http://www.faz.net/-gpf-74dfj
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 15.11.2012, 15:14 Uhr

Deutscher Konsul bedrängt Merkel verurteilt Gewalt

In Thessaloniki haben Dutzende griechische Demonstranten eine Bürgermeisterkonferenz gestürmt. Die Eindringlinge skandierten „Nazis raus“ und bedrängten den deutschen Generalkonsul. Kanzlerin Merkel verurteilte die gewalttätigen Proteste.

© dapd Der Kaffeebecher eines Demonstranten fliegt durch die Luft und trifft den deutschen Generalkonsul von Thessaloniki, Wolfgang Hoelsche-Obermaier

Dutzende griechische Demonstranten haben in Thessaloniki eine Bürgermeisterkonferenz mit deutschen Teilnehmern gestürmt und während einer Rangelei den deutschen Generalkonsul in der Stadt mit Kaffee übergossen. Der Protest am Donnerstag richtete sich gegen die Anwesenheit des parlamentarischen Staatssekretärs im Arbeitsministerium, Hans-Joachim Fuchtel (CDU). Er ist deutscher Sondergesandter für Griechenland. Leidtragender der Handgreiflichkeiten war Generalkonsul Wolfgang Hoelscher-Obermaier. Er blieb unverletzt und wurde von Polizeibeamten aus dem Gedränge geleitet.

„Diese Leute sind nicht hierhergekommen, um uns zu helfen, sondern um unsere Todesstrafe zu verkünden“, sagte Themis Balasopoulos, Chef der Gewerkschaft der Kommunalangestellten. Die Demonstranten skandierten „Nazis raus“, als sie die Teilnehmer der Konferenz von griechischen und deutschen Bürgermeistern bedrängten und am Zugang hindern wollten. Über Lautsprecher spielten sie Nazi-Hymnen und griechische Radioaufnahmen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs ab.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verurteilte die gewalttätigen Proteste. „Gewalt ist kein Mittel der Auseinandersetzung“, sagte Merkel in Berlin. Selbstverständlich müsse es aber möglich sein, friedlich zu protestieren. Nach einem Treffen mit dem französischen Ministerpräsidenten Jean-Marc Ayrault sagte
sie, Deutschland und Frankreich seien sich einig, dass jetzt schnell der komplette Troikabericht für Griechenland vorgelegt werden müsse. Die Finanzminister der Eurozone sollten am Dienstag zu Entscheidungen
kommen, wie die Milliardenlöcher im griechischen Haushalt geschlossen
werden können.

  „Jeder hat das Recht zu demonstrieren“, erklärte auch Fuchtel, der Griechenland-Beauftragte Merkels, dem griechischen Staatsradio zufolge nach dem Zwischenfall. Der griechische Innenminister Evripidis Stylianidis sagte im fernsehen: „Gewalttaten [...] gefährden jede Bemühung, das Land wieder auf die Beine zu stellen.“ Konsul Hoelscher-Obermaier führte die Ausschreitungen auf Missverständnisse am Vortag zurück.

„Stärker pro-griechisch als je zuvor“

Fuchtel hatte am Mittwoch in Thessaloniki die Produktivität griechischer und deutscher Arbeitnehmer verglichen und erklärt, 1000 deutsche Arbeitnehmer leisteten die Arbeit von 3000 Griechen. Fuchtel ruderte danach zurück. Er habe es nicht so gemeint, wie es einige hätten verstehen wollen. Er habe viele tüchtige Arbeitnehmer in griechischen Kommunen kennengelernt. Hoelscher-Obermaier sagte, die deutsch-griechische Kooperation von Kommunalpolitikern schaffe täglich „3000 neue Freundschaften“.

Bei der Konferenz in Thessaloniki am Donnerstag sagte Fuchtel nun, es handele sich bei diesen Äußerungen um „ein Missverständnis“, das inzwischen ausgeräumt sei. Er sei nun „stärker pro-griechisch als je zuvor“.

Griechenland Thessaloniki Turbulenzen in Thessaloniki: Einsatz der Polizei während der Bürgermeisterkonferenz © dpa Bilderstrecke 

In Griechenland wird Deutschland häufig für die harten Sparmaßnahmen verantwortlich gemacht, die das Land erfüllen muss, um Finanzhilfe zu erhalten. Deutschland zählt zu den größten Geldgebern. Erst vergangene Woche hatte das Parlament in Athen ein weiteres Sparpaket verabschiedet. Bei einem Besuch von Bundeskanzlerin Merkel (CDU) gingen im Oktober rund 50.000 Bürger auf die Straße.

Die jüngsten Beschlüsse des Parlaments sehen weitere Einsparungen in Höhe von 18,5 Milliarden Euro bis zum Jahr 2016 vor. Geplant sind neben Entlassungen im öffentlichen Dienst und Steuererhöhungen vor allem weitere Kürzungen bei Renten und Gehältern, im Gesundheits- und Sozialwesen sowie Streichungen beim Kinder- und Weihnachtsgeld vor.

Die Eurozone will Athen zwei weitere Jahre zur Erfüllung seiner Sparauflagen zugestehen, über die Finanzierung des Aufschubs gibt es aber noch keine Einigung.

Mehr zum Thema

Quelle: AP/AFP

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Respektlos Kritik am Fernbleiben der deutschen Politik

Die deutschen Sportler fühlen sich von der Politik missachtet. Es kommt nicht gut an in Rio, dass die Führungsriege nicht bei den Olympischen Spielen in Rio präsent ist. Unseren Athleten fällt das auf, sagt DOSB-Vizepräsident Bischof. Mehr

10.08.2016, 21:29 Uhr | Sport
Berlin Merkel verurteilt Ausschreitungen in Heidenau

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat die fremdenfeindliche Stimmung in der sächsischen Stadt Heidenau als inakzeptabel bezeichnet. Mehr

06.08.2016, 13:16 Uhr | Politik
Atatürk und die Flüchtlinge Der große Bevölkerungstausch

Nach dem griechisch-türkischen Krieg strömten im Jahr 1923 Muslime aus anderen Ländern in die Republik Atatürks. Wie löste die Türkei ihr damaliges Flüchtlingsproblem? Ein Gastbeitrag. Mehr Von Klaus Kreiser

18.08.2016, 22:19 Uhr | Feuilleton
Äthiopien Blutige Proteste in Addis Abeba

Hunderte Demonstranten sind am Samstag in mehreren Städten Äthiopiens mit Kräften der Polizei zusammengestoßen, sie wendeten sich gegen die Ausweitung der Hauptstadt auf Anbauflächen von Bauern. Mehr

06.08.2016, 17:43 Uhr | Politik
SPD-Chef Gabriel steht zum Stinkefinger

Sigmar Gabriel zeigte Rechtsradikalen bei einem Termin den Mittelfinger. Danach gab es Kritik daran. Jetzt hat die SPD einigen aufgebrachten Bürgern geantwortet. Mehr

17.08.2016, 16:58 Uhr | Politik

Mit Stahlhelm in die Schule?

Von Reinhard Müller

Die Kommunikation mit Verschleierten ist auch in der Schule nicht möglich. Würde der Staat weltanschauliche Gebote ungeprüft erlauben, schaffte er sich ab. Mehr 38 264