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Demographievergleich „Frankreich altert, Deutschland vergreist“

 ·  Vermutlich schon 2050 wird Frankreich mehr Einwohner als Deutschland zählen: „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben“ sagen sich die Französinnen bei der Familienplanung, während deutsche Frauen oft auf Nachwuchs verzichten.

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Die demographische Entwicklung in Deutschland und in Frankreich verläuft gegensätzlich. Während die deutsche Bevölkerung seit 2003 schrumpft, wächst Frankreich aufgrund seines Geburtenüberschusses kontinuierlich. Früher als erwartet, vermutlich schon zur Mitte des Jahrhunderts, dürfte Frankreich mehr Einwohner als Deutschland zählen.

„Bei ähnlichen Produktivitätssteigerungen diesseits und jenseits der Grenze könnte Frankreich Mitte des Jahrhunderts nicht nur demographisch, sondern auch wirtschaftlich vor Deutschland stehen.“ Das sieht eine vom französischen Forschungsinstitut Ifri im Januar veröffentlichte Studie voraus, die den Titel „Le décrochage démographique“ (deutscher Titel: Ungleiche Nachbarn) trägt.

Fertilitätsrate sogar gestiegen

Die Autoren Stephan Sievert und Reiner Klingholz vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung sind mit ihrem Ländervergleich in Frankreich auf großes Interesse gestoßen. Muss Frankreich der deutsche Bevölkerungsschwund beunruhigen? Ist das schrumpfende Deutschland zu einer langsamen wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Agonie verurteilt, wie es der Essayist Yves-Marie Laulan in seinem provokativen Buch: „Deutschland: Chronik eines angekündigten Todes“ prophezeite?

Französische Frauen bekommen knapp 50 Prozent mehr Kinder als ihre Nachbarinnen auf der anderen Seite des Rheins. In den vergangenen Jahren haben die Französinnen den Vorsprung zu den deutschen Frauen sogar noch vergrößert. Zwischen 1997 und 2008 ist die Fertilitätsrate in Frankreich von 1,73 auf 2,0 gestiegen (die Überseegebiete mitgerechnet sogar auf 2,02).

Deutschland weist 2008 eine Fertilitätsrate von 1,38 aus. Der Trend, Geburten zunächst aufzuschieben, ist dabei auch in Frankreich erkennbar. Aber Französinnen holen die Geburten anders als die Deutschen in späteren Jahren nach.

Gesellschaftliche Wertschätzung von Kindern

Die unterschiedliche Entwicklung führen Sievert und Klingholz darauf zurück, dass Familienpolitik in Paris schon viel früher auf der politischen Agenda stand als in Berlin. Aus Sorge, vom dynamischen deutschen Bevölkerungswachstum Ende des 19. Jahrhunderts „überrollt“ zu werden, wurde die Familienplanung frühzeitig zum Teil der Staatsräson.

Als Geburtsstunde umfassender staatlicher Maßnahmen nennen die Autoren den 1939 verabschiedeten „Code de la famille“. Die Geburtenförderung wurde kontinuierlich den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen angepasst.

Auch jetzt sei Frankreich Deutschland einen Schritt voraus, indem es flexible Beschäftigungsmodelle sowie längere Elternzeiten fördere. Die Familienpolitik ist einer der Gründe, warum Frankreich nie sehr niedrige Fertilitätsraten erlebte. Mindestens genauso wichtig sei aber auch die gesellschaftliche Wertschätzung von Kindern, die in Frankreich ungebrochen fortbestehe.

Finanzielle Anreize sind nicht die Lösung

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