.
Keine „christlichen Wurzeln“
Und in dem Namen von Konrad Adenauer. Denn fast alle Redner schlugen den Bogen zurück zu jenem 25. März 1957, als in Rom die Regierungschefs und Außenminister Deutschlands, Frankreichs, Italiens, Belgiens, der Niederlande und Luxemburgs, der Gründerstaaten, die Verträge zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) unterzeichneten. Da wurde es richtig spannend, als die „Präsidenten“ erzählten, man habe damals eine Gemeinschaft gegründet, weil die europäischen Staaten gegeneinander Krieg geführt hätten. Heute sitzen die Herren und ein paar Damen nett und andächtig beisammen. In bester Stimmung treten sie leutselig plaudernd hinaus auf die Freitreppe. Das wäre der Moment gewesen, einem jubelnden europäischen Volk huldvoll zuzuwinken. Aber wegen der strengen Sicherheitsvorkehrungen gab es kein Volk, obwohl Berlusconi gesagt hatte, die Verfassung müsse sich von jetzt an „in einem täglichen Volksentscheid“ bewähren.
Die eigentliche Zeremonie geht in der „Sala degli Orazi e Curazi“ (benannt nach einem Schlachtenbild aus der altrömischen Geschichte), in ebenjenem Festsaal, in dem vor knapp einem halben Jahrhundert die römischen Gründungsverträge geschlossen wurden und wo nun die „Römische Verfassung“ aus der Taufe gehoben werden sollte, über die Bühne. Wenn man das noch so sagen darf, weil Europa, so die Präambel, nicht auf „christliche Wurzeln“ zurückblickt, sondern auf ein „kulturelles, religiöses und humanistisches Erbe“. So haben es zumindest die Väter des Verfassungsvertrages entschieden.
In Historie und Strenge
Aber: In dem Saal stehen zwei prachtvolle barocke Papst-Statuen, die Urbans VIII. (von Bernini) und die Innozen' X. (von Algardi). So mußten die Staats- und Regierungschefs mit einem Begleiter auf Innozenz X. zuschreiten und unter seinen gestrengen Augen unterschreiben, mit Federhaltern, die von der holländischen Ratspräsidentschaft geschenkt worden waren.
Der Präsident des Verfassungskonvents, der Franzose Giscard d'Estaing, unter dessen Federführung das Werk in jahrelangem Ringen entstanden war, blickte streng und undurchdringlich bis zum Schluß. Dann fuhren alle in schönen Autos in den Quirinalspalast zu dem italienischen Staatspräsidenten Ciampi und ließen es sich bei einem Festmahl schmecken.