Home
http://www.faz.net/-gq4-71hrb
Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ein Jahr nach dem Massaker von Utøya Norwegen trauert und wartet

 ·  Heute vor einem Jahr verübte Anders Behring Breivik die Attentate von Oslo und Utøya - und veränderte Norwegen für immer. Die Folgen der unfassbaren Tat werden noch lange zu spüren sein - auch nachdem Ende August das Urteil gegen Breivik ergangen sein wird.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (1)
© AP

An jedem einzelnen der 150 Säcke, die in einer Halle des städtischen Bauhofs im Süden Oslos lagern, hängt ein Zettel. „Gute Gedanken leben ewig“ steht darauf. „Dies ist Erde aus den Rosen, die nach dem 22. Juli niedergelegt wurden.“ Der Kompost wird für die Gestaltung eines der beiden Mahnmale aufbewahrt, die künftig in Oslo und in der Nähe der Insel Utøya an das schlimmste Verbrechen der jüngeren Geschichte Norwegens erinnern sollen.

Auch am Sonntag, wenn sich der Bombenanschlag im Zentrum der norwegischen Hauptstadt und das Massaker im Zeltlager der Jungsozialisten erstmals jähren, werden die Norweger wieder Rosen kaufen. Sie werden sie am Vormittag zu dem Gedenkgottesdienst im Dom von Oslo mitbringen, vor dessen Portal im vergangenen Sommer ein Meer von Blumen lag. Und sie werden am Abend zu einem Gratiskonzert mit dem Rundfunkorchester und den bekanntesten Popsängern des Landes auf dem Rathausplatz ziehen, wo sich drei Tage nach dem Doppelattentat mehr als 100.000 Menschen zu einer Kundgebung versammelten. „Heute sind die Straßen voller Liebe“, sagte Kronprinz Haakon damals. „Wir haben uns entschieden, auf den Hass mit Zusammenhalt zu antworten.“

Postkarten, Zeichnungen, Kuscheltiere

So große Worte sind ein Jahr später nicht zu erwarten. Bewusst schlicht sollen die Gedenkfeierlichkeiten ausfallen. Die Trauer um die 77 Opfer der Anschläge ist zu einer stillen Angelegenheit geworden. Jens Stoltenberg, der Ministerpräsident, wird am Sonntag einen Kranz niederlegen; für die Hinterbliebenen wird ein Besuch auf der Insel organisiert, die im Alltag längst wieder jedermann offensteht. Eine Auswahl der vom norwegischen Staatsarchiv im vergangenen Sommer gesammelten Beileidsbekundungen - Postkarten, Zeichnungen, Kuscheltiere - ist inzwischen auf dessen Internetseite zu sehen.

Den Attentäter Anders Behring Breivik, dem das Amtsgericht in Oslo im Frühjahr den Prozess gemacht hat, würden die meisten Norweger gerne vergessen, und das öffentliche Interesse an dem Prozess war geringer als erwartet; die Internetseite der Tageszeitung „Dagbladet“ etwa verzeichnete nur in der ersten Prozesswoche deutlich überdurchschnittliche Nutzerzahlen.

Geheimdienst in der Kritik

Doch weder in der norwegischen Politik noch im Straßenbild von Oslo sind die Folgen des brutalen Anschlags zu übersehen, den der geständige Täter unverändert als Notwehrhandlung gegen die seiner Ansicht nach bevorstehende Islamisierung Norwegens darstellt, ebenso wie das Massaker auf Utøya. Mehr als 4000 Tonnen Bauschutt sind aus dem Regierungsviertel abtransportiert worden, in dem die von Breivik aus Kunstdünger hergestellte Autobombe detonierte. Sechs Ministerien mit rund 2000 Beschäftigten und das Büro des Ministerpräsidenten sind seither in Provisorien untergebracht. Im August sollen die letzten Straßensperren abgebaut werden; ob die am stärksten in Mitleidenschaft gezogenen Gebäude instand gesetzt oder abgerissen werden, ist noch nicht entschieden. Die Baukosten schätzen Fachleute auf bis zu zehn Milliarden Kronen, umgerechnet 1,3 Milliarden Euro. 1,5 Milliarden Kronen wurden für Aufräumarbeiten, zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen und Mieten ausgegeben.

Während das Königshaus und der Ministerpräsident für ihre besonnene und zugleich einfühlsame Reaktion auf die Anschläge weithin gelobt wurden, richtete sich die Kritik der Öffentlichkeit rasch gegen die Sicherheitsbehörden. Dem Geheimdienst wurde vorgeworfen, die Gefahr durch rechtsextreme Einzeltäter unterschätzt und Hinweise auf die Vorbereitung des Anschlags übergangen zu haben.

Behörden gestanden Pannen

Die Polizei brauchte nach dem ersten Notruf von Utøya mehr als eine Stunde, um das Blutbad auf der 40 Kilometer von Oslo entfernt in einem See gelegenen Insel zu beenden. Verzögert wurde der Einsatz unter anderem dadurch, dass wegen der Sommerferien keine Hubschrauberbesatzung in Bereitschaft war und das von der Antiterroreinheit genutzte Boot kenterte. Nach einer anfänglichen Blockadehaltung gestanden die Behörden eine Reihe von Pannen und Fehlentscheidungen ein. Im Herbst trat der Justizminister zurück, der in Norwegen auch für die Polizei zuständig ist. Später folgten die Geheimdienstchefin und hohe Beamte aus dem Justizministerium. Inzwischen hat der Polizeibezirk Oslo einen zusätzlichen Hubschrauber in Großbritannien gemietet und garantiert jetzt Einsatzbereitschaft rund um die Uhr. Im Sommer haben Polizei und Militär außerdem zum ersten Mal ein gemeinsames Manöver abgehalten. Und das Parlament wird nach der Sommerpause über eine Verschärfung des bislang vergleichsweise großzügigen norwegischen Waffenrechts debattieren, das Breivik die Beschaffung seiner Mordwerkzeuge ermöglichte.

Polizei und Geheimdienst, Gesundheitsbehörde und Rettungsdienst sowie ein Parlamentsausschuss haben ihre Analysen zum behördlichen Umgang mit den Attentaten schon abgeschlossen. Weitere Hinweise auf Lücken im Sicherheitssystem soll der Bericht einer unabhängigen Sonderkommission liefern, der in drei Wochen vorgelegt werden soll. „Ich glaube, dass unser Bericht darüber hinaus Neues enthalten wird“, hat die Vorsitzende der aus Sicherheitsfachleuten aus verschiedenen Ländern bestehenden Sonderkommission angekündigt.

Immer noch Ermittlungen im Umfeld des Täters

Die „ungeschminkte Darstellung“ des Geschehenen werde Verantwortlichkeiten deutlicher als bisher benennen. Die Kommission wurde im vergangenen Sommer ausdrücklich mit dem Auftrag eingesetzt, die gesellschaftlichen Zusammenhänge zu ergründen, aus denen die Tat und der Täter erwachsen sind. „Wir werden eine Darstellung vorlegen, aus der sich hoffentlich etwas lernen lässt“, sagt die Vorsitzende.

Der Prozess gegen Breivik vor dem Amtsgericht in Oslo ist vor vier Wochen abgeschlossen worden. Das Urteil soll am 24. August verkündet und im norwegischen Fernsehen übertragen werden. Zwar ermitteln immer noch einige Kriminalbeamte im Umfeld des Täters, Medienberichten zufolge unter anderem, um vollen Zugriff auf dessen Konten beim sozialen Netzwerk Facebook und im Kurznachrichtendienst Twitter zu erlangen. Strafrechtlich strittig ist aber nur noch die Frage, ob Breivik zur Tatzeit zurechnungsfähig war oder unter einer Psychose litt. Die beiden vorliegenden psychiatrischen Gutachten kommen in diesem Punkt zu unterschiedlichen Einschätzungen.

Folgt das Gericht der Staatsanwaltschaft, die wegen erheblicher Zweifel an Breiviks geistiger Gesundheit auf Unzurechnungsfähigkeit plädiert hat, soll das einzige Hochsicherheitsgefängnis des Landes um eine psychiatrische Abteilung erweitert werden, in der Breivik untergebracht würde. Alle drei Jahre müsste sein Gesundheitszustand formal überprüft werden. Wird er hingegen für zurechnungsfähig erklärt, liegt das maximale Strafmaß bei 21 Jahren Haft und anschließender Sicherungsverwahrung. Sollte gegen das Urteil Berufung einlegt werden, so ist auch für diesen Fall schon gesorgt: Das Gericht zweiter Instanz hat vom 15. Januar an einen Verhandlungssaal für den nächsten Prozess gegen Breivik reserviert.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1978, Redakteur in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge

Unter der Sonne Berlins

Von Klaus-Dieter Frankenberger

Manchmal reiben sich die Deutschen an Amerika. Trotzdem haben sie Obama nicht aus dem Herzen verstoßen. Er ist noch immer „ihr“ Präsident und Idol. Mehr 19 6