Home
http://www.faz.net/-gq4-15i45
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Demographievergleich „Frankreich altert, Deutschland vergreist“

Vermutlich schon 2050 wird Frankreich mehr Einwohner als Deutschland zählen: „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben“ sagen sich die Französinnen bei der Familienplanung, während deutsche Frauen oft auf Nachwuchs verzichten.

© picture-alliance / dpa/dpaweb Vergrößern Geburtenrückgang und bessere medizinische Versorgung: die Industriestaaten vergreisen

Die demographische Entwicklung in Deutschland und in Frankreich verläuft gegensätzlich. Während die deutsche Bevölkerung seit 2003 schrumpft, wächst Frankreich aufgrund seines Geburtenüberschusses kontinuierlich. Früher als erwartet, vermutlich schon zur Mitte des Jahrhunderts, dürfte Frankreich mehr Einwohner als Deutschland zählen.

Michaela Wiegel Folgen:    

„Bei ähnlichen Produktivitätssteigerungen diesseits und jenseits der Grenze könnte Frankreich Mitte des Jahrhunderts nicht nur demographisch, sondern auch wirtschaftlich vor Deutschland stehen.“ Das sieht eine vom französischen Forschungsinstitut Ifri im Januar veröffentlichte Studie voraus, die den Titel „Le décrochage démographique“ (deutscher Titel: Ungleiche Nachbarn) trägt.

Mehr zum Thema

Fertilitätsrate sogar gestiegen

Die Autoren Stephan Sievert und Reiner Klingholz vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung sind mit ihrem Ländervergleich in Frankreich auf großes Interesse gestoßen. Muss Frankreich der deutsche Bevölkerungsschwund beunruhigen? Ist das schrumpfende Deutschland zu einer langsamen wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Agonie verurteilt, wie es der Essayist Yves-Marie Laulan in seinem provokativen Buch: „Deutschland: Chronik eines angekündigten Todes“ prophezeite?

Einwohnerzahl sinkt trotz Geburtenzunahme weiter © picture-alliance/ ZB Vergrößern 1,38 lautete die deutsche Fertilitätsrate zuletzt. In Frankreich 2,0

Französische Frauen bekommen knapp 50 Prozent mehr Kinder als ihre Nachbarinnen auf der anderen Seite des Rheins. In den vergangenen Jahren haben die Französinnen den Vorsprung zu den deutschen Frauen sogar noch vergrößert. Zwischen 1997 und 2008 ist die Fertilitätsrate in Frankreich von 1,73 auf 2,0 gestiegen (die Überseegebiete mitgerechnet sogar auf 2,02).

Deutschland weist 2008 eine Fertilitätsrate von 1,38 aus. Der Trend, Geburten zunächst aufzuschieben, ist dabei auch in Frankreich erkennbar. Aber Französinnen holen die Geburten anders als die Deutschen in späteren Jahren nach.

Gesellschaftliche Wertschätzung von Kindern

Die unterschiedliche Entwicklung führen Sievert und Klingholz darauf zurück, dass Familienpolitik in Paris schon viel früher auf der politischen Agenda stand als in Berlin. Aus Sorge, vom dynamischen deutschen Bevölkerungswachstum Ende des 19. Jahrhunderts „überrollt“ zu werden, wurde die Familienplanung frühzeitig zum Teil der Staatsräson.

Als Geburtsstunde umfassender staatlicher Maßnahmen nennen die Autoren den 1939 verabschiedeten „Code de la famille“. Die Geburtenförderung wurde kontinuierlich den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen angepasst.

Auch jetzt sei Frankreich Deutschland einen Schritt voraus, indem es flexible Beschäftigungsmodelle sowie längere Elternzeiten fördere. Die Familienpolitik ist einer der Gründe, warum Frankreich nie sehr niedrige Fertilitätsraten erlebte. Mindestens genauso wichtig sei aber auch die gesellschaftliche Wertschätzung von Kindern, die in Frankreich ungebrochen fortbestehe.

Finanzielle Anreize sind nicht die Lösung

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Film im Ersten Ihre strahlende Diagnose: Dörflerallergie

Atommüllendlagerung: Ist das Stoff für eine Komödie? Das gespaltene Dorf spart sich den didaktischen Zeigefinger und entwickelt sich zu einem heiteren Lustspiel auf dem Land. Mehr Von HEIKE HUPERTZ

21.01.2015, 17:31 Uhr | Feuilleton
Ungewöhnliche Ansprache Gute Katholiken müssen nicht wie Karnickel sein

Papst Franziskus hat sich auf seiner Rückreise von den Philippinen nach Rom mit ungewöhnlichen Worten für eine überlegte Familienplanung ausgesprochen. Mehr

20.01.2015, 11:40 Uhr | Gesellschaft
Zuwanderung Deutschstämmige Kinder in der absoluten Minderheit

Die CDU-Politikerin Erika Steinbach äußert Verständnis für die Pegida-Demonstrationen: Deutsche Kinder würden einen türkischen Akzent und weltanschauliche Ansichten der Zuwanderer übernehmen. Mehr

17.01.2015, 04:56 Uhr | Politik
Neues Buch von Houellebecq Verkauf von Unterwerfung in Deutschland gestartet

In dem umstrittenen Roman Unterwerfung entwirft der französische Autor ein Zukunftsszenario mit einem muslimischen Präsidenten in Frankreich. Mehr

20.01.2015, 11:21 Uhr | Feuilleton
Zuwanderungs-Debatte Lässt sich Einwanderung planen?

Auf einmal fordern fast alle Parteien ein Einwanderungsgesetz. Damit Deutschland bestimmt, wer kommen darf. Aber allzu viel Planwirtschaft hat noch nie geholfen. Wichtiger ist es, um hochqualifizierte Zuwanderer aktiv zu werben. Mehr Von Ralph Bollmann, Berlin

21.01.2015, 13:24 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 08.02.2010, 13:51 Uhr

Der Teufels-Pakt

Von Michael Martens, Athen

Mit seiner ersten Entscheidung als Ministerpräsident stößt Alexis Tsipras seine Anhänger vor den Kopf. Sein Koalitionspartner repräsentiert das alte, gescheiterte Griechenland – und hat einen fremdenfeindlichen Demagogen als Vorsitzenden. Mehr 29 85