Der umstrittene Italiener Rocco Buttiglione hat am Samstag seinen Verzicht auf das Amt des EU-Innen- und Justizkommissars verkündet. Im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung beschreibt er die Mechanismen, die dazu geführt haben.
Herr Professor Buttiglione, haben Sie etwas gesagt, was man als Politiker nicht sagen sollte?
Politiker sollten aufrichtig sein und den Mut haben zu sagen, was sie denken. Nach dem, was über meine Äußerungen geschrieben wurde, habe ich den Eindruck, daß nicht meine Worte wiedergegeben wurden, sondern das, was in einigen Dossiers längst über mich vorbereitet war.
Was haben Sie genau gesagt?
Ich hatte gesagt, selbst wenn ich denken würde, daß Homosexualität Sünde sei, hätte das für die Politik keine Bedeutung. Denn die Politik darf nicht diskriminieren, und die Frage gehört in die Privatsphäre, in die sich der Staat nicht einmischen darf. Das Wort Sünde gehört auch nicht in die politische Diskussion. Das habe auch nicht ich eingeführt, sondern meine politischen Gegner, mit ihren wiederholten Fragen.
Viele Politiker treten gegen den Anspruch der Kirche auf Mitsprache in allen Lebensbereichen an, und sie geben sich damit antiklerikal. Wie stehen Sie dazu?
Heute gibt es einen neuen Klerikalismus der Linken. Sie meinen zum Beispiel, man dürfe über manche Dinge gar nicht sprechen. Ich meine gerade, wenn der Unterschied zwischen Religion und Politik wegfällt, haben wir eine neue, wenn auch atheistische Staatsreligion. Ich bin gegen jegliche Bevormundung. Sie werden von mir auch keinen Satz finden, in dem ich mich auf die kirchliche Autorität berufe.
Sind denn die Katholiken oder die Christen heute ohnehin nur noch eine Minderheit?
Ja und nein. Ja, weil die Macht in der Gesellschaft in den Händen anderer Kräfte ist. Nein, weil auch jene, die sich gegen das Christentum stellen, in der Tiefe ihres Herzens eine christliche Gestalt bewahren und etwas fühlen, was sie zutiefst verunsichert.
Noch aus Ihrer Professorenzeit gelten Sie als enger Vertrauter des früheren Philosophieprofessors Karol Woytila, des heutigen Papstes. Wurde mit dem, was Ihnen widerfuhr, auch der Papst aus Europa hinausgedrängt?
Darauf kann ich nicht antworten. Ich habe in meiner politischen Karriere nie den Heiligen Vater gebraucht, benutzt, nicht einmal interpretiert. Ich hoffe, nach dem Sinne seines Herzens zu handeln. Die politische Verantwortung ist jedenfalls immer meine eigene.
Wie viele Truppen hat denn der Papst oder anders gefragt: Haben Sie in den Auseinandersetzungen der vergangenen Wochen Verbündete gefunden?
Unsere Verbündeten waren immer die Gewissen der Menschen. Daran ist die größte Militärmacht unserer Zeit zugrunde gegangen. Zur aktuellen Diskussion läßt sich sagen, daß viele liberale Intellektuelle Italiens, aber auch Europas das Thema richtig aufgefaßt haben, auch wenn sie in der Substanz anderer Meinung sind. Sie haben mich nicht aus Freundschaft verteidigt, sondern weil sie echte Liberale sind und es lieben, sich an die Spielregeln zu halten. Ich selbst sehe mich in diesem Fall ebenfalls als Liberaler, der es vorzieht, mit Einhaltung der Spielregeln zu verlieren, als mit einem Betrug zu gewinnen. Ohne die Spielregeln gehen Liberalität und Demokratie verloren.
Sie treten ein für die Meinungsfreiheit, wollen aber für eine neue Wertorientierung in Europa kämpfen. Paßt das zusammen?
In diesem Fall darf ich vielleicht den Philosophieprofessor Woytila zitieren. Der sagt: Die Wahrheit muß in Freiheit anerkannt werden. Wenn wir einen Menschen mit Gewalt zwingen, nach der Wahrheit zu handeln, hat das keinen moralischen Wert. Oder anders gesagt, eine Welt, in der alle Gutes tun, aber nur, weil sie dazu gezwungen werden, wäre der Hölle näher als dem Himmel. Ich kämpfe für die christlichen Werte, aber die Waffen dieses Kampfes sind Dialog und Diskussion.
Wie sehr trifft Sie persönlich der Rückzug Ihrer Kandidatur?
Es ist das Recht jedes Mitgliedsstaates der Union, einen Kandidaten für die Kommission zu entsenden, ohne daß gegen diesen diskriminiert wird wegen seiner politischen Orientierung. Genau das ist hier geschehen. Doch ich kann nicht das Gemeinwohl der Europäischen Union aufs Spiel setzen, nur um mein persönliches Recht durchzusetzen. Die Politiker haben dem Volk zu dienen und müssen sich manchmal auch dabei aufopfern.