Seit Monaten steht die Türkei im Bann der EU, und der Blick nach Brüssel hat alles andere an den Rand gedrängt. Alle wichtigen Fernsehkanäle schalten daher um 13 Uhr nach Brüssel, wo die Kameras auf den Kommissionspräsidenten Prodi gerichtet sind. Als Prodi seine erlösende Botschaft verkündet, erfaßt aber kein Freudenschrei das Land. Kein hupender Autokorso blockiert den zentralen Taksim-Platz, und über dem Bosporus, der Europa mit Asien verbindet, gehen keine Feuerwerke nieder.
Eher sind stille Seufzer zu hören und ein tiefes Durchatmen, es endlich doch geschafft zu haben. Es scheint, als hätten die Türken an diesem großen Tag alle mediterrane Emotionalität abgelegt. Kühl wie die Finanzmärkte haben sie reagiert, und die hatten schon vor Monaten die Entscheidung der Europäischen Kommission in den Preisen vorweggenommen.
Ritterschlag für die türkische Seele
Der türkische Nachrichtensender ntv stellt den von keinem als historisch beanspruchten Tag unter das Motto: „Die Türkei auf dem Weg nach Europa“, und Justizminister Cicek spricht davon, eine Kurve genommen zu haben. Der Weg ist also nicht zu Ende. Das erinnert ein wenig an die Geschichte von der lahmen Ente, die der türkische Unternehmer und Kämpfer für die EU, Ishak Alaton, so gerne erzählt. Die Geschichte spielt im Mittelalter, in Bagdad. Dort habe die Ente verkündet, nach Mekka aufzubrechen. Mitleidig hätten ihre Freunde auf sie heruntergeblickt, schmunzelt Alaton. Denn sie würde ja doch nie ankommen und unterwegs wohl sterben. „Frohen Herzens aber habe sie ihnen erwidert: Hauptsache auf dem Weg nach Mekka.“
An diesem 6. Oktober 2004 um 13 Uhr hat die Türkei aber eine wichtige Etappe hinter sich gebracht. Ob ergebnisoffen verhandelt wird oder nicht, das interessiert in diesem Augenblick die wenigsten. Denn das Ziel ist nähergerückt, und die ersehnte Anerkennung durch Europa ist gekommen. Empfunden wird sie als eine Art kleiner Ritterschlag für die türkische Seele. Da tut ihr nach den vergangenen Wochen, in denen so viel verständnisloses Seufzen zu hören war, gut.
Aus dem Tritt geraten
Denn immer wieder hatten sich die Türken die Augen gerieben wegen jener - wie sie es empfanden - Tricks, die sich die Europäer noch einfallen lassen wollten, um das gegebene Wort, nach der Erfüllung der Kopenhagener Kriterien Beitrittsverhandlungen aufzunehmen, doch nicht einhalten zu müssen. Hatte aber der deutsche Bundeskanzler Schröder im Februar in Istanbul den Türken nicht noch versichert: „Draufgesattelt werden kann nicht“? Mit souveräner Gelassenheit nahm daher Cicek die am Mittag verkündeten neuen Bedingungen und Hürden an. Gewünscht habe er sie sich nicht. Aber wenn im nächsten Jahr die Beitrittsverhandlungen beginnen könnten, so sei's drum.
Fassungslos haben die Türken in den vergangenen Wochen auch ihre Regierung verfolgt. Die hatte in den fast zwei Jahren seit ihrem Amtsantritt zunächst couragiert alle Vorgaben der EU aus den Kopenhagener Kriterien angepackt und abgearbeitet. So war nun die ganze Nation auf den 6. Oktober eingestellt. Dann aber war die Regierung im Spätsommer aus dem Tritt geraten. In den letzten Minuten des Spiels schien sie den souverän herausgespielten Vorsprung zu verspielen.
Türken haben ein langes Gedächtnis
Dabei stand und steht für die Türken viel auf dem Spiel. Auf ihrem Weg nach Europa geht es ihnen in erster Linie um die Anerkennung ihrer „europäischen Identität“. In der alten EU mögen viele den Türken diese Identität absprechen. Wer aber durch die Türkei reist und den Leuten die Frage stellt, als was sie sich fühlten, der wird von Edirne in Thrazien bis nach Erzurum im Osten Anatoliens die - von einem Hauch Unverständnis begleitete - Antwort bekommen: „Als Europäer! Als was denn sonst?“
Für die Oberschicht stand diese Orientierung nie in Frage. Türken haben ein langes Gedächtnis und nicht selten eine gute Bibliothek. So kann es geschehen, daß einem Bilder aus dem 19. Jahrhundert vorgelegt werden. Beliebt ist eines vom Friedensvertrag des Jahres 1856 in Paris, der den Krimkrieg beendet und dem Osmanischen Reich die Teilhabe am europäischen Recht zugestanden hat. Das Bild zeigt den osmanischen Sultan im Kreis der gekrönten Häupter von damals. Ein anderes Bild aus dem Jahr 1886, ebenfalls aus Frankreich und mit dem Titel „Les Souverains d'Europe“, nimmt ebenfalls den osmanischen Sultan in die Ahnengalerie der Herrscher auf dem Alten Kontinent auf.
„Europaaaa, Europaaaa, höre meine Stimmeeee“
Der Kreis derer, die denken wie Emin Cölasan, ist daher klein. In seiner Kolumne in der auflagenstarken Zeitung „Hürriyet“ schießt die Galionsfigur der türkischen Nationalisten jeden Tag Salven gegen die EU ab und gegen alles, was die Türkei demokratischer und liberaler machen könnte. Auch am Mittwoch spottete er wieder: „Europaaaa, Europaaaa, höre meine Stimmeeee. Das sind der Türken Schritteeee. Wir haben gefleht, wir haben wir gebettelt, klein sind wir geworden, und wir haben nachgegeben.“ Mit seinem Appell an den türkischen Nationalstolz, der es alleine richten könne, erreicht Cölasan aber nur eine Minderheit.
Denn drei von vier Türken wollen in die EU. Wie aber die EU funktioniert und daß die Bananenverordnungen irgendwann auch auf die schmackhaften, aber kleinen Anamur-Bananen angewandt werden könnten, das weiß in der Türkei noch kaum jemand. Das will auch keiner wissen. Denn wichtig ist ihnen heute allein das „Projekt Europa“. Nach dem Zweiten Weltkrieg war daran angeknüpft worden, als die Türkei 1949 Mitglied des Europarats wurde. 1951 trat das Land der Nato bei, 1959 bewarb sich Ankara um eine Mitgliedschaft in der EWG. 1963 wurde das Assoziationsabkommen unterzeichnet; Walter Hallstein wünschte sich damals, daß eines Tages der letzte Schritt vollzogen werde: „Die Türkei soll vollberechtigtes Mitglied der Gemeinschaft sein.“
Entwickelter Westen und unterentwickelter Osten
1987 legten die Türkei und Marokko Anträge auf Mitgliedschaft in der Europäischen Gemeinschaft vor. Derjenige Marokkos wurde erst gar nicht angenommen, weil er von einem nichteuropäischen Land stamme. Den aus Ankara wies die Kommission zwei Jahre später mit der Begründung zurück, die Türkei sei noch nicht reif für eine Vollmitgliedschaft, und zudem mache die EG mit dem Projekt „Binnenmarkt“ tiefgreifende Veränderungen durch. In jenem Jahrzehnt hatte die EG auch zunächst Griechenland aufgenommen, danach Spanien und Portugal.
Gerne zeigen türkische Intellektuelle auf diese Erweiterungsrunden. Damals habe Europa Länder aufgenommen, die Militärdiktaturen abgeschüttelt hatten und deren Wirtschaften unterentwickelt waren. In den zwei Jahrzehnten seither haben sich diese Länder grundlegend verändert. Europa war der Katalysator für die Konsolidierung der Demokratie und für die wirtschaftliche Modernisierung geworden, ohne daß es in der Gemeinschaft zu einer Schwächung der Integration gekommen wäre. Über Jahrzehnte hatten türkische Regierungen ihre Bevölkerung mit Lippenbekenntnissen belogen, daß sie alles täten, um die Türkei in die EU zu führen. Denn in Wahrheit zogen sie den Status quo vor. Wer eine andere Republik wollte, der setzte auf die EU, und so konnte die AKP Erdogans bei der Wahl Ende 2002 alle etablierten Parteien geradezu hinwegfegen. Reformen hatte bereits die letzte Regierung Ecevit eingeleitet; seit Anfang 2003 hat sich dieser Prozeß aber dramatisch beschleunigt. Es wird jedoch Zeit brauchen, bis die Reformen überall in der Türkei zu spüren sind und außerhalb des Landes auch anerkannt werden.
Der Reformprozeß ist nicht abgeschlossen. Noch immer besteht die Türkei aus zwei Ländern: dem entwickelten Teil im Westen und einem unterentwickelten Osten. Hupkonzerte gab es am Mittwoch nach 13 Uhr weder in dem einen noch in dem anderen. Nur Alltag. So hat in Istanbul an diesem Tag im Stadtteil Aksaray die erste Schule ihren Betrieb aufgenommen, die nur kurdisch unterrichtet. Dank der von der EU geforderten Reformen.