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Deutsch-griechisches Verhältnis Letzte Hoffnung Goethe

Die Griechen sind auf Deutschland gerade nicht gut zu sprechen, zumindest in Wirtschaftsfragen. Bundeskanzlerin Merkel ist für viele Medien eine Hassfigur. Doch es existiert in der Bevölkerung auch noch ein anderes Deutschlandbild.

© Ta Nea Vergrößern Der böse Deutsche ist wieder da, und griechische Medien haben ihn schon gesichtet. Die Tageszeitung „Ta Nea“ titelt „Nein! Nein! Nein!“ über einer Karikatur von Merkel

Der böse Deutsche ist wieder da. Eigentlich war er nie wirklich weg. Er hatte sich nur versteckt. Oder er war anderweitig beschäftigt. Jetzt ist er jedenfalls zurück, und griechische Medien haben ihn schon gesichtet. Zwar berichten einige, beispielsweise die Athener Tageszeitung „Kathimerini“ und der Fernsehsender „Skai TV“, weiter unerschütterlich seriös über die griechische Krise und ihre Auswirkungen, doch im Hintergrund schwillt unüberhörbar ein antigermanischer Bocksgesang an: Die Deutschen sind schuld.

Der berüchtigte Radiokommentator Giorgios Trangas hetzt gegen Angela Merkel, „die Hündin aus Berlin“, wie er sie nennt. Vor dem Wort „Hündin“ benutzt er noch ein Adjektiv, das wir aus Rücksicht auf das Feingefühl unserer Leser lieber nicht abdrucken. Seit der deutsche Vorschlag zur Entsendung eines Sparkommissars nach Athen die Runde machte, hat sich die Stimmung noch einmal verschlechtert.

„Die ständige Berichterstattung hinterlässt Spuren“

„Die Idee mit dem Sparkommissar hat auch bisher Gemäßigte in die Enge getrieben. Sie müssen sich jetzt dafür rechtfertigen, dass sie in den Deutschen nicht die Wurzel allen Übels sehen“, sagt Martin Knapp, Chef der deutsch-griechischen Industrie- und Handelskammer in Athen. Mit Unterbrechungen hat er mehr als drei Jahrzehnte in Griechenland gelebt. Er ist mit einer Griechin verheiratet, spricht fließend Griechisch, war in den achtziger Jahren mehrere Jahre als „Gastarbeiter“ in einem griechischen Ministerium tätig, kurzum - er kennt das Land wirklich. Gerade deshalb bereitet ihm die derzeitige Stimmung Sorgen: „Die ständige Berichterstattung mit dem Tenor, Deutschland sei an allem schuld, hinterlässt Spuren.“

Die Stimmung ist miserabel. Angela Merkel ist eine Hassfigur in Griechenland. „Wenn sie nach Athen käme, ich gäbe ihr keine 500 Meter“, sagt ein deutscher Geschäftsmann in Griechenland. Manche deutschen Unternehmen haben ihre Repräsentanten bereits abgezogen, BMW zum Beispiel. Das hat allerdings weniger mit antideutschen Ressentiments als mit der Wirtschaftslage zu tun. Es lohnt sich nicht mehr, einen teuren Entsandten im Lande zu haben, wenn man die Leitung der verbliebenen Geschäfte auch einem Einheimischen anvertrauen kann.

Spaßbremse in die griechische Verfassung einbauen

Geld für teure Autos haben jedenfalls immer weniger Griechen - und wenn sie es haben, überlegen sie es sich zweimal, ob es unbedingt eines aus Merkel-Land sein muss, diesem seltsamen Staat, der eine Spaßbremse in die griechische Verfassung einbauen lassen will. In Radiosendungen wird dazu aufgerufen, deutsche Produkte zu meiden. Gleich zu Beginn der Krise gab es Demonstrationen vor den Filialen einer deutschen Elektromarktkette mit der Parole, die Läden aus dem Land der Ausbeuter nicht zu betreten - man sei doch nicht blöd. Die Initiative, die bis heute in dem Verdacht steht, von einem Konkurrenzunternehmen gelenkt worden zu sein, gab schnell auf. Doch andere laufen jetzt erst an. Der Vorsitzende des Ingenieursverbands fordert zum Boykott deutscher Produkte auf und will die Filialen von deutschen Supermarktketten auf Verstöße gegen die Bauvorschriften prüfen lassen. Angeblich soll es vor allem Lidl an den Kragen gehen. Aldi hat das Land bereits verlassen.

Dabei sei die antideutsche Stimmung keineswegs ein durchgängiges Phänomen, im Gegenteil, sagt Martin Knapp. Der Deutsche, der durch viele Fernsehauftritte bekannt ist in Griechenland, wurde im Flugzeug unlängst von einem Ehepaar angesprochen: Ob er der Herr von der deutschen Wirtschaft sei? Nachdem Knapp bejaht hatte, sagte der Mann: „Wir dachten uns das schon, waren uns aber nicht sicher. Weil sie ja in der Economy-Klasse fliegen.“

Deutschkurse erfreuen sich großer Beliebtheit

Rüdiger Bolz ist ein anderer in Athen bestens vernetzter Deutscher. Er leitet das Athener Goethe-Institut. Es ist das älteste Goethe-Auslandsinstitut der Welt. Bereits seit 1952 - der Abzug der Wehrmacht, Massaker wie das von Kalavryta oder die Ermordung der Juden von Thessaloniki in Auschwitz waren damals noch nicht einmal zehn Jahre her - wird in Athen wieder mit Goethes Namen für deutsche Kultur und Sprache geworben. „Man spürt deutlich: 60 Jahre als Fundament kultureller Zusammenarbeit tragen über politisch und publizistisch belastete Klimaphasen hinweg“, sagt Bolz.

Tatsächlich existiert jenseits der undifferenzierten Äußerungen einiger Medien und Politiker auch ein anderes Deutschlandbild in Griechenland. Die Sprachkurse der Goethe-Institute erfreuen sich jedenfalls großer Beliebtheit. Die Institute in Athen und Thessaloniki nehmen jährlich fast 30.000 Prüfungen ab. Damit liegen sie weit vor allen anderen Instituten in der Welt. Die Deutschen seien nicht so unbeliebt, wie das derzeit wirken möge, meint Bolz. „Ich glaube nicht, dass es spezifisch antideutsche Denkmuster hier gibt. Aber es gibt ein diffuses Verhältnis zu Europa, in dem Deutschland als politisch wie ökonomisch führendes Land wahrgenommen wird.“

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Dabei wird Frau Merkel als die eiserne Kanzlerin Europas betrachtet. „Die publizistisch notorisch wiederholte Warnung vor einer neoliberalen europäischen Wirtschaftsregierung mit dem Siegel Merkels verfängt nur zu leicht“, sagt Bolz. Die unablässige Beschreibung der EU (lies: Deutschlands) als bevormundende Instanz in den Medien, die Darstellung der europäischen (deutschen) Rettungspolitik als Erpressung, die Warnung, Griechenland werde zum Protektorat der europäischen Geldgeber (Berlins), all das habe „zu einem gewissen Meinungskonformismus geführt“, hat Bolz beobachtet.

Auch die Arbeit seines Instituts wird nun kritischer betrachtet. Einigen ist sie zu politisch, anderen geht sie im Gegenteil zu wenig auf die jüngste Entwicklung ein. Bolz bemüht sich, die Debatten „zu versachlichen“, wie er sagt - ein hoher Anspruch dieser Tage. Allerdings wird Bolz den Fortgang der Geschichte bald nur noch aus der Ferne betrachten können. In Kürze übernimmt er die Leitung des Goethe-Instituts in Moskau.

Quelle: F.A.S.

 
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