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Euro-Schuldenkrise : Sündenbock Deutschland

Der Hegemonievorwurf ist noch die Salonversion; besonders beliebt beim Demonstrationsvolk wie hier in Nikosia am vergangenen Dienstag sind Nazi-Vergleiche Bild: AFP

Im Zuge des Zypern-Debakels wird Deutschland wieder einmal „Hegemoniestreben“ vorgeworfen. Berlin steht am Pranger, weil es auf Reformen besteht. Schönes Europa, in dem die Ressentiments blühen!

          Jetzt ist einem Mitglied der Bundesregierung der Kragen geplatzt – endlich, möchte man hinzufügen. Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger beklagt sich darüber, dass die Spitzen der Europäischen Union Deutschland nicht gegen ungerechtfertigte Kritik verteidigten. Zuvor glaubte der luxemburgische Außenminister Asselborn, Deutschland „Hegemoniestreben“ vorwerfen zu müssen, ja, dass es andere Länder erwürgen wolle.

          Asselborn, der gerne viel redet, sorgte sich bei der Einlassung im Lichte des Zypern-Debakels offenkundig um den Finanzplatz Luxemburg und das dortige Geschäftsmodell. Also schleuderte er in Richtung Berlin den Hegemonie- und Diktatvorwurf. Frau Leutheusser-Schnarrenberger fand das nicht mehr lustig. Ist es auch nicht.

          Seit Ausbruch der Staatsschuldenkrise in den südlichen Ländern der Währungsunion müssen sich Deutschland und seine führenden Politiker, vor allem die Bundeskanzlerin, viel Übles anhören. Der Hegemonievorwurf ist dabei noch die Salonversion; besonders beliebt beim Demonstrationsvolk in Athen oder jetzt in Nikosia sind Nazi-Vergleiche. Kanzlerin Merkel stürze Griechen, Portugiesen, Zyprer und andere ins Unglück, weil sie auf Haushaltskonsolidierung bestehe und auf Reformen.

          Zu unrecht am Pranger

          Auf die Idee, dass dies der einzige Weg ist, der aus der Misere führt, in die vor allem korrupte Eliten und eine falsche Politik sie gebracht haben, kommen die wenigsten. Solidarität wird verlangt, vulgo: dass andere die Rechnung übernehmen –, und weil die deutsche Regierung auf einer Gegenleistung besteht, steht sie am Pranger. Schönes Europa, in dem die Ressentiments blühen! Man kann sich nur Frau Merkels Gelassenheit wundern angesichts von Verunglimpfungen der tumben Art.

          In der Krise macht Deutschland die Erfahrungen, welche die Vereinigten Staaten, auf einer anderen Ebene freilich, schon lange machen: Egal, was man tut oder auch nicht tut, man wird gerügt und ist der Dumme. Das ist die Erfahrung der Macht, jetzt auch der, die im europäischen Kontext die größte ist. Weil Deutschlands Wirtschaftskraft so stark zugenommen hat und weil der Abstand zu den Partnern immer größer wird, wächst die Missgunst. Schon in der Schule war der Klassenbeste meistens ziemlich unbeliebt.

          Deutschland ist nicht bei allen unbeliebt, aber in den Krisenländern sind die Kommentare oft negativ bis unverschämt. In Italien wurde mit Spitzen gegen Frau Merkel und gegen Deutschland Wahlkampf gemacht. Logisch, dass Außenminister Westerwelle, der schon von Amts wegen die Reputation Deutschland ein Anliegen ist, darüber nicht erbaut ist.

          Deutschland macht noch eine weitere Erfahrung, es ist die Thatcher-Erfahrung. Wie sich seinerzeit viele andere europäische Regierungen hinter der britischen Premierministerin versteckten, weil die Dinge sagte, die andere sich nicht offen zu sagen trauten, bekommt jetzt die Bundesregierung Prügel für eine Politik, die ganz im Sinne anderer EU-Partner ist. Und das sind gar nicht so wenige. Aber am Pranger, wie gesagt, steht vor allem das angeblich neoimperiale Deutschland.

          Ja, es ist wahr: Von Griechenland bis Irland machen die Leute jetzt einiges durch, und den Zyprern stehen harte Zeiten bevor. Aber harte Zeiten haben, zum Beispiel, auch die Balten erlebt, aber die mussten alleine sehen, wo sie bleiben. Sie haben sich mit eigener Kraft aus Krise gearbeitet. Und das zweite deutsche Wirtschaftswunder ist auch nicht vom Himmel gefallen, es ist das Ergebnis von harten betrieblichen und Anpassungen, von Lohnverzicht und einer Sozialstaatsreform, wie sie das Land lange nicht erlebt hatte.

          Und groß waren die Veränderungen, welche den Ostdeutschen zugemutet wurden. Das mildert nicht die Not von Spaniern und Griechen, aber es zeigt, dass auch die Lebensentwürfe anderer Europäer tiefe Einschnitte ausweisen – und die große Ressentimentkeule wurden trotzdem nicht geschwungen.

          Ein früherer polnischer Botschafter in Berlin hat kürzlich im kleinen Kreis dafür geworben, dass sich die Partner Deutschlands stärker darum bemühen sollten, die Psychologie der Deutschen zu verstehen. Denn die werden beschimpft, obschon sie es sind, die letztlich den europäischen Karren ziehen und für andere einspringen sollen.

          Dreist und einfältig

          Vielleicht ist das zuviel verlangt, und vielleicht wären hierzulande manche hämischen und gehässigen Auslassungen besser unterblieben. Aber es ist irgendwie dreist und einfältig, von Deutschland Führung und Verantwortung zu erwarten, und wenn die nicht so ausfällt wie gewünscht – Stichwort Eurobonds zum Beispiel –, dann antideutsche Feuerchen zu entzünden und Deutschland zum Sündenbock zu machen: für eine Lage, an der zyprische Banken oder griechische Politiker in erster Linie schuld sind.

          Am deutschen Wesen soll die Welt nicht genesen. Und keiner sollte kopieren müssen, was die Deutschen (mit Erfolg) tun. Aber dann sollte auch jeder für sich die Verantwortung übernehmen. Wer schlecht oder gefährlich wirtschaftet, wer seien eigene Wettbewerbsfähigkeit fahrlässig schwächt, der sollte die folgenden Kosten dafür selbst tragen.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

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          Quelle: FAZ.NET

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