05.11.2009 · Virtueller Dealer, synthetische Droge: Laut Jahresbericht der „Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht“ werden Vertrieb und Zusammensetzung der in Europa konsumierten Drogen immer vielschichtiger - und „aggressiv-professionell“ vermarktet.
Von Daniel DeckersGebrauch, Zusammensetzung und Vertrieb von Rauschgiften in Europa werden immer vielschichtiger. Zu den „klassischen“ Rauschgiften auf pflanzlicher Basis wie Heroin, Kokain und Cannabis und den synthetischen Rauschgiften Amphetamin beziehungsweise Ecstasy gesellen sich nach Worten des Direktors der „Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht“ (EBDD), Götz, zunehmend das flächendeckend bisher nur in den Vereinigten Staaten verbreitete Methamphetamin sowie synthetisch hergestellte Substanzen, die dazu gedacht sind, die Bestimmungen des Betäubungsmittelrechts zu umgehen.
Vertrieben würden diese Substanzen im wachsenden Maß über das Internet, sagte Götz der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ aus Anlass der Vorstellung des jüngsten Berichts seiner Behörde über den Stand des Drogenproblems in Europa. „Die Vielfalt der online angebotenen Substanzen reicht von Drogen, die seit langem in bestimmten Teilen der Welt gebraucht werden, bis zu synthetisch in Labors hergestellten und an Menschen völlig unerprobten Substanzen“, hieß es dort weiter. Als Beispiel für das rasche Auftauchen und ebenso rasche Verschwinden eines solchen Produkts führte Götz „Spice“ an, eine als Räuchermischung angebotene Mixtur aus angeblich pflanzlichen Substanzen.
„Spice“ wurde seit Anfang vergangenen Jahres im Rahmen des EU-Frühwarnsystems beobachtet und chemisch analysiert. Das Ergebnis: Einige Mischungen enthielten chemisch hergestellte Substanzen, die aus der Pharmaforschung stammen und dem Wirkspektrum von Cannabis zuzuordnen sind. Mehrere EU-Staaten, darunter Deutschland, unterstellten „Spice“ und ähnliche Produkte daraufhin dem Betäubungsmittel- oder Arzneimittelrecht. Die mehr als hundert von der EBDD beobachteten Online-Shops reagierten darauf mit dem Angebot von Ersatzprodukten.
„Versuche, die Drogenkontrolle durch das Angebot nicht kontrollierter Substanzen zum umgehen, sind nicht neu“, meinte Götz. „Neu sind hingegen die breite Palette von Substanzen, die aggressiv-professionelle Vermarktung von Erzeugnissen mit vorsätzlich falsch deklarierten Inhaltsstoffen, die zunehmende Nutzung des Internet und die Geschwindigkeit, mit der dieser Markt auf Kontrollmaßnahmen reagiert.“
Hohe Dunkelziffer bei Todesfällen mit Kokain-Zusammenhang
Auf hohem Niveau weitgehend stabil erwies sich im vergangenen Berichtsjahr der Markt für Heroin und Kokain. Die Zahlen der Heroingebraucher und der Todesfälle im Zusammenhang mit Heroin weisen in Europa eine gleichbleibende bis leicht steigende Tendenz auf: 1,2 bis 1,5 Millionen „problematischen Opioidkonsumenten“ in der EU und Norwegen standen in den vergangenen Jahren bis zu 8500 Todesfälle gegenüber, bei denen der Rauschgiftgebrauch nachweislich mitursächlich war. Unter den Todesursachen Jugendlicher und junger Erwachsener steht Rauschgiftgebrauch in nicht wenigen Ländern, vor allem in Ost- und Südosteuropa, an vorderster Stelle.
Kokain wird nach wie vor überwiegend in den westlichen EU-Ländern gebraucht, in der Regel vor allem von jüngeren Erwachsenen. Die Zahl der Todesfälle, die mit Kokain in ursächlichem Zusammenhang standen, gibt die EBDD für das Jahr 2007 mit 500 an. Diese Zahl sei jedoch „bei weitem“ zu niedrig, sagte Götz. Nach seinen Worten ist mit einer hohen Dunkelziffer zu rechnen, da die Beteiligung von Kokain an einem Versagen des Herz-Kreislauf-Systems nur selten erkannt wird. Ob die Öffentlichkeit jemals Genaueres über die fatalen Folgen des Kokaingebrauchs erfahren wird, ist fraglich. Götz berichtete, dass in mehreren Ländern die Quote der Autopsien sinke.
Weniger Cannabis-Konsum unter Jugendlichen
Der Gebrauch von Cannabis ist nach den Daten, die der EBDD zur Verfügung stehen, im allgemeinen rückläufig. Zumal unter Jugendlichen wird Cannabis seit einigen Jahren nicht mehr so oft gebraucht wie vor zehn Jahren. Als „weniger ermutigend“ schildert die EBDD indes die Zahlen in Bezug auf den regelmäßigen und intensiven Gebrauch von Haschisch und Marihuana. Die Rede ist von 2,5 Prozent aller Jugendlichen, die Tag für Tag Cannabis gebrauchen und daher hohen Gesundheitsrisiken ausgesetzt sind.
Besorgniserregend hoch ist nach Angaben der EBDD mittlerweile auch die Zahl der Personen, die mehrere Rauschgifte gleichzeitig benutzen beziehungsweise Rauschgifte mit legalen psychoaktiven Substanzen wie Alkohol und Nikotin kombinieren. „Mehrfachgebrauch“ wurde etwa bei mehr als der Hälfte der insgesamt 260 000 Personen diagnostiziert, die im Jahr 2006 wegen Rauschgiftgebrauchs erstmals behandelt wurden.
Vor diesem Hintergrund warb Götz abermals für die Verbesserung und finanzielle Konsolidierung der „Rauschgift-Überwachungssysteme“ in den mittlerweile europäischen 30 Staaten, die mit der in Lissabon ansässigen EBDD zusammenarbeiten: „Wir sind davon überzeugt, dass dieses Überwachungssystem nicht nur entscheidend ist für eine fundierte Diskussion der Drogenproblematik, sondern auch zu einer besseren und wirksameren Politik führt“, sagte Götz.
Daniel Deckers Jahrgang 1960, in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.
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