11.03.2008 · Eine neue Studie facht die Kontroverse um den in fast allen EU-Länder verbotenen schwedischen Lutschtabak Snus an. Kritiker halten eine generelle Zulassung für unverantwortlich.
Von Michael Stabenow, BrüsselEs kommt nicht oft vor, dass Tabakkonzerne und Gesundheitsschützer an einem Strang ziehen. Möglich macht dies ein derzeit in der Europäischen Union nur in Schweden zugelassener Lutschtabak namens Snus. Er kommt häufig wie ein in einem Miniteebeutel verpackter Kaugummi daher, den der Benutzer zwischen Oberlippe und Kiefer klemmt, jeweils gut eine halbe Stunde lang. Über die Mundschleimhäute gelangt Nikotin in andere Körperregionen und entfaltet dort rasch seine Wirkung.
Geht es nach den Fürsprechern, sollte das 1992 für die gesamte EU erlassene Snus-Verbot umgehend fallen. Während es derzeit keine Anzeichen dafür gibt, dass die Europäische Kommission von ihrer ablehnenden Haltung abweichen könnte, wittern im Parlament die Befürworter einer Aufhebung des EU-Verbots Morgenluft. "Ich bin zuversichtlich, dass es gelingen kann", sagt einer ihrer Wortführer, der niederländische Liberale Jules Maaten, und verweist auf die nahende Überprüfung der EU-Vorschriften für Tabakprodukte aus dem Jahr 2001.
Weniger gesundheitliche Risiken als bei Zigaretten
Er behaupte keineswegs, dass Snus gesund sei und das enthaltene Nikotin den Benutzer nicht abhängig mache, erläutert Maaten. Er befürworte Rauchverbote zum Schutz von Passivrauchern, aber auch abschreckende Warnhinweise auf Tabakprodukten. Nicht einleuchtend sei es hingegen, die Vermarktung von Zigaretten zu erlauben, aber Snus zu verbieten. "Bei Snus gibt es keine Gefahr, andere Rauch auszusetzen und zu gefährden", sagt der Abgeordnete. Bestärkt fühlen sich Maaten und seine Mitstreiter durch ein im Februar veröffentlichtes Gutachten eines der Europäischen Kommission zuarbeitenden wissenschaftlichen Ausschusses (Scenhir). Es bestätigt, dass Snus weniger gesundheitliche Risiken berge als Zigaretten. Für Lars-Erik Rutqvist, einen in Diensten des führenden Snus-Herstellers Swedish Match stehenden Krebsmediziner, ist damit ein Schlussstrich unter die wissenschaftliche Debatte in Europa gezogen: "Die Politiker müssen nun entscheiden, ob es vernünftig ist, Europas Rauchern weiter den Zugang zu einer im Vergleich zu Zigaretten beträchtlich weniger riskanten Option vorzuenthalten", erklärt Rutqvist.
In dem EU-Bericht heißt es, die schwedischen Daten legten den Schluss nahe, dass Snus kein Einfallstor für künftige Raucher sei. Glaubt man der schwedischen Gesundheitsbehörde, dann schaffen sogar vier Fünftel aller Schweden, die das Rauchen aufgeben, dies mit Hilfe von Snus. "Man muss anerkennen, dass Snus eine Möglichkeit ist, das Rauchen aufzugeben", erklärt Gudrun Persson, Abteilungsleiterin der Behörde.
Eine „mächtig abhängig machende Substanz“
Die EU-Wissenschaftler erinnern in ihrer Studie freilich daran, dass Snus wie alle rauchfreien Tabakprodukte Nikotin enthalte, eine "mächtig abhängig machende Substanz". Hingewiesen wird auch auf das erhöhte Risiko von Krebserkrankungen, nicht zuletzt der Bauchspeicheldrüse. Im Gegensatz zu anderen rauchfreien Tabaksorten gebe es keine Beweise dafür, dass Snus die Gefahr von Krebserkrankungen in der Mundhöhle erhöhe. Die Tatsache, dass in Schweden, wo nach Branchenangaben 23 Prozent der männlichen Erwachsenen Snus konsumieren, der Anteil der Raucher - 14 Prozent der Männer, 19 Prozent der Frauen - im Gegensatz zu den anderen EU-Ländern unter der Vorgabe der Weltgesundheitsorganisation (20 Prozent) liegt, könne aber auch an "erfolgreichen Nichtraucherprogrammen oder anderen soziokulturellen Faktoren" liegen, schreiben die Verfasser.
Hier will Scott Tomar ansetzen, auf rauchfreien Tabak spezialisierter Inhaber des Lehrstuhls für Zahnmedizin und Verhaltenswissenschaften der Universität Florida in Gainsville. Die amerikanischen Bundesstaaten zeigten, dass angemessen finanzierte Programme zur Eindämmung des Tabakkonsums ihre Wirkung nicht verfehlten. "Unverantwortlich wäre es, sich auf eine mit vielen Risiken und nach den meisten gängigen wissenschaftlichen Standards nachweislich unwirksame Strategie einzulassen, solange wir nicht die Ansätze ausgeschöpft haben, die erwiesenermaßen funktionieren", erklärt Tomar.
Zweifel an den hehren Absichten der Branche
Der EU-Bericht erscheint Tomar fair und ausgewogen, zumal er sich im Allgemeinen mit den Erkenntnissen der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) decke. Tomar bestreitet aber, dass Snus kein Einfallstor für künftige Raucher sei - der Disput drehe sich vor allem darum, in welchem Umfang dies zutreffe. Scharf kritisiert der Wissenschaftler, dass in Amerika angebotene Tabakprodukte von Swedish Match "viel höhere Konzentrationen krebserregender Nitrosamine" als die auf dem Heimatmarkt vertriebenen Produkte enthielten. "Dieses Unternehmen ist weit entfernt von jenem ethischen Modell, das es gern von sich zeichnen lässt." Tomas Hammargren, bisher in Brüssel für Swedish Match und seit Monatsanfang für den ebenfalls auf rauchfreie Tabakprodukte setzenden Konzern British American Tobacco tätig, weist solche Vorwürfe zurück. "Der in Amerika verkaufte Snus ist identisch mit dem in Schweden und Norwegen."
Martin McKee, Forschungsdirektor der Europäischen Beobachtungsstelle für Gesundheitspolitik und -systeme, äußert Zweifel an den hehren Absichten der Branchen. "Hauptziel ist es, die Leute tabakabhängig zu machen, ob durch Zigaretten oder durch Snus", sagt McKee. Gesundheitspolitisch sei nicht zwischen den Risiken von Zigaretten und Snus, sondern zwischen den gesundheitlichen Folgen des Konsums und des Verzichts auf Tabakprodukte zu unterscheiden. Ähnlich sieht es wohl nach wie vor eine Mehrheit der Europaabgeordneten. "Eine Zulassung von Snus kommt überhaupt nicht in Frage. Gerade weil es so unschuldig wirkt, ist es besonders gefährlich", sagt die SPD-Parlamentarierin Dagmar Roth-Behrendt. Die Grünen-Abgeordnete Hiltrud Breyer gesteht zwar zu, dass Snus im Vergleich zu anderen Tabakprodukten ein kleineres Übel sei. Es stelle sich aber dennoch die Frage: "Warum sollen wir ein Produkt, das schädlich ist, in der EU salonfähig machen? Nuancierter äußert sich der CDU-Politiker Karl-Heinz Florenz, der unlängst federführend eine Parlamentsstellungnahme zur EU-Kommissionsmitteilung "Für ein rauchfreies Europa" erarbeitet hat. Zu denken gegeben hat ihm der Einwand eines italienischen Parlamentariers, dass es letztlich um die Frage gehe, wie viele Menschenleben gerettet werden könnten. Sinnvoll sei es daher, wenn sich das Parlament in einem weiteren Expertenbericht einen noch besseren Überblick zu Snus verschaffen könne. "Es kann gut sein, dass ich dann noch entschiedener gegen die Zulassung argumentieren werde."