22.11.2007 · Die Erfolge im Kampf gegen Rauschgift in Europa werden durch den stark gestiegenen Konsum von Kokain relativiert, der inzwischen unabsehbare Folgen für die öffentlichen Gesundheitssysteme hat. In Spanien und Großbritannien wird die Droge besonders stark konsumiert.
Von Daniel DeckersDer Gebrauch von Rauschgiften in Europa nimmt nach Einschätzung der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD) nicht mehr so stark zu wie in den neunziger Jahren. Der Direktor der in Lissabon ansässigen EU-Behörde, Wolfgang Götz, sprach am Donnerstag aus Anlass der Vorstellung des jüngsten Jahresberichts von „Stabilisierung“. In mancher Hinsicht gebe es sogar Grund zu „vorsichtigem Optimismus“.
Allerdings ist die Zahl der Personen, die im Zusammenhang mit dem Gebrauch von Rauschgiften versterben, nicht rückläufig: Unter jungen Erwachsenen, so Götz, ist Rauschgift in Europa noch immer eine der häufigsten Todesursachen. Drogen seien weiter eine Herausforderung für Gesundheits- und Sozialpolitik sowie Strafverfolgungsbehörden, sagte Götz. Immerhin seien auf manchen Gebieten, etwa dem der Prävention, der Behandlung und der Schadensminimierung, echte Fortschritte zu verzeichnen. Außerdem seien die EU und die Mitgliedstaaten dank koordinierter Drogenaktionspläne und -strategien heute „besser gerüstet als noch vor zehn Jahren“. Was die einzelnen Rauschgifte angeht: Heroin verliert an Popularität, Cannabis stabilisiert sich auf hohem Niveau, und die Nachfrage nach Kokain wächst stark.
Cannabis: Deutlich geringerer Verbrauch in Deutschland
Cannabis ist nach Auswertung der Berichte aus allen 27 EU-Mitgliedstaaten nach wie vor das am weitesten verbreitete Rauschgift in Europa. Im EU-Durchschnitt haben dreizehn Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter von 15 bis 34 Jahre in den zurückliegenden zwölf Monaten Kontakt mit Cannabis gehabt – und das weitgehend unabhängig davon, ob der Cannabisgebrauch unter Strafe steht oder in das Belieben des Einzelnen gestellt ist. Die „liberalen“ Niederlande und das „repressive“ Schweden etwa weisen jeweils mittlere Prävalenzraten auf, Spanien, die Tschechische Republik, Frankreich und Großbritannien hingegen sehr hohe. Immerhin scheint sich der aktuelle Gebrauch in den Ländern mit hohen Gebrauchsraten auf hohem Niveau stabilisiert zu haben oder sogar rückläufig zu sein. Unter den Ländern mit einer mittleren Prävalenzrate ragt Deutschland heraus: mit einem Rückgang des Cannabisgebrauchs.
Anlass zur Beruhigung sind diese Zahlen nach Einschätzung der EBDD nicht. Denn die Stabilisierung des Cannabisgebrauchs im Allgemeinen geht wohl nicht mit einer Verringerung des regelmäßigen und intensiven Gebrauchs dieses Rauschgifts einher. „Schätzungsweise ein Prozent der europäischen Erwachsenen – rund drei Millionen Menschen – konsumieren die Droge möglicherweise täglich oder fast täglich“, heißt es in dem Bericht. Harmlos ist der intensive Gebrauch von Cannabis nicht. Nachdem die Möglichkeit einer Cannabisabhängigkeit noch in den neunziger Jahren von vielen Suchthilfeeinrichtungen ignoriert und von vermeintlich aufgeklärten Politikern ins Lächerliche gezogen wurde, bestreitet heute niemand mehr, dass Cannabis abhängig machen und mit psychischen Störungen bis hin zu Schizophrenie verbunden sein kann.
Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Zwischen 1999 und 2005 hat sich die Zahl der Europäer, die wegen Cannabisproblemen professionelle Hilfe in Anspruch genommen haben, auf annähernd 44000 verdreifacht, ein Drittel der neuen Behandlungsanfragen entfällt mittlerweile auf Cannabispatienten. Freilich spiegelt sich in dieser Entwicklung nicht nur ein ungebrochen riskanter Umgang mit Cannabis. Nach Einschätzung der EBDD geht die steigende Nachfrage nach Behandlung auch auf eine größere Zahl von Zuweisungen aus dem Justizsystem und die Eröffnung spezifischer Beratungsdienste für Cannabisgebraucher zurück. Mittlerweile gibt es in dreizehn von 27 EU-Staaten spezialisierte Behandlungsstellen für Cannabispatienten – allein in Frankreich etwa 250.
Kokain: Hoher Verbrauch in Spanien und Großbritannien
Kokain hat nach Berechnungen der EBDD Amphetamin und Ecstasy vom zweiten auf den dritten Platz der beliebtesten Rauschgifte verdrängt. Der Kokaingebrauch hat mittlerweile unübersehbare Folgen für das öffentliche Gesundheitssystem. „Die in den Vorjahren gemeldete zunehmende Tendenz bei der Zahl der Patienten, die eine Behandlung wegen des Konsums von Kokain beantragen, setzt sich fort“, heißt es im EBDD-Bericht. In Zahlen: Bei 33.000 oder 22 Prozent der neuen Behandlungsanfragen stand Kokaingebrauch im Vordergrund. Dabei ist die Zahl der Länder, die spezialisierte Behandlungsdienste für Kokaingebraucher anbieten, eher klein. Besonders viel Kokain wird nach wie vor in Spanien und Großbritannien gebraucht, über eine hohe Zahl von Kokainpatienten in Behandlung berichten aber vor allem Spanien und die Niederlande. Insgesamt haben nach Berechnungen der EBDD zwei Millionen Europäer das Rauschgift in den letzten dreißig Tagen zu sich genommen. Damit ist die Zahl der Kokaingebraucher doppelt so hoch wie die der aktuellen Gebraucher von Ecstasy.
Zu erklären sind diese Zahlen nach Einschätzung der EBDD mit zwei Entwicklungen: Zum einen ist Kokain wie alle anderen Rauschgifte in Europa in den zurückliegenden Jahren billiger geworden, zum anderen scheint es in mehreren Ländern und einigen Szenen Ecstasy und Amphetamine als Rauschgifte ersetzt zu haben. So zählt nur eine Minderheit der Personen, die sich wegen Kokaingebrauchs in Behandlung begeben, zu der auch sozial auffälligen Gruppe derjenigen, die Kokain zusammen mit Opiaten gebrauchen oder Kokain als „Crack“ benutzen. Mehr als drei Viertel der Kokainpatienten werden als „sozial stärker integriert“ beschrieben, denen über einem „Freizeitgebrauch“ des Rauschgifts die Kontrolle über sich selbst entglitten ist oder zu entgleiten droht, die Symptome von Abhängigkeit aufweisen oder deren Gesundheitszustand durch den Kokaingebrauch Schaden genommen hat.
Das genaue Ausmaß der Kokainproblematik in Europa lässt sich indes noch nicht bestimmen. „Die gesundheitlichen Folgen des Kokaingebrauchs werden auch in den vorhandenen Berichtssystemen häufig nicht ausreichend erkannt“, sagte EBDD-Direktor Götz. Hinzu kommt, dass viele Kokaingebraucher keine Hilfe in Anspruch nehmen – oder private Spezialkliniken aufsuchen und nicht als Rauschgiftgebraucher identifiziert werden, wenn sie wegen psychischer Störungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Hirngefäßerkrankungen oder neurologischen Symptomen behandelt werden. So ist auch die Zahl von offiziell 400 Todesfällen im Zusammenhang mit Kokain gewiss zu niedrig. Fest steht aber, dass die Zahl der Straftaten, die mit Kokain in Zusammenhang stehen, in allen europäischen Ländern mit Ausnahme Deutschlands und Bulgariens gestiegen ist – im Durchschnitt um 62 Prozent.
Zahl der Drogentoten sinkt nicht weiter
Besorgt äußerte sich der Direktor der EBDD auch über die Entwicklung der Zahl der Rauschgifttoten. Die jüngsten Daten zeigten, dass die Zahl „drogenbedingter Todesfälle“ allen Erwartungen zum Trotz nicht weiter gesunken ist, sagte Götz. So wurde der Rückgang in einigen Ländern, darunter Deutschland, zuletzt durch einen Anstieg der Zahl der Rauschgifttoten um mehr als 30 Prozent etwa in Ländern wie Griechenland, Österreich, Portugal und Finnland mehr als ausgeglichen. Die Zahl der Verstorbenen, die in den offiziellen Statistiken für das Jahr 2005 als Rauschgifttote erfasst wurden, verharrt demnach auf „historisch hohem Niveau“ bei etwa 8000.
Heroin kann dafür kaum der Grund sein: Es hat in Europa weiter an Popularität verloren. HIV-Epidemien infolge intravenösen Rauschgiftgebrauchs gehörten der Vergangenheit an, sagte Götz. Die Ursachen für die weiter hohen Zahlen an Rauschgifttoten, die in krassem Gegensatz zu den Zielsetzungen des aktuellen EU-Drogenaktionsplans stehen, vermag die EBBD nicht präzise zu bestimmen. Aber es wird mittlerweile eine beträchtliche Zahl von Todesfällen gemeldet, die in Zusammenhang mit dem leichtfertigen Umgang mit Substanzen wie Methadon stehen, die als Ersatzopiate bei der Behandlung von Heroinabhängigen eingesetzt werden. Als Risikofaktoren in den Blick zu nehmen sind überdies auch der gleichzeitige Gebrauch mehrerer Rauschgifte sowie die zunehmende Verfügbarkeit von Heroin infolge sinkender Preise und ein höherer Reinheitsgrad des Rauschgifts.
In der Zahl der Rauschgifttoten schlagen sich nach Angaben von EBDD-Direktor Götz noch nicht die jüngsten Opium- ernten in Afghanistan nieder. „Die Nachhaltigkeit der insgesamt stabilen oder sich verbessernden Situation des Heroingebrauchs in Europa wird durch die wachsende Opiumproduktion in Frage gestellt“, sagte Götz – zumal es in Europa noch keinen umfassenden und allgemein akzeptierten Ansatz für die Vermeidung von todbringenden Heroinüberdosierungen gibt. An einzelnen bewährten Strategien fehlt es indes nicht. Die Spannweite der Interventionen reicht von Erste-Hilfe-Kursen für Rauschgiftgebraucher bis dahin, lebensrettende Medikamente zur Verfügung zu stellen und für die Risiken sogenannten polyvalenten Rauschgiftgebrauchs zu sensibilisieren.
Daniel Deckers Jahrgang 1960, in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.
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