Home
http://www.faz.net/-gpf-74yu7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Dankesrede zum Nobelpreis Vom Krieg zum Frieden

Auferstanden aus der Asche des Krieges besitzt Europa laut Van Rompuy und Barroso nun die Chance, sich neu zu erfinden. In ihrer Nobelpreisrede ermutigen sie junge Menschen, diese Verantwortung mit Würde zu übernehmen.

© dapd Vergrößern Ratspräsident Van Rompuy, Kommissionspräsident Barroso und Parlamentspräsident Schulz (v.l.n.r.)

Der Krieg ist so alt wie Europa. Unser Kontinent trägt die Narben von Speeren und Schwertern, Kanonen und Gewehren, Schützengräben und Panzern. Doch nach zwei schrecklichen Kriegen, die unseren Kontinent und die Welt in den Abgrund gestürzt haben, verwirklichte Europa Frieden.

In den dunklen Nachkriegstagen waren die Herzen vieler Menschen noch voll Trauer und Verbitterung. Wie kühn war die Idee der europäischen Gründerväter, diesen endlosen Kreislauf der Gewalt, die Logik der Vergeltung beenden und gemeinsam eine bessere Zukunft aufbauen zu können.

Natürlich hätte der Friede auch ohne die Union nach Europa kommen können. Vielleicht. Aber er wäre ganz anders gewesen. Wir haben dauerhaften Frieden, keinen frostigen Waffenstillstand.

Die Kunst des Kompromisses

Versöhnung ist das Besondere daran. Sie geht über das reine Vergeben und Vergessen oder ein einfaches Stillschweigen hinaus. Adenauer und de Gaulle in der Kathedrale von Reims: Es ist eines der bewegenden Bilder, die zur Heilung Europas nach dem Krieg beitrugen. Ich denke auch an andere Bilder. Sechs Länder versammelt in Rom, um ein neues Kapitel aufzuschlagen. Der Kniefall Willy Brandts in Warschau. Die Proteste der Danziger Werftarbeiter. Kohl und Mitterrand Hand in Hand. Rostropowitsch spielt Bach in Berlin nach dem Mauerfall.

Symbolische Gesten allein festigen jedoch keinen Frieden. Hier kommt die „Geheimwaffe“ der Europäischen Union ins Spiel: eine einzigartige Methode, unsere Interessen so eng miteinander zu verknüpfen, dass ein Krieg nahezu unmöglich wird. Durch ständige Verhandlungen zu immer mehr Themen zwischen immer mehr Ländern.

Mehr zum Thema

Ich gebe zu, dass einige Aspekte verwirrend sind. Minister aus Binnenländern diskutieren leidenschaftlich über Fischfangquoten. Europa-Abgeordnete aus Skandinavien debattieren über den Preis von Olivenöl. Die Europäische Union hat die Kunst des Kompromisses perfektioniert. Es geht nicht um Sieg oder Niederlage, sondern darum, dass alle Länder aus den Gesprächen als Sieger hervorgehen.

Studenten denken nicht zuerst an den Frieden

Es hat funktioniert. Frieden ist nunmehr selbstverständlich. Krieg ist undenkbar. Allerdings bedeutet undenkbar nicht unmöglich. Deshalb sind wir heute in Oslo zusammengekommen. Europa muss sein Friedensversprechen halten. Aber es kann seine Bürger nicht mehr allein mit diesem Versprechen begeistern.

Dies wird gerade heute umso deutlicher, da uns die schlimmste Wirtschaftskrise seit zwei Generationen getroffen hat, große Not unter unseren Völkern verursacht und die politischen Bande unserer Union auf den Prüfstand stellt.

Eltern, die versuchen, über die Runden zu kommen, entlassene Arbeitnehmer, Studenten, die fürchten müssen, trotz aller Anstrengungen keinen Berufseinstieg zu finden: Wenn sie an Europa denken, denken sie nicht zuerst an den Frieden.

Norway Nobel Peace Prize Ceremony © dapd Vergrößern Die Nobelpreisurkunde

Wir unternehmen große Anstrengungen, um wieder für mehr Wachstum und Arbeitsplätze zu sorgen. Wenn wir mit Zuversicht ans Werk gehen, werden wir Erfolg haben.

Die Europäische Union strebt nicht nur Frieden unter den Nationen an. Sie ist als politisches Projekt Ausdruck des Friedensbegriffs, wie ihn Spinoza definiert hat: „eine Geisteshaltung, eine Neigung zu Güte, Vertrauen, Gerechtigkeit“.

„Heimat unserer Heimatländer“

Andere historische Momente unterstreichen das. Die Menschen in Portugal, Spanien und Griechenland, die ihre demokratische Revolution und Freiheit feiern. Mittel- und Osteuropa und die baltischen Länder durften dies Jahre später ebenfalls erleben.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Asylpolitik Innenminister fordert schnellere Abschiebungen

Innenminister de Mazière fordert, dass Asylverfahren beschleunigt werden. Familienministerin Schwesig will den Umgang mit minderjährigen Flüchtlingen neu regeln. Die Gesetze könnten für Bund und Länder eine große Entlastung sein. Mehr

17.04.2015, 16:33 Uhr | Politik
Zehn Jahre nach dem Tsunami Aceh, auferstanden aus Ruinen

Eine Dekade nach dem Tsunami von Weihnachten 2004 erinnert nur noch wenig an die verheerende Welle - dank eines milliardenschweren Hilfsprogramms. Besonders betroffen war die indonesische Provinz Aceh. Fast 170.000 Menschen starben hier. Die Menschen haben aus der Katastrophe ihre Lehren gezogen. Mehr

24.12.2014, 09:17 Uhr | Gesellschaft
Wie erkläre ich’s meinem Kind? Warum so viele Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken

Immer wieder kentern Boote voller Flüchtlinge im Mittelmeer. Sehr viele Menschen ertrinken dann, manchmal hunderte zugleich. Warum sind sie auf der Flucht? Warum werden sie nicht gerettet? Und was kann man tun? Mehr Von Susanne Kusicke

24.04.2015, 14:27 Uhr | Feuilleton
Weihnachtsbotschaft Papst fordert mehr Zärtlichkeit

Vor Tausenden Gläubigen hat Papst Franziskus in Rom die Christmette gehalten und mehr Mitgefühl und Verantwortung von den Menschen gefordert. Mehr

25.12.2014, 11:16 Uhr | Aktuell
Flüchtlingspolitik Warum Europa uns jetzt braucht

Das Mittelmeer ist zum Massengrab für Flüchtlinge geworden. Die Ausländerfeinde haben an Zulauf und an Aufmerksamkeit gewonnen. Aber niemand sollte glauben, dass die Mehrheit der Deutschen noch länger zusehen will, wie mit den Flüchtlingen die europäische Idee in den Fluten versinkt. Mehr Von Navid Kermani

22.04.2015, 20:58 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 10.12.2012, 17:49 Uhr

Der einzige Ausweg

Von Heike Schmoll, Berlin

Der Odenwaldschule ist nach Bekanntwerden des massenhaften Missbrauchs kein Neuanfang gelungen – obwohl sie die Chance dazu gehabt hätte. Schule und Leitung sind in alte Muster zurückgefallen. Mehr 6 11