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Dankesrede zum Nobelpreis Vom Krieg zum Frieden

Auferstanden aus der Asche des Krieges besitzt Europa laut Van Rompuy und Barroso nun die Chance, sich neu zu erfinden. In ihrer Nobelpreisrede ermutigen sie junge Menschen, diese Verantwortung mit Würde zu übernehmen.

© dapd Vergrößern Ratspräsident Van Rompuy, Kommissionspräsident Barroso und Parlamentspräsident Schulz (v.l.n.r.)

Der Krieg ist so alt wie Europa. Unser Kontinent trägt die Narben von Speeren und Schwertern, Kanonen und Gewehren, Schützengräben und Panzern. Doch nach zwei schrecklichen Kriegen, die unseren Kontinent und die Welt in den Abgrund gestürzt haben, verwirklichte Europa Frieden.

In den dunklen Nachkriegstagen waren die Herzen vieler Menschen noch voll Trauer und Verbitterung. Wie kühn war die Idee der europäischen Gründerväter, diesen endlosen Kreislauf der Gewalt, die Logik der Vergeltung beenden und gemeinsam eine bessere Zukunft aufbauen zu können.

Natürlich hätte der Friede auch ohne die Union nach Europa kommen können. Vielleicht. Aber er wäre ganz anders gewesen. Wir haben dauerhaften Frieden, keinen frostigen Waffenstillstand.

Die Kunst des Kompromisses

Versöhnung ist das Besondere daran. Sie geht über das reine Vergeben und Vergessen oder ein einfaches Stillschweigen hinaus. Adenauer und de Gaulle in der Kathedrale von Reims: Es ist eines der bewegenden Bilder, die zur Heilung Europas nach dem Krieg beitrugen. Ich denke auch an andere Bilder. Sechs Länder versammelt in Rom, um ein neues Kapitel aufzuschlagen. Der Kniefall Willy Brandts in Warschau. Die Proteste der Danziger Werftarbeiter. Kohl und Mitterrand Hand in Hand. Rostropowitsch spielt Bach in Berlin nach dem Mauerfall.

Symbolische Gesten allein festigen jedoch keinen Frieden. Hier kommt die „Geheimwaffe“ der Europäischen Union ins Spiel: eine einzigartige Methode, unsere Interessen so eng miteinander zu verknüpfen, dass ein Krieg nahezu unmöglich wird. Durch ständige Verhandlungen zu immer mehr Themen zwischen immer mehr Ländern.

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Ich gebe zu, dass einige Aspekte verwirrend sind. Minister aus Binnenländern diskutieren leidenschaftlich über Fischfangquoten. Europa-Abgeordnete aus Skandinavien debattieren über den Preis von Olivenöl. Die Europäische Union hat die Kunst des Kompromisses perfektioniert. Es geht nicht um Sieg oder Niederlage, sondern darum, dass alle Länder aus den Gesprächen als Sieger hervorgehen.

Studenten denken nicht zuerst an den Frieden

Es hat funktioniert. Frieden ist nunmehr selbstverständlich. Krieg ist undenkbar. Allerdings bedeutet undenkbar nicht unmöglich. Deshalb sind wir heute in Oslo zusammengekommen. Europa muss sein Friedensversprechen halten. Aber es kann seine Bürger nicht mehr allein mit diesem Versprechen begeistern.

Dies wird gerade heute umso deutlicher, da uns die schlimmste Wirtschaftskrise seit zwei Generationen getroffen hat, große Not unter unseren Völkern verursacht und die politischen Bande unserer Union auf den Prüfstand stellt.

Eltern, die versuchen, über die Runden zu kommen, entlassene Arbeitnehmer, Studenten, die fürchten müssen, trotz aller Anstrengungen keinen Berufseinstieg zu finden: Wenn sie an Europa denken, denken sie nicht zuerst an den Frieden.

Norway Nobel Peace Prize Ceremony © dapd Vergrößern Die Nobelpreisurkunde

Wir unternehmen große Anstrengungen, um wieder für mehr Wachstum und Arbeitsplätze zu sorgen. Wenn wir mit Zuversicht ans Werk gehen, werden wir Erfolg haben.

Die Europäische Union strebt nicht nur Frieden unter den Nationen an. Sie ist als politisches Projekt Ausdruck des Friedensbegriffs, wie ihn Spinoza definiert hat: „eine Geisteshaltung, eine Neigung zu Güte, Vertrauen, Gerechtigkeit“.

„Heimat unserer Heimatländer“

Andere historische Momente unterstreichen das. Die Menschen in Portugal, Spanien und Griechenland, die ihre demokratische Revolution und Freiheit feiern. Mittel- und Osteuropa und die baltischen Länder durften dies Jahre später ebenfalls erleben.

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